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Erfolgsserie "Borgen" als Theaterstück: House of Kabarett

Von Wolfgang Höbel

"Borgen" am Theater: Das kleine Fernsehserienspiel Fotos
Arno Declair

Lässt sich aus einer hochgelobten TV-Serie auch gelungenes Theater machen? In der Berliner Schaubühne versucht es Regisseur Nicolas Stemann mit "Borgen".

Plötzlich liegen sechs Guantanamo-Häftlinge im Wohnzimmer der dänischen Ministerpräsidentin. Kapuzen über den Gesichtern, die berüchtigten orangeroten Overalls auf dem Leib, die Hände auf dem Rücken zusammengequetscht - so lagern die Gefangenen stumm und reglos inmitten einer schicken Couchgarnitur, in der es sich auch Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg und ihr Mann Philipp bequem gemacht haben. Die Politikerin und ihr Gatte aber tun einfach so, als seien die fremden Männer gar nicht da - und streiten sich ausgiebig über ihr verkümmertes Sexleben. "Am Samstag warst du zu müde, am Mittwoch warst du in Grönland", seufzt der frustrierte Philipp. Nie sei zum Vögeln Zeit.

Um die hohe Politik und das Private, um die Macht, ihren Preis und um die angebliche Notlandung eines US-Flugzeugs mit Guantanamo-Häftlingen auf Grönland soll es an diesem vierstündigen Abend in der Berliner Schaubühne gehen. Dafür haben sich der Regisseur Nicolas Stemann und eine Crew aus Schauspielern, Videokünstlern und Musikern ein Großepos unserer Zeit vorgenommen. "Borgen" heißt die Fernsehserie über Aufstieg und Fall der Ministerpräsidentin Nyborg, die von 2010 an in drei Staffeln aus jeweils zehn Folgen im dänischen Fernsehen lief und weltweit von Zuschauern und Journalisten bejubelt wurde.

"Borgen" heißt auch das Theaterspektakel, in dem die Schauspielerin Stephanie Eidt an der Schaubühne die Ministerpräsidentin Nyborg spielt, der Schauspieler Sebastian Rudolph ihren bald zur Scheidung drängenden Ehemann und der Schauspieler Tilman Strauß den großen Medien-Strippenzieher an Nyborgs Seite, den Spindoctor Kasper Juul.

"Borgen - Die komplette Serie" steht auf den Fernsehschirmen, die Bühnenbildnerin Katrin Nottrodt rund um einen metallenen Konferenztisch drapiert hat; an ihm nehmen die Schauspieler und ihre Videohelfer zu Anfang Platz. Und dann beginnen die Darsteller tatsächlich eine zunächst sturzbrave Nacherzählung der Fernsehstory aus den ersten "Borgen"-Folgen. Wir erfahren, dass die Politikerin Nyborg, Chefin einer Partei namens Die Moderaten, es durch ihr überraschend direktes Auftreten schafft, bei der dänischen Parlamentswahl überraschend viele Sitze zu gewinnen. Wie sie dann durch einiges Verhandlungsgeschick die erste Frau an der Spitze der dänischen Regierung wird. Und wie sie als Regentin in "Borgen", so der umgangssprachliche Begriff für Christiansborg, Sitz des Parlaments und der Regierungsspitze Dänemarks, in viele böse Verstrickungen von Lobbyisten, Medienleuten und anderen Politikern gerät. Bis sie selbst engste Weggefährten fallen lassen muss und ihre Familie ruiniert.

Viel Dunst auf der Bühne

Der Theaterregisseur Stemann lässt seine Darsteller, unter denen Regine Zimmermann als blondperückte Fernsehmoderatorin die ulkigste ist, in merkwürdig ironischer Manier die Dialogfetzen und Szenenanweisungen aus der TV-Serie von einem riesigen Teleprompter im Rücken der Zuschauer ablesen. Klar ist von den ersten Momenten dieses Theaterabends an: Hier soll die Behauptung widerlegt werden, das von vielen Menschen mit Spannung verfolgte "Borgen"-Epos erzähle davon, wie reale Politik funktioniert.

Mögen Medienfachleute die TV-Serie dafür feiern, dass sie, anders als die Politikserienkonkurrenz von "House of Cards" oder "West Wing", nüchtern und differenziert das Ränkespiel im tatsächlichen Politikgeschäft wiedergebe - die Theaterleute sind da schlauer. Sie entlarven "Borgen" als Produkt der Unterhaltungsindustrie. Und wir Zuschauer sollen dafür irgendwie dankbar sein. "Wir schaffen das!", steht auf den Fernsehschirmen.

Die Darsteller auf der Bühne stimmen wie in einem Brecht-Lehrstück Chorgesänge an. Sie fragen "Wer kann die meisten Mandate hinter sich vereinen?" oder "Kann man aus den falschen Gründen das Richtige tun?" oder "Kann ich politisch erfolgreich sein und ich selbst bleiben?". Sie tragen Pappschilder ("Einführung einer Umweltsteuer"), spazieren und verteilen mit einem Nebelwerfer Dunst auf der Bühne. Und öfter mal reden sie von den Problemen aktueller Politik, die so ähnlich auch in "Borgen" vorkommen. Von Flüchtlingsströmen und rechtem Bürgerprotest, der hier unter dem Kürzel "Dägida" firmiert. Immer aber betont diese Inszenierung: Wir zeigen euch den Auswurf einer großen Inszenierungmaschinerie. Wer hätte das gedacht?

Sagen wir es schonungslos in der Art der Politikerin Birgitte Nyborg: Die Theaterversion von "Borgen" ist ein gründlich missglückter Kabarettabend, der sich als Akt politischer Aufklärung missversteht. "Die Schauspieler spielen Figuren innerhalb einer Illusion, Fernsehen kann ja nicht anders", hat der Schaubühnendramaturg Bernd Stegemann verkündet, als er vor der Premiere erklären sollte, was der Regisseur Stemann und er sich zum Ziel gesetzt haben. "Theater kann die epische Ebene dahinter sichtbar machen, indem es diese Illusion komplett aufbricht und reflektiert, was der Vorgang hinter dem gesprochenen Dialog ist." Und weil er schon in Fahrt war, legte er noch nach: "Wir befreien das epische Format der Fernsehserie von seinem Illusionsgewand, das es anlegen muss, damit es massenkompatibel ist."

Tatsächlich bietet "Borgen" in der Schaubühne knapp vier Stunden ein allenfalls minderheitenkompatibles Fernsehserienspiel. Es schlägt die Zuschauer keineswegs in Bann. "Zwei Folgen noch, dann haben Sie es überstanden", sagt der Spindoctor-Darsteller Tilman Strauß zwischendurch. Mal laufen Statisten im Militäroutfit oder als Europa-Sterne verkleidet durch den Konferenzraum, oft gibt es sentimentale Musik vom Klavier, während die Erzählung zunehmend panisch kreuz und quer switcht zwischen diversen Serienepisoden. So einleuchtend die Idee irgendwann mal gewesen sein mag, sich mit dem epischen Format der modernen Fernsehserie auf der Theaterbühne auseinanderzusetzen - mit diesem Abend der Fernsehkritik ist die Schaubühnenmannschaft episch gescheitert.

Borgen. Schaubühne Berlin, nächste Vorstellungen am 15., 16. und 17.2., Tel. 030/89 00 23

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