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Berliner Medienkrieg: Goliath verklagt David

Von und Sascha Klettke

Ein Kleinverleger will mit einer "Berliner Tageszeitung" die Presselandschaft der Hauptstadt umpflügen. Zwei Großverlage zerren den journalistisch unbeleckten Neuling vor Gericht - eine Attacke, die sich rächen könnte.

Es ist ja nicht so, dass Berlins Verlage einen weiteren Kriegsschauplatz brauchen. Die Redaktion der "Berliner Zeitung" kämpft gegen sich selbst, genauer: gegen die maßlosen Renditeziele und die umstrittene Personalpolitik ihres Eigentümers. Zudem gilt der Hauptstadtmarkt in dem ohnehin schwächelnden Tageszeitungssegment als besonders hart umkämpft. Qualitätsblätter wie "Der Tagesspiegel" und die "Berliner Zeitung" leiden, Boulevardtitel wie die "B.Z." bluten. Doch manchmal zettelt, wer einen harten Krieg führt, einen weiteren an. Etwa, wenn ein leichter Sieg winkt, der die Moral heben könnte - so wie in diesem Fall.

Screenshot der Homepage der "Berliner Tageszeitung": News für die Haupstadt?

Screenshot der Homepage der "Berliner Tageszeitung": News für die Haupstadt?

Derzeit überziehen zwei große Berliner Verlage, der des "Tagesspiegel" (Holtzbrinck) und der der "Berliner Zeitung" (Mecom), eine kleine Firma namens German Solution Deutschland (GSD) mit Einstweiligen Verfügungen. Hintergrund: Die GSD plant eine Zeitung namens "Berliner Tageszeitung" auf den Markt zu bringen, eine Internetpräsenz besteht bereits.

Als Chefredakteur des Blattes amtiert ein Mann namens Reiko Opitz. Mit Bürgermeister Wowereits Diktum von der Hauptstadt als "arm, aber sexy" vertraut, hat Opitz erkannt, dass im klammen Hauptstadtvolk "sich nicht mehr jeder eine Zeitung für 50 oder 80 Cent leisten kann". Wie er SPIEGEL ONLINE sagte, plant er mit Hilfe "zweier Discounter, einer Drogeriekette und einer Großbäckerei" eine Zeitung zu verkaufen, im Tabloid-Format für einen Preis von 10 Cent, mit einer angepeilten Auflage von stolzen 145.000 Exemplaren. Eine "liberal-konservative Tageszeitung, kein Werbeblättchen" sollte das Blatt werden, "nicht konzernseitig, sondern von Privatinvestoren finanziert", die er - bis auf seine Mutter - nicht nennt.

Doch Opitz beging einen Fehler - er nannte sein Blatt "Berliner Tageszeitung - Berliner Tageblatt - erstmals seit 1872". Das besagte "Tageblatt" galt lange als publizistische Institution. Theodor Wolff arbeitete dort als Chefredakteur, Kurt Tucholsky betreute die Humorbeilage die Zeitung, die 1939, von den Nazis gleichgeschaltet, eingestellt wurde. Die Rechte an dem Namen waren frei, Opitz sicherte sie sich. Ein echter Coup, denn so viel scheinbare Tradition im Namen wirkt bei Lesern und vor allem Anzeigenkunden - muss aber der Konkurrenz missfallen.

Und so gingen die Verlage der "Berliner Zeitung" und des "Tagesspiegel" gegen Opitz vor und erwirkten Einstweilige Verfügungen. Der "Tagesspiegel" allein brachte es auf drei, alle liegen SPIEGEL ONLINE vor. Darin heißt es, Opitz täusche eine "Unternehmenstradition als Merkmal geschäftlicher Verhältnisse" vor; mit dem Zusatz "erstmals seit 1872" darf Opitz vorerst nicht mehr werben. Damit nicht genug: Dem "Tagesspiegel" gefiel Opitz' Behauptung nicht, die Namen "Berliner Tageszeitung" und "Berliner Tageblatt" seien beim Europäischen Patentamt geschützt – Opitz kassierte die zweite Einstweilige Verfügung. Doch als das Gericht die Schreiben zustellen wollte, erwies sich die Adresse im Online-Impressum von Opitz' "Berliner Tageszeitung" als "nicht zustellfähig". Was folgte, war die dritte Verfügung wegen Verstoßes gegen die Vorschrift, eine korrekte Adresse im Impressum anzugeben.

Der ewige Playboy der Hauptstadt

Eine Zeitung ohne korrekte Adresse? Das spricht genauso wenig für das Projekt wie seine Mitarbeiter. Mit dabei ist etwa der Schlagersänger Andy Moor, im Online-Impressum als "Redaktionsleiter Online-TV Boulevard und Kolumnen" ausgewiesen. Moor ist ein alter Bekannter von Opitz und ein Experte für Stars und Sternchen, besonders für die Lokalprominenz rund um den Kurfürstendamm. Gemeinsam mit Feierfreund Rolf Eden, dem ewigen Playboy der Hauptstadt, hat er eine Maxi-CD mit dem programmatischen Titel "Partygeil" veröffentlicht.

Moor ist nicht der einzige aus Edens Dunstkreis, der bei der "Berliner Tageszeitung" angeheuert hat. Die ehemalige Miss Germany Yvonne Wölke ist Lesern der kunterbunten Hauptstadtpresse als eine der Freundinnen Edens bekannt. Sie präsentierte zeitweilig die Videonachrichten auf der Website der "Berliner Tageszeitung". Inzwischen ist sie aus dem Impressum und vom Bildschirm verschwunden. Statt Nachrichten zeigte der Videokasten in den vergangenen Tagen einen Beitrag über den "Masterplan Schiene, Seehafen, Hinterlandverkehr". Diese News hatte die "Berliner Tageszeitung" freilich nicht ganz exklusiv: Das Video stammt von Bahn TV, einem PR-Angebot der Deutschen Bahn. Dort ist es ebenfalls zu sehen – und zwar seit Januar.

Die GSD, sagt denn auch Simon Bergmann von der Kanzlei Scherz & Bergmann, die - unabhängig voneinander, wie der Anwalt betont - sowohl den "Tagesspiegel" als auch die "Berliner Zeitung" vertritt, sei im Moment zwar ein eher kleiner Konkurrent. Aber niemand könne garantieren, dass das so bleibe. Und so übt man Druck aus. Mit Erfolg: Im Dezember sollte Opitz' erste Print-Ausgabe erscheinen, bis heute ist nichts passiert. Wegen all der teuren und aufreibenden Rechtsstreitigkeiten, sagt Opitz und klagt, dass er Kunden und Partner nur mühsam bei Stange halten könne. Er geht gegen die Verfügungen vor und will überdies Schadensersatz einfordern.

"Aber vielleicht", sagt Opitz, "kommt es dazu gar nicht." Er verhandle mit einem großen Verlag, der ihm eine "hohe sechsstellige Summe" für die Rechte an der "Berliner Tageszeitung" biete. Der Interessent, so Opitz, verlege eine große Boulevardzeitung und stamme aus einem deutschsprachigen Nachbarland, wo man sich mit "Grüezi" begrüße - da kommt eigentlich nur der Schweizer Verlag Ringier in Frage, der in Deutschland die Magazine "Cicero" und "Monopol" herausbringt. Ringier beschied SPIEGEL ONLINE lapidar, man nehme "zu Gerüchten keine Stellung" – was immerhin kein Dementi ist.

Sollte sich die beiden Berliner Platzhirsche mit ihren Aktionen gegen Opitz tatsächlich ungewollt den potenten Ringier-Verlag als Konkurrent in den Tagungszeitungsmarkt holen, wären die leichten Siege der Großverlage teuer erkauft.

Anm. d. Red: Im ursprünglichen Beitrag fand sich eine Passage, die aus redaktionellen Gründen entfernt worden ist.

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