Berliner Söhne (IV) "Wir Wohlrabes sind wie eine Glühbirne"

Er ist ein Trendsetter des Berliner Nachtlebens: Marc Wohlrabe, Sohn des einst als "Übelkrähe" beschimpften Berliner CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe.

Von Harriet Dreier


Marc Wohlrabe: Gute Bücher und Nutella-Brote
SPIEGEL ONLINE / Harriet Dreier

Marc Wohlrabe: Gute Bücher und Nutella-Brote

Gerade saß er noch in einer Konferenz, jetzt hetzt er zum Interview. Zwischendurch klingelt sein Handy, dringende Faxe warten auf ihn. Marc Wohlrabe, 27 Jahre alter Jungunternehmer, zupft sich nervös am Szenebärtchen. Ihm gehört der kleine Verlag "Zeitbank", mit dem er das Stadtmagazin "Flyer" herausgibt, das Plattenkritiken und Szenetipps enthält. Die Idee entstand 1993, als Wohlrabe es satt hatte, mit einem Stapel loser Handzettel bewaffnet nach den angesagten Clubs des Abends zu forschen. Mit vier Freunden entschloss er sich, ein kleines Stadtmagazin herauszugeben, dass die Geheimtipps im Taschenformat bündelt. Inzwischen erscheint der "Flyer" in New York, San Francisco und seit zwei Wochen auch in Tokio.

Doch damit ist der umtriebige Geschäftsmann längst nicht ausgelastet: Ihm gehört auch noch "Brainbox Network", eine Agentur für medien- und wirtschaftspolitische Konferenzen und Empfänge. Seinen Geschäftssinnn hat Wohlrabe von seinem 1995 gestorbenen Vater, dem Berliner CDU-Politiker Jürgen Wohrabe, geerbt. "Die Durchsetzungsfähigkeit, die Lautstärke und seine Herzlichkeit - das sind die Eigenschaften, die ich versucht habe, mir von meinem Vater abzugucken, so lange ich noch Gelegenheit dazu hatte", erzählt Wohlrabe junior.

Sein Vater war für seine unverblümte Art berühmt. Von 1969 bis 1979, war Jürgen Wolhlrabe Berliner Abgeordneter im Bundestag, wo er gegen die Brandtsche Ostpolitik polemisierte. Wegen seiner Polterei wurde er von Herbert Wehner als "Übelkrähe" tituliert - für Wohlrabe ein Ritterschlag. Die Politik war nicht der Hauptberuf des Juristen und Kaufmanns. 1979 übernahm er die "Jugendfilmverleih GmbH" aus Familienbesitz, legte sein Bundestagsmandat nieder und zog ins Abgeordnetenhaus von Berlin ein. Zur Zeit des Mauerfalls war er Parlamentspräsident, 1994 überreichte ihm Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen das Große Bundesverdienstkreuz.

In die politischen Fußstapfen seines Vaters will der parteilose Junior nicht treten. Marc Wohlrabe: "Lagerdenken ist etwas aus dem 20. Jahrhundert. Ich vertraue Köpfen. Fähige Denker findet man in allen Parteien." Berührungsängste mit den konservativen Parteifreunden seines Vaters hat Marc Wohlrabe nicht. Er gehörte zu dem Team, das die Idee hatte, Diepgen in dem Werbespot "Diepgen rennt" wie Lola durch die Hauptstadt flitzen zu lassen.

Einst als "Übelkrähe" beschimpft: Jürgen Wohlrabe
DPA

Einst als "Übelkrähe" beschimpft: Jürgen Wohlrabe

Probleme gab es mit dem Familienunternehmen "Jugendfilmverleih". Zwar hatte sich die Verleihfirma Kassenknüller wie "Harry und Sally" und "9 1/2 Wochen" gesichert und besaß seit 1988 sogar die Weltrechte an den gallischen Comic-Helden Asterix und Obelix - dennoch war das Erbe schwierig. Nach dem Tod seines Vaters hat der Filius mit seiner Mutter Irmgard den Berliner Filmverleih zunächst weitergeführt, doch der Rückzug ließ nicht lange auf sich warten. "Die Filmbranche ist ein hart umkämpfter Markt. 'Jugendfilm' war noch ein mittelständisches Familienunternehmen. Da hätten wir nur aus dritter Reihe mitschießen können. Ich war damals 23 Jahre alt - mit Bernd Eichinger konkurrieren zu wollen, wäre vermessen gewesen", erzählt Marc Wohlrabe.

Zudem ist er mit seinen eigenen Unternehmen voll ausgelastet. "Bei so viel Arbeit bleibt kaum die Möglichkeit, sich aus dem Tagesgeschäft herauszuziehen", erklärt Marc Wohlrabe, der wie sein Vater erst zu Hochform aufläuft, wenn er mehrere Jobs gleichzeitig ausübt. Und auch nachts ist er unermüdlich. Wohlrabe zieht durch die Clubs und plant dabei neue Projekte. "Dass hält man nur ohne Alkohol und Zigaretten durch", erzählt er.

Jürgen Wohlrabe hatte einmal gesagt: "Wir Wohlrabes sind wie eine Glühbirne, die doppelt so hell leuchtet, dafür aber nur halb so lange brennt." Mit nur 59 Jahren ist er an Krebs gestorben. Bis zuletzt hatte Jürgen Wohlrabe seinen Platz als Abgeordneter und als Filmkaufmann verteidigt. "Ich versuche, mir meinen Vater als warnendes Beispiel vor Augen zu halten", erzählt Marc Wohlrabe. "Im Moment lebe ich schnell. Aber ich möchte schon zwischen 35 und 45 herunterschalten und nicht erst mit 50 Jahren wie mein Vater, wenn es zu spät ist." Doch bisher hat der Arbeitswütige wenig Freizeit. Und die verbringt er am liebsten zu Hause im Schlafanzug mit einem guten Buch und Nutellabroten.



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