Berliner Söhne (II) Ein Becker kommt selten allein

Die Kinder heißen Becker, die Mutter Hansen, und dann ist da noch ein Herr Sander. Die Rede ist von einer Berliner Schauspielerfamilie, die in der Hauptstadt einfach "Der Becker-Clan" genannt wird.

Von Harriet Dreier


In den achtziger Jahren rannte Ben Becker als Punk mit Ratte auf der Schulter durch Kreuzberg. Heute mimt er in der Öffentlichkeit gern den schillernden Partylöwen, der nackt in den Karpfenteich eines Nobelrestaurants springt. Oder er gibt den wilden Rüpel mit Schlangenjacke und Cowboystiefeln, der auch schon mal Türen eintritt. "Ich bin Anarchist. Obwohl ich weiß, dass diese Form des gesetzlosen Miteinanderlebens leider nur ein großer Traum ist", sagte er einmal.

Ben Becker und Freundin Anne Seidel
DPA

Ben Becker und Freundin Anne Seidel

Ben Becker ist Barbesitzer, Schauspieler und Familienvater. Seine Freundin Anne Seidel brachte vor kurzem ein Mädchen zur Welt. Dafür ließ der 35-Jährige sogar den Franz Biberkopf in "Berlin Alexanderplatz" am Maxim Gorki Theater ausfallen. Neben zahlreichen Fernseh- und Kinoproduktionen ("Schlafes Bruder", "Comedian Harmonists", "Gloomy Sunday") tritt Becker auch als Sänger auf. Auf seiner CD "Und lautlos fliegt der Kopf weg" singt er Lieder mit eigenen Texten.

Becker ist Sohn der Schauspielereltern Monika Hansen und Otto Sander ("Blechtrommel", "Das Boot", "Himmel über Berlin"), seine Schwester ist Meret Becker ("Kleine Haie", "Rossini"). Meret und Ben sind aber eigentlich Otto Sanders Stiefkinder.

Otto Sander hat auch einen eigenen Sohn, Jens, der aber mit seinem Vater nichts zu tun haben will. Der richtige Vater von Ben und Meret ist der Schauspieler Rolf Becker, der sich 1973 von Monika Hansen scheiden ließ. Zur Zeit steht der 65-Jährige erstmals mit seiner Tochter vor der Kamera. In "Heinrich der Säger" spielen sie Vater und Tochter.

"Ich bin nicht ihr Erzeuger, aber ihr Vater", erklärt Sander gern. Seine Stiefkinder liebt er wie eigene Kinder, hat ihnen "die Zahnspangen reingesetzt" und "die Cornflakes auf den Tisch gestellt". Leute, die die Verhältnisse nicht genau kennen, bescheinigen Ben und Otto dennoch eine große Ähnlichkeit - nicht nur wegen ihrer Rothaarigkeit. Beide haben eine Vorliebe für eckige Charakterrollen, tauchen in TV und Kino auf, halten Lesungen, sind rastlos - und beide sitzen gern in Bars. Wenn Ben Becker nicht gerade im "Institut" oder im "Schwarzenraben" in Mitte sitzt, trifft man ihn auch in seiner eigenen, kürzlich eröffneten Jazz-Bar "Trompete" am Lützowplatz an.

Meret und Rolf Becker in "Heinrich der Säger"
DPA

Meret und Rolf Becker in "Heinrich der Säger"

Auch Sander hat seine Stammplätze - einen in der "Paris Bar" und einen an der Theke der "Bar jeder Vernunft" - sogar sein Name ist dort auf einem Messingschild eingraviert. Stellt sich jemand auf seinen Platz, weist ihn der 59-Jährige bestimmt, aber höflich darauf hin.

Die "Bar jeder Vernunft" in Wilmersdorf ist eine Art zweites Wohnzimmer, wo sich die Familie trifft. Meret gibt dort seit 1992 Chanson-Abende, zum "Weißen Rößl" lud der gesamte Clan ins Spiegelzelt. Das Familien-Joint-Venture funktioniert gut: in Joseph Vilsmairs Kinohit "Comedian Harmonists" standen alle gemeinsam vor der Kamera (Ben und Meret sogar als Liebenspaar), genauso in einer Folge der Serie "Polizeiruf 110". Auch wenn die Kinder längst aus der elterlichen Sieben-Zimmer-Altbauwohnung in Wilmersdorf ausgezogen sind und eigene Familien haben - eines ändert sich nicht: Ein Becker kommt selten allein.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.