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12. September 2018, 12:37 Uhr

Theater-Zensur

Berliner Schaubühne bricht China-Tournee ab

Die letzten beiden Gastspiele finden nicht statt: Die Berliner Schaubühne muss frühzeitig ihre China-Tour beenden - offiziell wegen "technischer Probleme". Der wahre Grund dürfte ein anderer sein.

Seit sechs Jahren gastiert die Schaubühne mit Henrik Ibsens Stück "Volksfeind" in Theatern rund um die Welt, von Melbourne bis Montreal, von São Paulo bis Singapur. Das Gastspiel in China dagegen muss vorzeitig beendet werden. Das bestätigte Schaubühne-Direktor Tobias Veit der Deutschen Presseagentur.

Das Theater der ostchinesischen Stadt Nanjing, wo die letzten beiden Vorstellungen hätten stattfinden sollen, sagte die Termine demnach ab. Als offizielle Begründung wurden "technische Probleme" angegeben. Die Berliner gehen jedoch davon aus, dass Zensur der eigentliche Grund für das vorzeitige Ende der Tournee ist.

Das Ensemble hatte damit schon zu Beginn seiner Tour in China Erfahrungen gemacht. Bei Aufführungen in Peking wurden leere Sitze mit Mitarbeitern des Theaters aufgefüllt, im Internet alle Einträge gelöscht, die über die Aufführung vom Vorabend gepostet worden waren.

Das Besondere an Thomas Ostermeiers Inszenierung aus dem Jahr 2012 ist eine Szene, in der die vierte Wand durchbrochen und das Theaterpublikum aufgefordert wird, selbst Stellung zu beziehen. In Peking hätten Zuschauer laut Tobias Veit gesagt: "Hier werden auch Leute ausgerottet." Andere Zuschauer hätten sich offen über die Zensur beklagt, über die Verlogenheit der Presse, über die Vertuschung von Umweltverbrechen.

Um den Abbruch der Tour zu verhindern, war das Ensemble einen Kompromiss eingegangen und hatte eine neue Szene entwickelt. Nun kommt trotzdem das vorzeitige Aus.

kae/dpa

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