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Berliner Stadtplanung: Shopping-Tristesse in der sibirischen Steppe

Blamabel, ordinär, katastrophal - Meinhard von Gerkan, Erbauer des Berliner Hauptbahnhofs, findet in einem polemischen Essay klare Worte für die verfehlte Stadtplanung rund um das Prestigegebäude. Der Architekt warnt: Die Ehre der deutschen Hauptstadt wird an Investoren verramscht.

Bahnhof Berlin: Endstation Provinz Fotos
Marcus Bredt

Vor vier Jahren wurde der neue Hauptbahnhof in Berlin feierlich eröffnet. Ein weiterer Meilenstein der Rekonstruktion der deutschen Hauptstadt war, wenn auch mit Verzögerung, erreicht. Ich selbst habe mehr als vierzehn Jahre meines Berufslebens in den neuen Kreuzungsbahnhof investiert, als Einziger war ich von den Anfängen bis zur Inauguration dabei.

Ich verdanke diesem Projekt viele Glücksmomente, aber auch schwerwiegende Demütigungen.

Unser erfolgreicher Urheberrechtsprozess gegen die Deutsche Bahn war bestenfalls ein Trostpflaster. Zwar wurde die Korrektur der funktionswidrigen und exorbitant teuren Verkürzung des bereits gelieferten und bezahlten Bahnhofshallendachs in einem mehrjährigen Kampf von uns erfolgreich erstritten, die tatsächliche Umsetzung steht jedoch in den Sternen.

Geradezu blamabel ist es, wenn das Entree Berlins im öffentlichen Raum vis-à-vis der wichtigsten Regierungsbauten nicht einmal notdürftig gepflastert und mit angemessener Beleuchtung ausgestattet ist. Das Nachbarschaftsmilieu kann in der sibirischen Steppe kaum trostloser sein. Zwar wurde 1994 ein Masterplanentwurf von Oswald Mathias Ungers beschlossen und Martha Schwarz für ihren Wettbewerbsentwurf für die Vorplatzgestaltung gefeiert, aber abgesehen von trostlosen Bitumenflächen und einem wahllos hingewürfelten und funktional völlig unsinnigen Pavillon entwickelte sich bis heute nicht einmal das, was einem Provinzbahnhof in der Pampa zustehen würde.

Kommerzielle Provinzposse

Die Zugänge und Taxenvorfahrten im Norden und Süden des Hauptbahnhofs sind bis heute eine einzige verkehrstechnische Katastrophe. Der Autoverkehr auf der Südseite wird vorschriftswidrig linksfahrend und einspurig geleitet. Abreisende Fahrgäste blockieren die begrenzte Vorfahrtslänge mit der Folge, dass ankommende Gäste einige hundert Meter entfernt sich im Regen um die Taxen balgen müssen.

Mittlerweile verwandelt sich jedoch die Bahnhofsbrache in eine kommerzielle Provinzposse. Mitte vergangenen Jahres ist auf der Südseite das banale Ungetüm eines "Meininger"-Hotels aus dem Boden geschossen. Angesichts dieses Resultats muss man sagen: Ordinärer kann man einen öffentlichen Raum nicht verramschen.

Nun aber geistert auf der Nordseite des Bahnhofs das Monstergebilde einer Kommerz-Immobilie primitivster Machart und erdrückender Massigkeit herum. Glauben die Beteiligten, es sei dem Masterplan Genüge getan, seine Kubatur blockrandvoll mit Kommerzmasse auszubetonieren?

Offenbar finden sich noch immer Investoren und Architekten, denen jede Umweltverschandelung recht ist, um das schnelle Geld zu machen, ganz gleich, ob dadurch eine weitere Investitionsruine in die Welt gesetzt wird. Sie schrecken auch nicht davor zurück, das Urheberrecht von Kollegen zu verletzen: Mit einem in den Bahnhofsriegel gestochenen "Skywalk" soll in Zukunft offenbar Umsatz vom ohnehin großen Shopping-Angebot des Bahnhofs abgesaugt werden.

Zur Verhinderung dieser böswilligen Verletzung eines ganzheitlich geplanten Bahnhofsgebäudes vertraue ich in Sachen Urheberrecht auf die Berliner Justiz. Denn es geht hier nicht um einen x-beliebigen Bauplatz, sondern um die Gestaltung eines besonders wichtigen öffentlichen Ortes in der Hauptstadt des wirtschaftsstärksten EU-Landes.

Der Hauptbahnhof, bei seiner Eröffnung als "Symbol für die Überwindung der deutschen Teilung" (Hartmut Mehdorn) gefeiert, wird nun als Mauer missbraucht, an die ein jeder seine Rückseite lehnen darf. Investoren und Planer lassen hier mit ihrer 08/15-Shopping-Tristesse sowohl in Bezug auf Gestaltungsqualität als auch durch die erdrückende Quantität jeden Respekt vermissen.

Hinterausgang einer Kommerzkabale

Das Zeitalter der singulär ausgerichteten Kopfbahnhöfe, mit einer Schmuckseite vorne und Gleisanlagen hinten, ist vorbei, doch scheint es in den Köpfen der Agierenden noch immer ein "hinter den Gleisen" zu geben. Wenn die jüngst erlangte Mitte aber sogleich wieder zur Rückseite degeneriert wird, ist dann die deutsche Einheit wirklich vollzogen?

Sollten die publizierten Bauabsichten an der Invalidenstraße, nördlich des Bahnhofs, keine journalistischen Geisterfahrer sein, ist der Berliner Senat dringend gefordert, als Ordnungshüter tätig zu werden und mit Planungsvorgaben und Qualitätsauslese einzugreifen. Sonst wird in Zukunft das erste Bild, das sich ein Besucher durch die Glasfassade der Bahnhofshalle von unserer Hauptstadt machen wird, vom Blick in den Hinterausgang einer Kommerzkabale bestimmt sein.

Die baukulturelle Ehre der deutschen Hauptstadt steht auf dem Spiel. Regierenden, die Milliarden an marode Banken geben und Bilanzjongleuren in der Ägäis Unterstützung zusagen, dürfen die Bürger nicht gestatten, aus öffentlichen Räumen den letzten Profit-Euro durch Provinzialisierung herauszupressen.

Vielleicht kann Washington, wonach der Platz südlich des Berliner Hauptbahnhofs benannt ist, ein Ansporn sein: Die US-Hauptstadt demonstriert mit ihrer vom amerikanischen Präsidenten persönlich berufenen Hauptstadtkommission, was mit Verantwortung für den öffentlichen Raum einer Hauptstadt gemeint ist.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 122 Beiträge
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1. tatsächliche Fehlplanung
Bazon_B 02.06.2010
Herr von Gerkan! Die größte, tatsächliche funktionswidrige Fehlplanung des Berliner Hauptbahnhofs besteht für mich als Benutzer in den teilweise viel zu schmalen Bahnsteigen: Dort, wo von unten ungemein großzügige Treppen auf den Bahnsteig treffen, ist dieser so schmal, dass es unmöglich ist, an den Wartenden und Entgegenkommenden vorbeizugehen ohne dabei befürchten zu müssen, jederzeit ins Gleisbett fallen zu können. Heikle Situationen an dieser Stelle gehören leider zur Tagesordnung. Mir ist schleierhaft, wie diese elementare Disfunktion nicht bedacht werden konnte. Dagegen sind die von Ihnen beschriebenen Missstände Lapalien.
2. Blamabel von Beginn an
Stäffelesrutscher, 02.06.2010
Von Anfang an ist der neue Berliner Hauptbahnhof blamabel, sowohl architektonisch wie auch in der Umsetzung. Dass das Umfeld wie eine Steppe verkommt und weitere 08/15 Bauten hochschießen, muss hier in Deutschland nicht weiter verwundern, aber verärgern! Weit weit entfernt ist man hierzulande von wirklich sehenswerten Bauten wie dem Bahnhof Lyon Saint-Exupéry oder einfach nur einer gelungenen Modernisierung wie in London St. Pancras. Es gäbe einige gelungene Beispiele moderner Bahnhofsarchitektur, die nicht aussehen wie beliebig angehordnete Glaswürfel. Aus unerfindlichen Gründen ist es hierzulande leider immer noch Mode, Architektur wie Keksschachteln oder Bauklötzchen zu entwerfen und diese auf gut Glück durcheinanderzuwirbeln. Fassaden werden einfach nur in Glas gebaut und fertig. Schmucklo, Anspruchslos, trist und langweilig. Man kann hierzulande einfach nicht (mehr) bauen! Man sieht es auch an den Entwürfen zum S21 Bahnhof in Stuttgart. Alles architektonisch anspruchslose und grauenhafteste Langeweile. Nichts was herausstechen würde, alles der selbe Einheitsbrei wie er überall stehen könnte wenn man sich keine Mühe gibt. Gute Nacht Deutschland! Schlaf geruhsam weiter!
3. Sinnbild
bloggide 02.06.2010
Wenn man den Berliner Hauptbahnhof mit dem phantastischen Entwurf des Lütticher Bahnhofs von Santiago Calatrava vergleicht, wird das ganze Ausmaß des deutschen Katzenjammers erst deutlich. Eine fantasielose Glaswurst inmitten der Einöde in Berlin. Architektur, die einst als zeitgemäße Interpretation einer Mobilitäts-Kathedrale die Zeiten überdauern wird, dort. Großmannssüchtiges Kleinklein, das ist ein schönes Sinnbild für den Zustand der Republik am Ort des ehemaligen Lehrter Bahnhofs.
4. Keine Uhren am Hauptbahnhof von Berlin!
gosub 02.06.2010
Sowohl an der Voeder- als auch an der Rückseite des Berliner Hauptbahnhofs fehlt eine große, weithin sichtbare Uhr!! Das vermisse ich sehr, vor allem, wenn ich spät dran bin... Die wenigen, unübersichtlich verteilten kleinen Uhren im Bahnhofsgebäude sind dafür kein adäquater Ersatz. Beim Ostbahnhof ist das übrigens glaube ich genauso! Ich bin sehr dafür, die Uhren nachzurüsten...
5. nicht nur am Hauptbahnhof
hgm1 02.06.2010
Zitat von sysopBlamabel, ordinär, katastrophal - Meinhard von Gerkan, Erbauer des Berliner Hauptbahnhofs, findet in einem polemischen Essay klare Worte für die verfehlte Stadtplanung rund um das Prestigegebäude. Der Architekt warnt: Die Ehre der deutschen Hauptstadt wird an Investoren verramscht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,698011,00.html
Die Berliner Stadtplanung lässt nicht nur am Hauptbahnhof ein Gesamtkonzept vermissen Irgendwie ist das aber alles schlüssig. Ich mag mich nur nicht dazu versteigen, das Durcheinander und die Inkompetenz der Beteiligten womöglich noch "liebenswert" zu nennen. Zwischen Protz und Vernachlässigung klafft eine weite Lücke. Da muss man ein teures Stadtschloss hinkünsteln, man leistet sich einen superteuren Bahnhof, der dann doch nicht, dann doch wieder, aber nicht wirklich komplett erstellt wird. Prunkvolle Regierungsgebäude, dann wieder Brachen, dazwischen Dreck und Unrat allenthalben. Baustellen, die nie fertig werden, Staus. Ja, einen Obama gibt es hier wahrlich weit und breit nicht. Wenn man allein über das antiquierte Bezahlsystem der BVG nachdenkt… Besucher wundern sich über die kleinen, mal gelben, mal roten Kästen, bis sie mit ihrem (leider ungestempelten) Ticket in der Hand vom Kontrolleur zur Kasse gebeten werden. Smart Cards oder Barriere-Systeme wie in jeder anderen Hauptstadt anderswo - Fehlanzeige. Dieweil fährt der Bürgermeister von Stadtviertel zu Stadtviertel. Bestimmt nicht mit der U-Bahn. Die Vernachlässigung des Bahnhofumfeldes ist wirklich ein Skandal.
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Zur Person
DPA
Meinhard von Gerkan, 75, ist einer der profiliertesten Architekten Deutschlands. Der im lettischen Riga geborene Gerkan verlor im Zweiten Weltkrieg seine Eltern und wuchs in Pflegefamilien auf. Er machte sich nach dem Studium in Berlin und Braunschweig 1965 in Hamburg als Architekt selbständig. Das Büro Gerkan, Marg und Partner (gmp) gewann schon bald den Wettbewerb für den Berliner Flughafen Tegel, der 1975 eröffnet wurde. Weitere bekannte Bauten von gmp sind die Neue Messe Leipzig und der Sitz der Dresdner Bank am Pariser Platz in Berlin; sie bauten das Berliner Olympiastadion und den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel um. Typisch ist die Verwendung von modernistischen Materialien wie Stahl und Glas. Der Berliner Hauptbahnhof, der 2006 nach 14-jähriger Planungs- und Bauzeit eingeweiht wurde, sorgte für einen Rechtsstreit: Die Deutsche Bahn hatte eigenmächtig die geplante Gewölbedecke über den Bahnsteigen durch eine einfache Flachdachkonstruktion ersetzen lassen. Gerkan klagte gegen die "Verschandelung" des von ihm entworfenen Gebäudes; erst 2008 wurde der Streit mit einem Vergleich beigelegt. Mehr auf der Themenseite...

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Bauwelt

Heft 20/2010

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