Berliner Taktstock-Krieg Luisis Austreibung

Berlin hat ein neues Spiel entdeckt: Dirigenten ärgern. Nach Daniel Barenboim trifft es nun Fabio Luisi. Er verzichtet auf den Posten als Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper.

Von Harriet Dreier


Vergrault: Fabio Luisi
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Vergrault: Fabio Luisi

Er war der Wunschkandidat. Der Italiener Fabio Luisi, seit 1999 Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters, wurde vom designierten Intendanten der Deutschen Oper, Udo Zimmermann, bereits im März als künftiger Generalmusikdirektor (GMD) benannt. Acht Monate wurde dessen Vertrag dann in den Berliner Amtsstuben verschoben, um in immer neuen Schubladen versenkt zu werden.

Anfang der Woche fiel endlich die Entscheidung: Abgelehnt, donnerte es aus der Personalkommission des Senats. Feste Zusagen hatte Luisi zwar erhalten, aber immer noch keinen Vertrag in der Tasche. Und so fühlten sich die hauptstädtischen Instanzen auch nicht an Absprachen gebunden. Im Gegenteil: Der Maestro sei "zu teuer", wurde behauptet, und damit erreichte die unappetitliche Farce ihren Gipfel. Laut Luisis Agenten Wolfgang Hartl sei es um 3000 Mark gegangen - die Differenz zwischen den bisher für den GMD gezahlten 14.500 Mark und den 17.500 Mark, die Luisi forderte.

Dieser läppische Betrag war der Kommission angeblich zu hoch. Doch kann Geld nicht der eigentliche Zankapfel sein - sollte Christian Thielemann ans Haus zurückkehren, dürfte es ohnehin kostspieliger werden. Die Wahrheit ist wohl: Berlin hat Luisi erfolgreich weggeekelt - Wunschkandidat war der Dirigent wohl nur für Zimmermann.

Der Rest liebäugelte unverhohlen mit Thielemann. Der hatte sich in Bayreuth mit einem Aufsehen erregenden Debüt einen Namen gemacht und wurde damit über Nacht zu Berlins neuem Liebling. So einem musikalischen Genie verzeiht man schnell, dass es wegen Streitigkeiten mit Zimmermann den Taktstock an der Bismarckoper geworfen und seinen Vertrag zum Sommer 2001 gekündigt hatte. Außerdem hat sich der 41-Jährige auf dem Grünen Hügel mit Zimmermann ausgesöhnt - wer will da nachtragend sein. Nur wohin mit dem Italiener?

Mit der Diskussion um die Opernreform wurden flugs die Karten neu gemischt, und plötzlich war auch Noch-GMD Thielemann wieder Thema. Dieser signalisiert wie ein Feuermelder, dass gerne zum Bleiben bereit wäre. Mit seinem Wunsch rennt er offene Türen ein: CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky und sein SPD-Amtskollege und Klaus Wowereit feierten den Dirigenten bereits als "internationalen Star". Selbst Kultursenator Christoph Stölzl will ihn dem Vernehmen nach halten. Und das Orchester steht sowieso hinter "seinem" Dirigenten - die Musiker hatten Luisi zwar nie ausdrücklich abgelehnt, sich jedoch Ende November einstimmig für das Verbleiben Thielemanns ausgesprochen.

Scheidender - und künftiger? - GMD Thielemann: Einem Genie verzeiht man gern
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Scheidender - und künftiger? - GMD Thielemann: Einem Genie verzeiht man gern

Zimmermann stellte sich noch am Freitag in der "Welt" hinter den Italiener - ob aus Loyalität oder Angst sich lächerlich zu machen, sei dahingestellt. Luisi befreite Zimmermann aus der Zwickmühle und setzte von sich aus einen Schlussstrich unter die peinliche Posse. Er stehe "definitiv nicht" mehr als GMD zur Verfügung. Mit seinem Rückzug wolle er Zimmermann die Möglichkeit geben, unbelastet von personellen Fragen seinen künstlerischen Weg zu gehen. Er sei nicht bereit, seine berufliche Integrität den Intrigen in Berlin zu opfern, erklärte der Musiker.

Er warf der Berliner Kulturpolitik Ignoranz, Konzeptionslosigkeit und Arroganz vor. Seitdem er vor acht Monaten als GMD vorgestellt wurde, sehe er sich dem "nicht sehr theaterkompetenten Kultursenator und einigen Westberliner Politikern" ausgesetzt. Weder der Berliner Finanzsenator noch die Kulturverwaltung hätten versucht, mit ihm einen neuen Vertrag auszuhandeln. Die Entscheidung der Senatskommission sei für seinen Rückzug nicht ausschlaggebend, betonte Luisi, bestätige aber die Stillosigkeit und das Suchen nach vorgeschobenen Gründen, um einen Status quo zu etablieren. Von seiner Schadenersatzklage über 2,25 Millionen sieht der Maestro zunächst ab. Juristische Schritte macht er von seinen Dirigiermöglichkeiten abhängig.

Stölzl wird Zimmermann nun bitten, fix einen neuen Vorschlag auszuhecken. Der derzeitige Leipziger Opernchef solle "so schnell wie möglich Maßnahmen ergreifen, um einen zustimmungsfähigen Vertrag" vorzulegen.



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