Berliner Love Week Wenn nackt, dann Techno...?

Das erste Wochenende der Berliner "Love Week" ist ohne Zwischenfälle verlaufen. Doch die recht unterschiedliche behördliche Behandlung der drei Demos wirft zahlreiche Fragen auf...

Von Jürgen Laarmann


Wer nackt ist, darf auch Musik hören? Teilnehmer auf dem Hedonisten-Carneval
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Wer nackt ist, darf auch Musik hören? Teilnehmer auf dem Hedonisten-Carneval

Im Tiergarten war es gespenstisch leer. Gerade mal 300 Tiergartenschützer versammelten sich zur Demo gegen die Love Parade. Einige von ihnen hatten sich als Baum verkleidet und mit einem "Pinkel mich an"-Schild dekoriert. Die Transparente der überwiegend älteren Anwohner mahnten mit Slogans wie "Raven ja, aber mit Verantwortung" und "Fünf Jahre Zerstörung sind genug!" Nur ein paar verwirrte Technofans stießen hinzu und wunderten sich, dass keine Love Parade stattfand. Die Tiergartenschützer selbst fühlten sich trotz der geringen Beteiligung als Sieger eines Kampfes "David gegen Goliath".

Die Wirtschaftspolitiker der Hauptstadt haben sich indes zu fragen, ob sich dieser kurzzeitige Triumph gelohnt hat. Immerhin bedeutet das pure Verschieben der Love Parade um eine Woche für die Stadt einen Einnahmeverlust in Millionenhöhe, ohne dass dabei der Tiergarten entlastet wird.

Radio-Konfiszierung und Techno-Verbot

Zur selben Zeit wie die Tiergarten-Demo fand in Friedrichshain die "Demo für Demonstrationsfreiheit" statt, die die Fuckparade-Macher statt ihrer vom Verfassungsgericht nicht als Versammlung genehmigten Veranstaltung inszeniert hatten. Die Teilnehmer der Demonstration wurden am Frankfurter Tor von einem 800 Mann starken Aufgebot der Polizei begrüßt, die die Technofans in Augenschein nahmen und durchsuchten. Die Beamten konfiszierten Radios und elektronische Abspielgeräte, alles, was Musik hätte übertragen können.

Ursprünglich hatten die Veranstalter geplant, eine Beschallung ihrer Demonstration durch das Programm des öffentlich-rechtlichen Radiosenders "Fritz" über mitgebrachte Ghettoblaster zu gewährleisten. Dies war von der Versammlungsbehörde verboten worden. So war es auf der Fuckparade, einst die Demo der lauten Technovariante "Gabber", zeitweise mucksmäuschenstill.

Den Beweis, dass es sich um eine politische Demo im klassischen Stil handelte, erbrachten die Teilnehmer durch Transparente wie "Planetcom raus aus dem Wirtschaftsstandort Deutschland" und "Musik ist Mittel zur Meinungsäußerung". Als jedoch bei der Abschlusskundgebung ein Fahrzeug vorfuhr, aus dem laute Technomusik dröhnte, wurde dies von einer Hundertschaft Polizei gestoppt, und es kam zu kleineren Scharmützeln. Elf Demonstranten wurden festgenommen, ein Polizist leicht verletzt. Die Veranstalter beschworen prompt einen "schwarzen Tag für die Demokratie und für die Versammlungsfreiheit".

"Wenn man nicht mehr auf der Straße öffentlich-rechtliches Radio hören darf, kann man nicht sagen, dass wir in einem freien Land leben", kritisierte Fuckparade-Sprecher Martin Kliehm das seiner Meinung nach völlig überzogene Polizeiaufgebot und kündigte eine Klage gegen das Verbot der Fuckparade in einem Hauptverfahren an. Klagen will er ebenso gegen den Polizeieinsatz und die Beschlagnahme der Radiogeräte.

Christopher Street Day für die Porno- und SM-Szene?

Paraden-Gewinner des Wochenendes war also der Carneval Erotica, der auch vom ohnehin samstäglich belebten Ku'damm profitierte. Zeitweise über 150.000 Gäste nahmen als Zuschauer oder Mitwirkende an dem von der "BZ" als "Schnacksel-Demo" promoteten Ereignis teil. Auffällig viele Fotografen und Videofilmer versuchten, die überwiegend im Fetisch-Outfit gekleideten Teilnehmer im Bild einzufangen.

Der Carneval Erotica hatte seine Genehmigung als politische Versammlung erwirkt, indem er eine Anzahl Wagen ohne Musik in seinen Umzug aufnahm. So demonstrierten einige Mobile gegen die "Diskriminierung von Pornodarstellern im Privatleben", für die "Mehrehe" oder für "Therapien für Triebtäter". Auch die Pornoindustrie nutzte den Carneval als Präsentationsfläche ("Isabell Golden - Euer Pornostar zum Anfassen"). Die Veranstaltung glich einem großen Hetero-Christopher-Street-Day für die SM-, Fetisch- und Pornoszene.

Leichte Scharmützel mit der übermächtigen Polizei: Demonstranten auf der Fuckparade
DPA

Leichte Scharmützel mit der übermächtigen Polizei: Demonstranten auf der Fuckparade

Die mit gewaltigen Soundsystemen ausgestatteten Wagen vom Kitkatclub und anderen Fetischparty-Veranstaltern unterbrachen ihre Musikdarbietungen in regelmäßigen Abständen zu Gunsten kämpferischer politischer Reden, was zwar die Stimmung der Tänzer trübte, aber den Charakter der Veranstaltung als Versammlung untermauerte.

Viele Raver, die sich dem Carneval anschlossen, fühlten sich prompt an alte Love-Parade-Zeiten erinnert. Damals hatten die Ku'damm-Omas über die Techno-Jünger genauso gestaunt wie heute über die freizügig gekleideten Hedonisten. Die Polizei schritt nur dann mahnend ein, wenn primäre Geschlechtsteile der Mitwirkenden im Eifer des Tanzes zu sehen waren. Die Hedonisten versuchten sich jedoch zu disziplinieren, so dass es bis zum Ende der Veranstaltung keine nennenswerten Zwischenfälle gab - was wiederum für einige enttäuschte Spanner sorgte.

Mit Musik ist Demonstrieren schöner

In Sachen Versammlungsgesetz blieben zahlreiche Fragen offen. Insbesondere die Anhänger der Fuckparade können aus der Berliner Demo-Praxis folgern, dass nur wer sich nackt oder im Fetisch-Outfit präsentiert, das Recht hat, Techno zu hören. Der Vorwurf der Gerichte, dass sie im Gegensatz zu den Hedonisten "lediglich ein Lebensgefühl präsentieren" und keine politische Meinung verträten, ist nicht nachvollziehbar

Auch darf man es problematisch finden, dass die Berliner Versammlungsbehörde aktiv Partypolitik betreibt. Der massive Polizeieinsatz und das Musikverbot zur Fuckparade-Ersatzdemo schreckte viele potenzielle Teilnehmer ab, sie wechselten lieber gleich zum Carneval am Ku'damm. So bewahrheitete sich sogar ein altes Motto der Love Parade: "Music is the key". Junge Leute mögen eben Musik beim Demonstrieren. Fazit des Wochenendes: Es ist wohl dringend notwendig, dass das Verfassungsgericht ein Grundsatzurteil zum Versammlungsrecht für Veranstaltungen mit Musik als emotionalem Träger trifft.



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