Berliner Söhne "Ich war nur noch der Schamhaarschneider"

Er ist Berliner Szene-Friseur und Sohn des Ost-Schauspielers Gerd E. Schäfer. Seinen Kunden verpasst Frank Schäfer Pagenköpfe oder Prachtlocken - er selbst bevorzugt die tätowierten Sterne auf seiner Glatze.

Von Harriet Dreier


Er trägt eine Fellweste und seine Ohr- und Nasenringe klirren, wenn er redet. Sein schrilles Outfit kommt beim Szene-Friseur "Haarschneiderei" im Prenzlauer Berg, wo Frank Schäfer arbeitet, gut an - immerhin sind seine Kunden oft auch Paradiesvögel. Er habe schon Prince, Nina Hagen oder den Musikern von "Rammstein" die gesalbten Locken frisiert, erzählt Schäfer und blinzelt mit den kajalgesäumten Augen. Auch bei seiner Familie legt der 42-Jährige Hand an: Sein Vater, der bekannte Ost-Schauspieler Gerd E. Schäfer (bekannt aus dem Kabarett "Distel" und der DDR-Fernsehsendung "Wunschbriefkasten"), begibt sich regelmäßig in die Scherenhände seines extravaganten Sohnes.

Tätowierte Sterne und Nasenringe: Szene-Figaro Schäfer
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Tätowierte Sterne und Nasenringe: Szene-Figaro Schäfer

"Eigentlich wollten meine Eltern, dass ich Dirigent werde und nicht so etwas Unterprivilegiertes wie Friseur. Dabei ist meine Mutter Schuld an meinem Berufswunsch. Die ging zweimal die Woche zum Friseur, und ich kam mit. Die Gespräche, die Lockenwickler - das Klima in den Salons gefällt mir auch noch nach 20 Jahren", erzählt der Coiffeur, der seine Ausbildung zum "Friseur-Facharbeiter" in der DDR machte.

Schauspieler werden wie sein Vater wollte er nie. Das frühe Aufstehen an Drehtagen und die endlosen Wartereien auf den Einsatz haben den Schäfer-Filius abgeschreckt. "Ich bin kein Schauspieler, ich kann auch keine Rolle darstellen. Ich bin Friseur", erklärt das "Enfant terrible" der Friseurinnung selbstbewusst. Sechs oder sieben Kinofilme hat Schäfer dann doch gemacht, wie zum Beispiel "Zurück auf Los". "Da spiele ich einen Aidskranken und muss die ganze Zeit bloß husten!", erinnert sich der Friseur mit einem Lachen. Auch mit Rosa von Praunheim hat Schäfer zusammengearbeitet. Selbstironisch erzählt er von seiner Begegnung mit dem Regisseur: "Ich war frisch aus der DDR gekommen, als wir uns trafen. Ich habe gleich gedacht, mit dem musst du schlafen, dich kennt ja keiner hier. Ich war sehr verliebt - er nicht so."

Der DDR -Staatsmacht war Schäfer ein Dorn im Auge. Nach der 10. Klasse flog er von der Schule, weil er in der Schuldisko eine Westplatte gespielt hatte. Zu Hause dagegen gab es keine Reibereien: "Das schrille Outfit hat meinen Vater nie gestört - das kennt er ja gar nicht anders. Mein Vater ist sehr extrovertiert und eitel. Außerdem war er immer stark parfümiert. Ich ähnele ihm sehr. Als ich Punk wurde, war das für meine Eltern schrecklich. Ich sah ihnen zu abgerissen und ungepflegt aus. Mit einem Transvestiten hätten sie nicht so ein Problem gehabt." Als er später auf einer Frisurenschau einem Model in einer Zwangsjacke eine Punkfrisur verpasste, erhielt er Berufsverbot. "Das konnte mein Vater abwenden. Da war ich froh, dass ich ihn hatte. Er war zwar nie in der SED, aber er kannte viele einflussreiche Leute und hat sich zum Wohl der Familie etabliert", erzählt Schäfer.

In den Westen gekommen ist er 1988 mit einem zehntägigen Ausreise-Visum des Arbeiter- und Bauernstaates und einer einzigen Tasche. Sein Vorstellungsgespräch bei Berlins Promi-Friseur Udo Walz war vergeblich ("Dem war ich wohl zu schrill"), aber nach einem Tag Suche hatte Schäfer einen anderen Job und wurde später in dem Kreuzberger Szene-Salon "Kaiserschnitt" selbst berühmt und erfolgreich. Es wurde "in", eine Frisur aus Schäfers Händen zu tragen - auch eine Intimfrisur. "Eigentlich war es ein PR-Gag", erklärt der 42-Jährige. Als dann tatsächlich der erste Kunde kam, fiel Schäfer aus allen Wolken. "Viele haben darin eine preiswerte Alternative zur Prostitution gesehen - ich wollte aber Friseur bleiben. Schließlich war ich nur noch der Schamhaarschneider - deswegen mache ich das heute auch nicht mehr."



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