Berliner Stadtautobahn Aus der Todeskurve zum Bierpinsel

Brachiale Autobahnschneisen - oder Beton gewordene Visionen? Wer sich auf eine Fahrt auf der Berliner Stadtautobahn A100 einlässt, kann bemerkenswerte Architektur entdecken: eine Zeitreise in die siebziger Jahre, in denen Gebäude und Straßen zu Gesamtkunstwerken zusammenwuchsen.

Tijs van den Boomen

Von Tijs van den Boomen


Berliner sind keine Autofahrer. Nur jeder Dritte hat ein Auto, während zum Beispiel jeder zweite Münchner einen PKW sein Eigen nennt. Die Tendenz in Berlin ist sogar sinkend: Immer mehr Menschen gehen zu Fuß, fahren Fahrrad oder benutzen öffentliche Verkehrsmittel. Das Auto ist passé, der moderne Mensch verzichtet auf die eiserne Kutsche, die die Umwelt versaut und die Straßen verstopft.

Berlin ist stolz auf diese Entwicklung. Und mit Recht, weil Städte ohne Autos sowohl für die Einwohner als auch für Besucher attraktiver sind. Auf Postkarten sieht man denn auch eher selten Stadtautobahnen und niveaufreie Kreuzungen, stattdessen bekommt man historische Plätze und Pflasterstraßen vorgeführt, dazu Flussufer und Bürgersteige.

Alles schön und gut, aber mal ganz ehrlich: Ein bisschen langweilig wirkt das schon. Die modernen, verkehrsberuhigten Städte gleichen immer mehr ihrer eigenen Vergangenheit, sie wirken wie wohlmöblierte Zimmer, hier und da mit einem gut gewählten modernen Element versehen. Gelegentlich braucht man als Großstädter aber einen Schuss Chaos und eine Nase Auspuffgase. Und gerade weil die Bedrohung durch den wachsendem Autoverkehr und der damit verbundenen Vernichtung der Stadt nachgelassen hat, können wir uns mittlerweile ohne Schuldgefühle und mit Vergnügen ansehen, wie sich frühere Planer die Entwicklung der Stadt vorgestellt haben.

Sie sind nicht davon überzeugt, dass man die Stadtautobahn auch einfach genießen kann? Bedenken Sie, dass Sie zum Beispiel bei einem Besuch in Sankt Petersburg auch nicht ständig die harten Lebensbedingungen von damals und den Gestank von Unmengen auf den Straßen herumliegender Pferdescheiße im Kopf haben. Also, steigen Sie ein, machen Sie den Kopf frei von den Gedanken, denen Sie sonst auf Ihrer Fahrt nachhängen - und staunen Sie über die markante Welt der Stadtautobahn.

Wegen der hohen Spritpreise ist die Tour auf 14 Kilometer beschränkt.



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insgesamt 65 Beiträge
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jot-we, 15.06.2011
1. °!°
Erstens: so was gibt's überall, wo eine Stadtautobahn das Urbane kreuzt (Duisburg!). Zweitens: nicht alles was schräg, bizarr oder sonstwie eigenartig ist, ist ein Gesamtkunstwerk (Duisburg!!).
soylentyellow1 15.06.2011
2. Lang lebe die Urbanität
"Gelegentlich braucht man als Großstädter aber einen Schuss Chaos und eine Nase Auspuffgase." Haha sehr lustig. Auch ich muss zugeben schon mal zum ICC gefahren zu sein um mir das Autbahnkreuz zu Fuß anzugucken. Durchaus faszinierend. Die ultimative Dosis Urbanität, Hochstraßen, Gewusel und Auspuffgase gibt es aber in Kairo, im Stadtteil Gizeh im Wasserpfeifencafé mit den gelben Tischdecken direkt unter der zweistöckigen Hochstraßenkreuzung. Erstaunlich erfrischend das Ganze, wenn auch auf Dauer absolut unerträglich. Deshalb: Nur in kleinen Dosen genießen!
ostseestern 15.06.2011
3. Statistischer Unsinn ohne Nachzudenken abgeschrieben.
Zitat von sysopBrachiale Autobahnschneisen - oder Beton gewordene Visionen? Wer sich auf eine Fahrt auf der Berliner Stadtautobahn A100 einlässt, kann bemerkenswerte Architektur entdecken: Eine Zeitreise in die siebziger Jahre,*in denen Gebäude und Straßen zu Gesamtkunstwerken zusammenwuchsen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,767076,00.html
Der Gastredakteur, ein ausgesprochener Berlin-"Kenner", hat ja bereits in jüngerer Vergangenheit sein Analysepotenitial beim Spiegel unter Beweis stellen dürfen. Hat der Oranje-Mann auch mal daran gedacht, wer denn dem Berliner Landeshaushalt zukünftig die notwendigen Einnahmen aus der sehr hoch kalkulierten Parkraumbewirtschaftung gewährleisten soll? Weder Fahrradfahrer, ÖPNV-Nutzer, noch Fußgänger können die durch den Individualverkehr aufkommenden Einnahmen erbringen. Der Individualverkehr finanziert diesen infrastrukturellen Wahnsinn aus Fahrstreifenrückbau, überdimensionierten, nicht angenommenen Fahrradampeln, Tempo-30- und "Begegnungs"-Zonen usw. Statt dessen baut man, wider allen guten Ratschlägen" einen "Hauptbahnhof" (Hartmuts Lampenladen) in eine verkehrtechnisch desaströse Umgebung ohne tragfähiges, kapazitärers Zuwegungskonzept. Nun wundert man sich, dass die Berliner den Bahnhof nicht annehmen. Und ganz nebenbei, vergaß der Herr van den Boomen darauf hinzuweisen, dass sich die Bewohnerstrukturen Berlins Mitte grundlegend ändern. Bewohner so genannter Stadtwohnungen, die gerade in Mitte z. B. am Hausvogteiplatz neu antstanden sind und sich reger Beliebtheit erfreuen, leben und arbeiten unter völlig anderen Voraussetzungen als der Durchschnittsbewohner. Das ist das Stichwort: Durchschnitt! Wenn der Autor dieses Beitrages mit statistischen Zahlen hantiert, sollte er berücksichtigen, dass Statistiken auch besagen, dass jeder Bundesbürger (Baby bis Rentner) ca. 95.000 EUR an Netto-Vermögen besitzt. Nach diesen Zahlen ergebe sich die Frage, warum es überhaupt Hartz IV geben muß.
kommegleich 15.06.2011
4. Ich find das jetzt nicht sooo spektakulär...
Die Tribüne in Bild 1 ist natürlich kurios und ziemlich einmalig. Aber alle anderen Bilder könnten in beliebigen mitteleuropäischen Metropolen entstanden sein. Brückenkonstellationen wie in Bild 3 finden sich entlang zahlreicher Hauptverkehrsachsen, teilweise sogar in österr. Bezirksstädten. Aber Gesamtkunstwerk kann auch ich hier keines erkennen. Vielmehr den ganz normalen Wahnsinn unserer für die Autos umgebauten Städte halt.
ostseestern 15.06.2011
5. Statistischer Unsinn ohne Nachzudenken abgeschrieben.
Zitat von sysopBrachiale Autobahnschneisen - oder Beton gewordene Visionen? Wer sich auf eine Fahrt auf der Berliner Stadtautobahn A100 einlässt, kann bemerkenswerte Architektur entdecken: Eine Zeitreise in die siebziger Jahre,*in denen Gebäude und Straßen zu Gesamtkunstwerken zusammenwuchsen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,767076,00.html
Der Gastredakteur, ein ausgesprochener Berlin-"Kenner", hat ja bereits in jüngerer Vergangenheit sein Analysepotenitial beim Spiegel unter Beweis stellen dürfen. Hat der Oranje-Mann auch mal daran gedacht, wer denn dem Berliner Landeshaushalt zukünftig die notwendigen Einnahmen aus der sehr hoch kalkulierten Parkraumbewirtschaftung gewährleisten soll? Weder Fahrradfahrer, ÖPNV-Nutzer, noch Fußgänger können die durch den Individualverkehr aufkommenden Einnahmen erbringen. Der Individualverkehr finanziert diesen infrastrukturellen Wahnsinn aus Fahrstreifenrückbau, überdimensionierten, nicht angenommenen Fahrradampeln, Tempo-30- und "Begegnungs"-Zonen usw. Statt dessen baut man, wider allen guten Ratschlägen" einen "Hauptbahnhof" (Hartmuts Lampenladen) in eine verkehrtechnisch desaströse Umgebung ohne tragfähiges, kapazitärers Zuwegungskonzept. Nun wundert man sich, dass die Berliner den Bahnhof nicht annehmen. Und ganz nebenbei, vergaß der Herr van den Boomen darauf hinzuweisen, dass sich die Bewohnerstrukturen Berlins Mitte grundlegend ändern. Bewohner so genannter Stadtwohnungen, die gerade in Mitte z. B. am Hausvogteiplatz neu antstanden sind und sich reger Beliebtheit erfreuen, leben und arbeiten unter völlig anderen Voraussetzungen als der Durchschnittsbewohner. Das ist das Stichwort: Durchschnitt! Wenn der Autor dieses Beitrages mit statistischen Zahlen hantiert, sollte er berücksichtigen, dass Statistiken auch besagen, dass jeder Bundesbürger (Baby bis Rentner) ca. 95.000 EUR an Netto-Vermögen besitzt. Nach diesen Zahlen ergebe sich die Frage, warum es überhaupt Hartz IV geben muß.
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