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Berliner Parr-Ausstellung: World Wide Widerlich

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Stiernacken, Jesus-Devotionalien, rosa Donuts: Der Magnum-Fotograf Martin Parr dokumentiert weltweit den schlechten Geschmack. Aber wer die Retrospektive "Assorted Cocktails" in Berlin besucht, beweist seinen guten.

Mit eleganter "Food Photography" hat Martin Parr gar nichts im Sinn. Stattdessen: Lyoner Wurst, blässlich, in Plastikfolie geschweißt, daneben Jagdwurst, blässlich, in Plastikfolie geschweißt. Oder: wulstige Männerlippen, die an einem Faden Braten zerren, der sich nicht vom Steak im Brötchen lösen will. Wer die überdimensionierten Fotografien des Briten sieht, muss einfach seinen gesunden Appetit verlieren. Die Berliner C/O-Galerie ehrt den 57-jährigen Parr seit heute mit einer großen Retrospektive und zeigt Fotografien aus den vergangenen 25 Jahren. Schon zum dritten Mal ist der Brite in der Galerie zu Gast, die ihn vor sechs Jahren erstmals in Deutschland vorstellte, und ihn später zeitweilig als Kurator engagierte.

Parr entstammt einem methodistischen Mittelstands-Haushalt und ließ sich als Teenager von seinem Großvater für die Fotografie begeistern; zu einer Zeit, als die englische Fotografie nur marginalen Status hatte. Davon unbeirrt mobilisierte er schon während seines Fotografiestudiums in Manchester die Anwohner einer Reihenhaussiedlung, sich vor seiner Kamera in ihrer Alltäglichkeit - und Gewöhnlichkeit - zu exhibitionieren.

Dieser Ansatz brachte ihm schnell Schelte ein. Er entblöße das schutzwürdige Proletariat, warf ihm etwa die "Arts Review" schon 1986 vor, als Parr das Kleinbürger-Grauen an Englands Südküste einfing: "Last Resort" nannte er seine Fotografie-Serie aus New Brighton, einem beliebten Feriendomizil von Touristen diesseits der Wohlstandsgrenze. In der Reihe ist etwa zu sehen, wie sommerfrischelnde Unterschichtler massenhaft in eine Imbissbude drängeln und sich nackte Oberkörper um XXL-große Ketchup-Kanister scharen. Kritik an seinen Motiven hat Parr, seit 1994 in der Riege der Magnum-Fotografen, jedoch stets abgeschmettert. Menschen zu fotografieren, habe stets etwas Ausbeuterisches: "Ich bin da keine Ausnahme."

Konsumgeilheit und miefige Attitüden

Die anhaltende Gültigkeit seiner Motive, über Kontinente und Jahrzehnte hinweg, für die er sich wie bei einer TV-Soap auf die Lauer lege, um den idealen Moment zu treffen, gibt ihm Recht: Seine ebenfalls in der Retrospektive ausgestellte Reihe "Bored Couples" entblößt Paare, die sich rund um den Globus in Gaststätten anschweigen, mal mit Hawaii-Girlande um den Hals, mal vor Manhattan-Fototapete. Die Bilder verströmen eine zeitlose Aura zwischenmenschlicher Tristesse, die sich vor Parrs Kleinbildkamera noch intensiver darstellt als in der Realität.

Parr hat mittlerweile seinen soziologischen Fokus verschoben, nimmt seit Anfang der Neunziger die Makel der Mittelklasse ins Visier. Konsumgeilheit enttarnt er genauso unaufgeregt wie miefige Attitüden: Ihm reicht dafür ein noch so alltägliches Beweismittel, wie der Biss in einen Sesamkringel. In seiner neuesten Reihe "Mexiko" zeigt er einen "McDonald's", in dem sich Jesus-Souvernirs wie das Frühstücksbrettchen "Letztes Abendmahl" stapeln. Oder er platziert einen Klischeetouristen vor den Pyramiden von Teotihuacán, dessen Kopf das monumentale Bauwerk verdrängt; als seien Pauschaltouristen, die sich um jeden Quadratmeter Sand balgen, nicht absurd genug.

Und in Mexiko kommt Parr auch den unbeholfenen Auswüchsen von Nationalstolz auf die Spur: Autoreifen in den Nationalfarben Grün, Weiß und Rot stecken, umzingelt von Kakteen, im Sand. Ihrem Nutzwert entbunden, dienen sie als identitätsstiftende Artefakte, suggerieren, mitten in der klischeehaften Kulisse der mexikanischen Wüste, verspieltes "Heimatbewusstsein".

Die Berliner Retrospektive knüpft nun einen Flickenteppich der Einflüsse und Wechselwirkungen, die Parrs Werk durchziehen. Von der Lyoner Wurst im hiesigen Supermarkt ist es nur ein Gedankensprung zu grell inszenierten Donuts-Bergen. Und auch seine Sozialstudien in Deutschland ("Think of Germany") und England schenken sich nichts. "Think of England" zeigt einen nackten Glatzkopf am Strand, "England" in den sonnenverbrannten Nacken tätowiert. Und "England" ist nur der Platzhalter für x-beliebige Ländernamen, die es auf nationalbewusste Rücken schaffen. Mehr Blöße geht nicht.


Ausstellung "Martin Parr: Assorted Cocktail", C/O Berlin, 15. Dezember 2007 bis 24. Februar 2008

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