Berliner Stadtschloss Italiener sollen Wiederaufbau übernehmen

Hat das Hickhack um das Berliner Stadtschloss endlich ein Ende? Ja - zumindest vorerst. Denn eine Jury aus Fachleuten und Politikern hat entschieden, das italienische Architekturbüro Stella mit dem Wiederaufbau zu beauftragen.


Berlin - Sechs Jahre nach dem Bundestagsbeschluss, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen, hat die Jury entschieden, wer dem Prestige-Projekt ein architektonisches Gesicht verleihen darf: Der Auftrag geht an den italienischen Architekten Franco Stella aus Vicenza. Die mit Fachleuten und Politikern besetzte Jury habe sich einstimmig für dessen Entwurf entschieden, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) am Freitag in Berlin mitteilten.

Neumann würdigte den Siegerentwurf als "schlüssiges und tragfähiges Gesamtkonzept". Er besteche durch "eine kluge architektonische Verknüpfung von Alt und Neu, von moderner Nutzung und der Rekonstruktion des ehemaligen Schlosses".

Große künstlerische Freiheit schließt das allerdings nicht mit ein: Denn der Bund verlangt kategorisch, drei der vier Fassaden originalgetreu im Barockstil nachzubilden. Ob sich mit der Entscheidung allerdings ein lange währender Streit erledigt hat, ist fraglich - denn der Bau soll auf auf einem Areal entstehen, das historisch und politisch stark vorbelastet ist.

Bis vor kurzem stand dort noch der ehemalige DDR-Prestigebau Palast der Republik, im Volksmund auch als Erichs Lampenladen bekannt. In dem 1976 eröffneten Gebäude tagte die Volkskammer der DDR, 1990 verließen die Abgeordneten das asbestverseuchte Haus, das mittlerweile komplett abgerissen ist.

Auf eben diesem Gelände - so beschloss es der Bundestag im Jahr 2002 - soll eine historistische Rekonstruktion des alten Berliner Stadtschlosses entstehen, das 1950 auf Anweisung Walter Ulbrichts, damals Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED, gesprengt wurde.

Nachdem sich über die Jahre hinweg viele Kritiker negativ über den Wiederaufbau geäußert hatten, schloss sich kürzlich sogar der Jury-Vorsitzende, der renommierte italienische Architekt Vittorio Lampugnani, ihnen an.

Im SPIEGEL meldete er schwerwiegende Bedenken gegen so einen historistischen Wiederaufbau an: "Ich bin ein Gegner der Haltung, die mit aller Unbedingtheit ausschließlich eine Rekonstruktion erlaubt, ein Gegner der Behauptung, das alte Schloss wäre das Beste, was an dieser Stelle stehen kann."

Auch bei der Bevölkerung löst der geplante Schlossbau offenbar wenig Begeisterung aus. Ein Beleg dafür ist das geringe Spendenaufkommen. Ein Förderverein wollte 80 Millionen Euro einsammeln. Bislang sind jedoch nur 17 Millionen Euro zusammengekommen – das meiste davon bloß als Zusage.

Das seit 15 Jahren umstrittene Mega-Projekt soll 552 Millionen Euro kosten, der größte Teil davon finanziert mit Steuergeldern von Bund und Land. Angesichts der prekären Lage plant das Bundesbauministerium die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung für das Schloss, in der der Bund, das Land Berlin und die künftigen Nutzer vertreten sein sollen. So soll verhindert werden, dass nur eine Institution allein die heikle Verantwortung als Bauherr tragen muss.

In die letzte Runde waren 30 Architektur-Büros gekommen, insgesamt hatte es 85 Entwürfe gegeben. Nach den Richtlinien für Architekturwettbewerbe muss der Auslober in der Regel einem oder mehreren Preisträgern unter Würdigung der Jury-Empfehlungen die weitere Planung übertragen. Der Bund als Auftraggeber ist aber nicht zwingend an die Jury-Entscheidung für den ersten Preis gebunden; sie ist eine "Empfehlung an den Bauherrn".

In dem neuen alten Schloss sollen das Humboldt-Forum mit den außereuropäischen Sammlungen der Berliner Museen sowie eine Wissenschaftsschau der Humboldt-Universität unterkommen. Im 50.000 Quadratmeter großen Bau ist außerdem ein Veranstaltungszentrum geplant.

tdo/dpa/ddp

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