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Berliner Rundfunk-Posse: Sag zum Abschied leise gar nichts

Von Antonia Götsch

Chaos-Insolvenz in der Hauptstadt: 30 Mitarbeiter des Berliner Lokalsenders Hundert,6 kamen am Montag Morgen in verlassene Studios. Geschäftsführer Thomas Thimme und ausgewählte Angestellte waren über das Wochenende klammheimlich in neue Räumlichkeiten umgezogen. Eine Posse aus der Medienwelt.

Radio Hundert,6-Moderator Matthias Kayales mit Maskottchen: Opfer einer "geheimen Aktion"
SPIEGEL ONLINE

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Die Computerschirme sind schwarz, keiner der Mitarbeiter kann sich mehr mit seinem Passwort einloggen. "Wir haben ja eh nichts zu tun", sagt ein Redakteur. Das Programm läuft ohne sie, aus einem neuen Studio. Zwei Drittel der Belegschaft des Berliner Privatradios Hundert,6 - das Superradio, gut 30 Personen, stehen seit heute Morgen vor vollendeten Tatsachen.

Auf Wiederhören, Kollegen!

"Ich kam heute früh ins Studio und der Moderator kam und kam einfach nicht", berichtet der Techniker, der die Morgensendung betreut. Um fünf Minuten nach fünf hörte er dann trotzdem Gabor Steiners Stimme aus dem Radio. Der Moderator begrüßte wie üblich gut gelaunt seine Hörer. "Da habe ich ihn angerufen und er sagte nur, er sei jetzt in den neuen Senderäumen und das sei eine geheime Aktion gewesen."

Noch am Freitag erklärte Geschäftsführer Thomas Thimme der "B.Z.", das Programm werde weiterhin aus den alten Studios an der Katherina-Heinroth-Straße nahe des Bahnhof Zoos gefahren. Entlassungen werde es nicht geben. Briefpapier mit einer neuen Anschrift und neue Verträge für ausgewählte Mitarbeiter hatten allerdings vergangene Woche den Betriebsrat alarmiert.

Der Frosch zeigt "rot": Wütende Mitarbeiter haben ihrem Maskottchen die rote Karte in die Hand gedrückt
SPIEGEL ONLINE

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"Ich sollte in der Potsdamer Straße 131 zwei neue Studios komplett mit Technik ausstatten, dabei hätten wir hier im Haus noch Platz gehabt. Da wusste ich schon, dass etwas faul ist", sagt ein Mitarbeiter. Thimme wiegelte noch am Wochenende alle Befürchtungen ab und sagte verschiedenen Berliner Zeitungen, er wolle in den neuen Räumen lediglich Softwaretests durchführen.

"Das hat hier keiner geglaubt", sagt einer der Zurückgebliebenen, "und darum haben wir auch am Sonnabend und Sonntag die Räume bewacht". Mitten in der Nacht hätten sich Thimme und enge Vertraute durch die Hintertür in die Senderäume geschlichen, um Geschäftsunterlagen und technisches Gerät abzutransportieren. "Da ist es lediglich um private Sachen gegangen", so der Geschäftsführer gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Geheimhaltung ist Programm

Sechs bis zehn Mitarbeiter, vornehmlich aus der Geschäftsführung und dem Marketing, sowie einige Moderatoren gestalten jetzt das neue Programm. "Diese Verträge wurden im Vorfeld unter der Auflage strenger Geheimhaltung geschlossen", erklärt der Betriebsratsvorsitzende Olaf Heblinski.

Leeres Radio Hundert,6-Studio: "Der Moderator kam und kam nicht"
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In der Schublade seiner Sekretärin hat Thimme einen Brief hinterlassen: "Liebe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Radio Hundert,6 Medien GmbH und deren mehrheitliche Tochterfirmen haben heute Insolvenz anmelden müssen." Weitere Lösungen seien mit einem Insolvenzverwalter, der sich "sehr bald" melden werde, zu besprechen. "Da der Sendebetrieb auch nicht mehr läuft, weise ich als Dienstanweisung die Mitarbeiter hiermit an, keine öffentlichen Erklärungen abzugeben oder öffentliche Aktionen zu unternehmen."

"Hundert,6 - Das Superradio" hat den Sendebetrieb eingestellt. Vom neuen Standort funkt jetzt schlicht "Hundert,6". "Ein ganz neues Programm mit anderer Musik", sagt Thimme. Der Umzug sei allein den eskalierenden Streitigkeiten mit dem Vermieter geschuldet. Wann er diese Aktion beschlossen habe, will Thimme allerdings nicht verraten. Für eine Absprache mit den zurückgelassenen Angestellten "habe er einfach keine Zeit gehabt".

Die Lizenz zum Mauscheln

Auch firmenrechtlich sei alles neu geregelt. Die Sendelizenz für den "neuen Sender", liege bei der neu gegründeten Power Radio GmbH. Die zurückgelassenen Mitarbeiter haben ihre Verträge mit der Hundert,6 Medien GmbH. Und bei der zuständigen Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) ist als Gesellschafterin die Medialog eingetragen. Sprecherin Susanne Grams bestätigt, dass Thimme zwar einen Antrag gestellt habe, die Lizenz an die neue Power Radio GmbH zu übertragen, aber noch nichts entschieden sei.

Betriebsratsmitglieder mit Sender-Maskottchen: "Keine öffentlichen Erklärungen"
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Ein Kuddelmuddel, bei dem noch nicht einmal mehr die Betroffenen durchblicken. "Wir haben erst heute Nachmittag gemerkt, dass bei der Medienanstalt schon die Medialog eingetragen ist. Aber mit der hat ja keiner einen Vertrag", sagt Betriebsratsmitglied Margit Ehrlich und fürchtet, dass ihr ehemaliger Chef die Belegschaft so elegant loswerden könnte. "Das sind alles miese Tricks", sagt Ehrlich. "Aus dem ganzen Chaos kommt nur einer gut raus, der alte und neue Geschäftsführer."

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