Berliner Stadtentwicklung Der Hype hält an

In den letzten fünf Jahren wuchs Berlin um eine Viertelmillion Einwohner - klingt viel, ist aber im Vergleich ein Witz: 1920 verdoppelte sich die Einwohnerzahl über Nacht. Was kann man aus der Geschichte lernen?

Berlin-Mitte
DPA

Berlin-Mitte


Der Magnet verliert nicht an Anziehungskraft: Berlin bleibt beliebt bei jungen Zuzüglern aus dem Ausland. Man versteht sich als Stadt, die niemals schläft (offizieller Claim: "365/24"), als Hotspot der Kreativwirtschaft (Platz vier im jüngst veröffentlichten weltweiten Start-up-Ranking). Zudem fanden hier seit 2015 Zehntausende Flüchtlinge ein neues Zuhause. In den letzten fünf Jahren wuchs die Stadt um rund eine Viertelmillion Einwohner.

Im Vergleich zum Herbst 1920 ist dieses Wachstum allerdings ein Witz. Damals verdoppelte sich die Einwohnerzahl Berlins über Nacht - von 1,9 auf über 3,8 Millionen. Von heute auf morgen war man nach New York und London die drittgrößte Metropole der Welt. Die Stadtfläche wuchs gar um das Dreizehnfache, weitläufiger war bloß noch Los Angeles. Was war geschehen?

Mit dem 1. Oktober jenes Jahres wurde Berlin qua Gesetz zu Groß-Berlin, einer Einheitsgemeinde, die weitgehend den noch heute geltenden Stadtgrenzen entspricht. Vormals eigenständige, wohlhabende Großstädte wie Charlottenburg, Wilmersdorf oder Schöneberg waren plötzlich zu Bezirken jener Stadt geworden, in der große Teile der Bevölkerung in bitterster Armut lebten, die in den Folgejahren aber ihre "Goldenen Zwanziger" erleben sollte.

Berlin-Schöneberg 1925: "sozial zerklüftet"
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Berlin-Schöneberg 1925: "sozial zerklüftet"

Von dieser bedeutenden Schwelle in Berlins Stadtgeschichte erzählt der erste Band einer Reihe über "100 Jahre Groß-Berlin". "Es ist Ironie der Geschichte, dass Berlin zu diesem Jubiläum wieder eine stark wachsende Stadt ist", sagt Klaus Brake vom Center for Metropolitan Studies der TU Berlin und Mitherausgeber des Buches. Bis 2004 war die Stadt sogar geschrumpft: Entgegen aller Wachstumsprognosen der Nachwendejahre hatte Berlin seit 1993 fast 90.000 Einwohner verloren.

Heute ist der Bedarf nach Wohnraum, zumal bezahlbarem, längst das zentrale (Reiz-)Thema, Stichwort Gentrifizierung. Und so beschwört der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl in seinem Vorwort ähnlich große Herausforderungen herauf wie vor einhundert Jahren. Denn auch 1920 war die Wohnungsfrage das drängendste politische Problem der Hauptstadt.

Die Region rund um Berlin war kommunal zersplittert und dadurch "sozial zerklüftet". Wer es sich leisten konnte, zog in eine der umliegenden Steueroasen. In der Stadt blieb zurück, wer nicht wegkam: die Armen. Pro Person standen im Schnitt 0,41 bis 0,65 Zimmer zur Verfügung. Jeder Sechste hauste in einer Wohnung mit mehr als vier Personen pro beheizbarem Zimmer. Dass diese Situation für das soziale Klima der Stadt höchst ungesund war, liegt auf der Hand.

Größter Industriestandort Europas

1920 galt Berlin als größter Industriestandort Europas. "Vor allem dank der Elektrotechnik. Unternehmen wie AEG und Siemens verhalfen der Stadt zu ihrem Image als "Elektropolis"", so Brake. Kurioserweise wohnten die Industriearbeiter vorwiegend in der inneren Stadt, eben in "Berlin", während die Firmen ihre Werke in die umliegenden Städte verlegten.

Heute läuft es genau andersherum: Immer beliebter und teurer werdende (Innen-)Stadtbezirke stehen einem potenziell verödenden Umland gegenüber. "Was in Berlin gerade passiert, ist die Ausprägung eines weltweiten Phänomens: der rapiden Urbanisierung", so Brake. "Städte wachsen auf Kosten des nichtstädtischen Landes - und diese Entwicklung wird andauern."

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Harald Bodenschatz, Klaus Brake (Herausgeber):
100 Jahre Groß-Berlin. Wohnungsfrage und Stadtentwicklung

Lukas Verlag; 224 Seiten; 25 Euro

"100 Jahre Groß-Berlin" bietet einen Ritt durchs 20. Jahrhundert, ausgehend von den Bedingungen für die Einheitsgemeinde über den Wohnungsbau in der Zwischenkriegs- und der NS-Zeit sowie in der geteilten Stadt bis in die Nachwendezeit. Auch nach London, Moskau und Paris fällt der Blick, um zu untersuchen, welche Wohnungspolitik andere Hauptstadtregionen verfolgten. Die hohen Mieten in der Pariser Innenstadt und die sozialen Spannungen der Banlieues an der Peripherie gelten schon lange als alarmierendes Beispiel missglückter Stadtpolitik.

"Auch in Berlin verlieren einzelne Stadtteile ihre Mischungsqualitäten, etwa Prenzlauer Berg. Viele Bewohner müssen wegen Mietpreissteigerungen an die Ränder ausweichen", so Brake. "Das ist noch nicht schlimm, aber es sollte einen elektrisieren. Es kann der Anfang dessen sein, was in Paris zum Beispiel vor hundert Jahren schon begonnen hat."

Ein aktuelles Schlaglicht auf die Berliner Politik wirft der Kurzzeit-Staatssekretär Andrej Holm, seit Jahren eine streitbare Stimme in den Debatten um die Berliner Wohnungspolitik. Holm nutzt die Plattform für eine dezidierte Agenda, fordert neben 14.000 neuen Wohnungen pro Jahr soziale Auflagen für die landeseigenen Bauunternehmen und rechtliche Eingriffe des Senats in den Wohnungsmarkt. Er weist - spürbar politisch gefärbt - darauf hin, "dass die höchsten Neubauzahlen erreicht wurden, wenn staatliche Restriktionen profitorientierte Akteure einschränkten und der Wohnungsbau mit öffentlichen Fördergeldern finanziert wurde".

Nach der gescheiterten Fusion mit Brandenburg im Jahr 1996 wird es in absehbarer Zeit wohl keine zweite "Einheitsgemeinde" geben. Umso wichtiger scheint, dass Berlin in den gegebenen Grenzen neuen Wohnraum schafft.



insgesamt 11 Beiträge
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Poco Loco 16.08.2017
1. Der Vergleich hinkt gewaltig
Im Jahr 1920 wurden ja nur schon bestehende Komunen rund um Berlin-Mitte eingemeindet, jetzt aber kommen die Massen ohne Wohnraum in einen Ballungsraum der schon dicht besiedelt ist, das ist doch ein wesentlicher Unterschied zu 1920. Und wie ja auch erwähnt wurde ist das ein weltweiter Trend, also nicht ein spezielles Berliner Problem. In München ist die Zahl der Obdachlosen von 2008 bis 2017, von 2500 auf ca. 9000 Personen angestiegen. Alleine nur die Erweiterung um 24 Wohnplätze in einem Obdachlosenheim kostet 1 Million Euro im Jahr (laut SZ 16. 08. 17), wie kann sowas nur soviel Geld kosten? Seit 10 Jahren wurden zigtausende von Häusern in München saniert (Dämmung, Fenster, Balkone usw.) diese Wohnungen kann sich niemand mehr leisten und alteingesessene Bewohner müssen die Städte verlassen. Die Verdichtung birgt zusätzliche Probleme wie die Überlastungen sämtlicher Behörden, überfüllte Schulen, Krankenhäuser, U-Bahnen, fehlende Polizei, keine Handwerker usw.. 2012 wurden noch hunderttausende, bezahlbare Wohnungen aus öffentlicher Hand, an proftorientierte Konzerne wie Vonovia od. Patrizia verscherbelt. Wie man daran sieht, haben die Politiker seit 100 Jahren nichts dazugelernt, das ist aber auch der einzige Vergleich der zu 1920 zutrifft.
eunegin 16.08.2017
2. baut in Berlin!
Als Zugereister in Berlin: es ist Platz. Baut. Aber nicht nur Luxus"quartiers". Bedarf ist bekanntermaßen vorhanden, das ist nicht zu ändern. Es gibt noch sehr viele Baulücken und Freiflächen mit einstöckigen Schrottbebau aus den 50'ern bis 70'ern. Weg damit und mit echten Wohngebäuden bebaut. Gerne auch mal in die Höhe. Man kann, das hat schon die Kaiserzeit bewiesen, auf soziale Mischung achten und in einem Block für verschiedene Einkommensgruppen bauen das macht Berlin bunt, lebenswert, interessant. Nur nicht endlos beraten, demonstrieren, Farbbeutel werfen, Bedenken wälzen. Wohnen muss man, darf man. Bite bauen!
post.scriptum 16.08.2017
3. Das Gesetz zur Einheitsgemeinde Berlin ...
... musste 1920 schwer erkauft werden von den ehemals selbstbewussten und selbständigen 7 Städten wie Charlottenburg oder Schöneberg und hat bis heute einen entscheidenden Fehler: Die zweistufige Verwaltung, bestehend aus dem Senat und zwölf Bezirksverwaltungen. Damit das Gesetz überhaupt zustande kam, mussten die Städte gewogen gestimmt werden mit der Zusage, dass Bezirke gebildet werden, und zwar mit eigenen Gemeindevertretungen, Bezirksbürgermeistern und Stadträten, was bis heute Bestand (leider) immer noch Bestand hat und hoffnungslos überholt ist. Diese Zweistufigkeit lähmt nicht nur das Verwaltungshandeln, sondern Bezirke und Senat schieben sich regelmäßig den Schwarzen Peter bei Versagen gegenseitig zu. Im Übrigen ist diese Zweistufigkeit für den Steuerzahler sehr teuer. Das Geld dafür bekommt die Stadt auch über den Finanzausgleich, zum Beispiel aus Bayern ...
multi_io 16.08.2017
4.
Zitat von Poco LocoIm Jahr 1920 wurden ja nur schon bestehende Komunen rund um Berlin-Mitte eingemeindet, jetzt aber kommen die Massen ohne Wohnraum in einen Ballungsraum der schon dicht besiedelt ist, das ist doch ein wesentlicher Unterschied zu 1920. Und wie ja auch erwähnt wurde ist das ein weltweiter Trend, also nicht ein spezielles Berliner Problem. In München ist die Zahl der Obdachlosen von 2008 bis 2017, von 2500 auf ca. 9000 Personen angestiegen. Alleine nur die Erweiterung um 24 Wohnplätze in einem Obdachlosenheim kostet 1 Million Euro im Jahr (laut SZ 16. 08. 17), wie kann sowas nur soviel Geld kosten? Seit 10 Jahren wurden zigtausende von Häusern in München saniert (Dämmung, Fenster, Balkone usw.) diese Wohnungen kann sich niemand mehr leisten und alteingesessene Bewohner müssen die Städte verlassen. Die Verdichtung birgt zusätzliche Probleme wie die Überlastungen sämtlicher Behörden, überfüllte Schulen, Krankenhäuser, U-Bahnen, fehlende Polizei, keine Handwerker usw.. 2012 wurden noch hunderttausende, bezahlbare Wohnungen aus öffentlicher Hand, an proftorientierte Konzerne wie Vonovia od. Patrizia verscherbelt. Wie man daran sieht, haben die Politiker seit 100 Jahren nichts dazugelernt, das ist aber auch der einzige Vergleich der zu 1920 zutrifft.
Die Bebauung des Tempelhofer Feldes haben die konservativen Berliner Hipster ja per Volksentscheid abgelehnt. So dringend problematisch kann das mit der "Verdichtung" also nicht sein.
Knossos 17.08.2017
5.
Zitat von Poco LocoIm Jahr 1920 wurden ja nur schon bestehende Komunen rund um Berlin-Mitte eingemeindet, jetzt aber kommen die Massen ohne Wohnraum in einen Ballungsraum der schon dicht besiedelt ist, das ist doch ein wesentlicher Unterschied zu 1920. Und wie ja auch erwähnt wurde ist das ein weltweiter Trend, also nicht ein spezielles Berliner Problem. In München ist die Zahl der Obdachlosen von 2008 bis 2017, von 2500 auf ca. 9000 Personen angestiegen. Alleine nur die Erweiterung um 24 Wohnplätze in einem Obdachlosenheim kostet 1 Million Euro im Jahr (laut SZ 16. 08. 17), wie kann sowas nur soviel Geld kosten? Seit 10 Jahren wurden zigtausende von Häusern in München saniert (Dämmung, Fenster, Balkone usw.) diese Wohnungen kann sich niemand mehr leisten und alteingesessene Bewohner müssen die Städte verlassen. Die Verdichtung birgt zusätzliche Probleme wie die Überlastungen sämtlicher Behörden, überfüllte Schulen, Krankenhäuser, U-Bahnen, fehlende Polizei, keine Handwerker usw.. 2012 wurden noch hunderttausende, bezahlbare Wohnungen aus öffentlicher Hand, an proftorientierte Konzerne wie Vonovia od. Patrizia verscherbelt. Wie man daran sieht, haben die Politiker seit 100 Jahren nichts dazugelernt, das ist aber auch der einzige Vergleich der zu 1920 zutrifft.
Treffend angemerkt! Im übrigen scheint mir eine Verbindung zwischen München und Berlin nicht von ungefähr. Der Münchner Klüngel und Mietwucher führt zu Überschüssen bis in das mittlere Bürgertum hinein. Und diese Überschüsse werden offenbar auf bewährte Weise in sämtlichen Großstädten investiert, wo sie wiederum zu münchner Effekten führen. Und, daß Politiker nichts ändern möchten, liegt u.a. an Zaubereien wie jenem von Ihnen zitierten aus der SZ. Schließlich fallen von klassisch wunderlichem Schwund öffentlicher Kasse Kick-backs in private Taschen an. Berlin gehört schon lange nicht mehr den Berlinern. Längst nagt trendige Oberflächlichkeit an der stolzen Patina. Und bald wird in einem urbanen Irgendetwas nur noch Verbliebenes angestammter Architektur, die breiten Boulevards, Kanäle und alten Baumbestände an ehemalige Identität erinnern. Die Menschen jedoch, deren Stadt dies war, ihrem sozialem Umfeld entrissen, werden in periphere Plattenbauten und trostloses Ambiente verdrängt sein. Berlin erlebt die kulturelle Neutronenbombe. Wenn sich der Planet solange noch dreht, wird in 100 Jahren kaum mehr etwas an Berliner Schnauze, Zusammenhalt, Bodenständigkeit und Langmut erinnern, die diesen Ort traditionell bestimmten und anziehend machten.
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