Theater-Zensur Berliner Schaubühne bricht China-Tournee ab

Die letzten beiden Gastspiele finden nicht statt: Die Berliner Schaubühne muss frühzeitig ihre China-Tour beenden - offiziell wegen "technischer Probleme". Der wahre Grund dürfte ein anderer sein.

Arno Declair

Seit sechs Jahren gastiert die Schaubühne mit Henrik Ibsens Stück "Volksfeind" in Theatern rund um die Welt, von Melbourne bis Montreal, von São Paulo bis Singapur. Das Gastspiel in China dagegen muss vorzeitig beendet werden. Das bestätigte Schaubühne-Direktor Tobias Veit der Deutschen Presseagentur.

Das Theater der ostchinesischen Stadt Nanjing, wo die letzten beiden Vorstellungen hätten stattfinden sollen, sagte die Termine demnach ab. Als offizielle Begründung wurden "technische Probleme" angegeben. Die Berliner gehen jedoch davon aus, dass Zensur der eigentliche Grund für das vorzeitige Ende der Tournee ist.

Das Ensemble hatte damit schon zu Beginn seiner Tour in China Erfahrungen gemacht. Bei Aufführungen in Peking wurden leere Sitze mit Mitarbeitern des Theaters aufgefüllt, im Internet alle Einträge gelöscht, die über die Aufführung vom Vorabend gepostet worden waren.

Das Besondere an Thomas Ostermeiers Inszenierung aus dem Jahr 2012 ist eine Szene, in der die vierte Wand durchbrochen und das Theaterpublikum aufgefordert wird, selbst Stellung zu beziehen. In Peking hätten Zuschauer laut Tobias Veit gesagt: "Hier werden auch Leute ausgerottet." Andere Zuschauer hätten sich offen über die Zensur beklagt, über die Verlogenheit der Presse, über die Vertuschung von Umweltverbrechen.

Um den Abbruch der Tour zu verhindern, war das Ensemble einen Kompromiss eingegangen und hatte eine neue Szene entwickelt. Nun kommt trotzdem das vorzeitige Aus.

kae/dpa



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Beijinger 12.09.2018
1. Und wieder ein eindrucksvolles Beispiel
Deutscher Naivität, gekoppelt mit Arroganz. Was haben die Verantwortlichen der Schaubühne dennvon einem Gastspiel in China erwartet? Daß die Chinesen sie mit ihrem Theater so akzeptieren? Wie viele chinesische Zuschauer konnten denn überhaupt deutsch sprechen? Und die, die deutsch sprechen, hatten sicher kein Interesse, ihre Meinung vor aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine völlige Verkennung und Geringschätzung chinesischer Kultur und Mentalität und ein weiteres Beispiel dafür, daß Deutschlands “Kulturschaffende” sich mit ihrem Auftritt einen Bärendienst erwiesen haben und die Zahl der Chinesen, die im eigenen familiären Kreis den Kopf über Deutschland schütteln, weiter wächst.
newbie99 12.09.2018
2. Und wieder ein eindrucksvolles Beispiel
Zitat von BeijingerDeutscher Naivität, gekoppelt mit Arroganz. Was haben die Verantwortlichen der Schaubühne dennvon einem Gastspiel in China erwartet? Daß die Chinesen sie mit ihrem Theater so akzeptieren? Wie viele chinesische Zuschauer konnten denn überhaupt deutsch sprechen? Und die, die deutsch sprechen, hatten sicher kein Interesse, ihre Meinung vor aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine völlige Verkennung und Geringschätzung chinesischer Kultur und Mentalität und ein weiteres Beispiel dafür, daß Deutschlands “Kulturschaffende” sich mit ihrem Auftritt einen Bärendienst erwiesen haben und die Zahl der Chinesen, die im eigenen familiären Kreis den Kopf über Deutschland schütteln, weiter wächst.
von gewolltem Nicht-Verstehen! Das vorzeitige Aus ist die Konsequenz aus Kulturellen Unterschieden zwischen China und Deutschland? Die haben das in der ganzen Welt aufgeführt, aber nur die chinesische Kultur ist so unterschiedlich, dass man die Tournee abbrechen muss? Es ist nicht die Frage, ob "die Chinesen" die Aufführung akzeptieren, sondern ob es die machthabenen Parteikader tun. Und da gibt es nun eine eindeutige Antwort: Nein, sie tun es nicht! Und es ist auch nicht die Frage, ob die chinesischen Zuschauer deutsch können. Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit können sie das nicht - genauso, wie die meisten Zuschauer der vielen anderen Vorführungen irgendwo auf der Welt. Da wird es wohl irgend eine Übersetzung oder so gegeben haben. Zumal ja davon berichtet wird, dass die Zuschauer der ersten Vorführung ganz spontan das Angebot, etwas zu sagen, angenommen haben und dabei eine Menge Kritik geäußert haben. So unterschiedlich scheint die Kultur "der Chinesen" wohl nicht zu sein. Die chinesische Führung akzeptiert keine Kritik - das ist der Punkt. Und genau deshalb, forderte man zunächst, auf den Einbezug des Publikums zu verzichten und hat sich jetzt doch lieber dazu entschlossen, dem Spuk komplett ein Ende zu setzen. Es ist ein Armutszeugnis für die Führung Chinas. Und es ist auch ein Armutszeugnis für diejenigen hier, der Versuchen es so darzustellen, als sei eine vermeintlich "Arroganz" der deutschen Theaterschaffenden Schuld daran, dass es weitere Aufführung nicht geben wird.
w.o. 12.09.2018
3.
Da bringen Sie aber einiges durcheinander! Das Theater wurde mit eben dieser Inszenierung eingeladen. Dann kann man davon ausgehen, dass sie so auch akzeptiert wird. Sie tun ja gerade so, als ob den armen Chinesen ohne Deutschkenntnisse der Besuch der Aufführung von deutscher Seite mit Waffengewalt aufgezwungen wird. Haben Sie sich in Peking schon so der herrschenden Klasse angepasst oder vernebelt der Smog Ihre Sinne?
pasta_al_dente 12.09.2018
4. Deutsche (?) Naivität?
Zitat von BeijingerDeutscher Naivität, gekoppelt mit Arroganz. Was haben die Verantwortlichen der Schaubühne dennvon einem Gastspiel in China erwartet? Daß die Chinesen sie mit ihrem Theater so akzeptieren? Wie viele chinesische Zuschauer konnten denn überhaupt deutsch sprechen? Und die, die deutsch sprechen, hatten sicher kein Interesse, ihre Meinung vor aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine völlige Verkennung und Geringschätzung chinesischer Kultur und Mentalität und ein weiteres Beispiel dafür, daß Deutschlands “Kulturschaffende” sich mit ihrem Auftritt einen Bärendienst erwiesen haben und die Zahl der Chinesen, die im eigenen familiären Kreis den Kopf über Deutschland schütteln, weiter wächst.
Ehrlich gesagt, sehe ich es gerade anders herum: ein Beispiel chinesischer Naivität. Was haben die Verantwortlichen von einem Theater erwartet, das nach mehreren Jahren und Auftritten in der ganzen Welt ein bekanntes Programm spielt. Warum wurden Sie eingeladen, wenn man dann Zensur ausüben will? Wie im Artikel gesagt wurde, haben ja Zuschauer in Beijing ihre Meinung in aller Öffentlichkeit gesagt, deshalb wurde ja hinterher das Theater gebeten, das Programm umzuschreiben. Es ist eine völlige Negierung der Realität der chinesischen Verantwortlichkeiten, Künstler erst einzuladen, um sie dann zu zensieren. Und ehrlich gesagt, die chinesischen Bekannten im meinem familiären Umfeld schütteln den Kopf, aber nicht über die Künstler (warum überhaupt auch über Deutschland, was hat das damit zu tun?, sondern über die chinesischen Verantwortlichen... .
spon-4a5-c9l9 12.09.2018
5. Vergessen Sie nicht zu atmen!
Zitat von BeijingerDeutscher Naivität, gekoppelt mit Arroganz. Was haben die Verantwortlichen der Schaubühne dennvon einem Gastspiel in China erwartet? Daß die Chinesen sie mit ihrem Theater so akzeptieren? Wie viele chinesische Zuschauer konnten denn überhaupt deutsch sprechen? Und die, die deutsch sprechen, hatten sicher kein Interesse, ihre Meinung vor aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine völlige Verkennung und Geringschätzung chinesischer Kultur und Mentalität und ein weiteres Beispiel dafür, daß Deutschlands “Kulturschaffende” sich mit ihrem Auftritt einen Bärendienst erwiesen haben und die Zahl der Chinesen, die im eigenen familiären Kreis den Kopf über Deutschland schütteln, weiter wächst.
Und den zu Grunde liegenden Artikel könnten Sie vielleicht auch lesen. So wirkt ihr Beitrag nämlich merkwürdig naiv und arrogant. Sie wüssten dann, dass die Schaubühne schon seit Jahren sehr erfolgreich mit ihren Gastspielen ist, oft auch in China gastierte und es sehr wohl Puplikumsreaktionen gab. (Wobei man eventuell auch hätte logisch schlussfolgern können, dass es ohne eine solche Reaktion auch keiner Zensur bedarft hätte.) Welche technischen und künstlerischen Möglichkeiten es gibt, deutsche Inszenierungen im Ausland zu zeigen, lasse ich Sie jetzt einfach mal selbst googlen. Ich bin sicher, Sie werden fündig. Das ist natürlich meiner an Arroganz gekoppelten Naivität geschuldet. Ansonsten empfehle ich, mal wieder "Arbeiten" von "Kulturschaffenden" zu "besuchen". Dann schwinden eventuell auch die Vorbehalte. Beste "Grüße"
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