Berliner Theater Glanzloses Ende einer Ära

Das Deutsche Theater und das Maxim-Gorki-Theater verabschiedeten ihre langjährigen Intendanten. Doch die Feste waren flau.

Von Henrike Thomsen


Scheidender Ost-Integrator: Thomas Langhoff
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Scheidender Ost-Integrator: Thomas Langhoff

Samstagnacht gegen 1 Uhr 30: Das Deutsche Theater ist dunkel und abgesperrt, ein leichter Regen fällt auf die leeren Bierbänke vor den Eingangstreppen. Eine Putzkolonne sammelt Bierbecher und Bratwurstpappen zusammen. Der DJ mahnt das letzte Häufchen Gäste zum Gehen und legt als Rausschmeißer einen Sirtaki auf. So endete die rauschende Feier, die das "DT" zum Abschluss der zehnjährigen Intendanz von Thomas Langhoff versprochen hatte.

Im Maxim-Gorki-Theater, wo am Wochenende ebenfalls eine Ära zu Ende ging und Bernd Wilms als Intendant verabschiedet wurde, ging es unterdessen zu wie auf einer durchschnittlichen Premierenfeier. Katharina Thalbach, die nach der letzten Vorstellung des "Hauptmann von Köpenick" auf offener Bühne geweint hatte, sang beschwipst die Nationalhymne zu einem Text von Bert Brecht. Die lokalpolitische Prominenz, die sich überhaupt erst hatte blicken lassen, war ohnehin längst verschwunden. Dem Vergleich mit einer Filmparty oder Ausstellungsfinissage der gleichen Größenordnung hätte keine der beiden Feiern auch nur annähernd standgehalten.

Erntete Buhrufe: Wahlkämpfer Wowereit
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Erntete Buhrufe: Wahlkämpfer Wowereit

Dennoch war vor allem der Abschied Langhoffs eine Wahlkampfgelegenheit, die sich Berlins neuer Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und sein Kontrahent Gregor Gysi (PDS) nicht entgehen ließen. Im Gegensatz zum Gorki hatte das Deutsche Theater ja für die politische Diskussion in Berlin eine wichtige Rolle gespielt, auch wenn die Inszenierungen es zuletzt immer weniger rechtfertigten. Das treue ostdeutsche Stammpublikum identifizierte sich nicht nur mit dem Haus, das zu den Vorzeigetheatern der DDR gehört hatte, sondern auch mit seinem Intendanten.

Thomas Langhoff steuerte den Betrieb seit 1991 sicher durch politisch wie wirtschaftlich schwer bewegte Zeiten. 1999 jedoch wurde er vom westlich dominierten Senat rüde fallen gelassen. Wowereit beeilte sich daher, in seiner Ansprache zu betonen, was für "ein Glücksgriff" der Sohn des seinerzeit legendären DT-Intendanten Wolfgang Langhoff für Berlin gewesen sei. "Was der Senat mit Ihnen gemacht hat, war würdelos", fügte er hinzu. Als Mitglied der alten Regierungskoalition erntete er jedoch Buhrufe im überfüllten Saal. Gysi dagegen hatte im ostdeutschen Traditionstheater ein Heimspiel. Er gewann es - wenige Stunden vor seinem Kontrahenten - bei einer Podiumsdiskussion - souverän mit einer einzigen Bemerkung über Wowereit: "Ich höre, mein Vorgänger kommt heute auch noch hierher."

Langhoff selbst sagte, er gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Für die nächsten drei Jahre sei er mit freien Regieaufträgen - unter anderem an der Wiener Burg und am Münchner Residenztheater - praktisch ausgebucht. Zudem hat ihm der neue Gorki-Intendant Volker Hesse zu einer Inszenierung von Goethes "Iphigenie" verpflichtet. Hesse Geste ist ein schönes Versöhnungsangebot. Denn es war niemand anders als sein Vorgänger Wilms, den der Senat 1999 zum Spott und Zorn des DT als Nachfolger für Langhoff berief. Mit einem völlig neuem Programm, eine neuen Führungsteam und einem weit gehend ausgewechselten Ensemble wird er das Haus im Herbst wieder eröffnen.

Trumpfte auf: Wahlkämpfer Gysi
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Trumpfte auf: Wahlkämpfer Gysi

Das Intendantenkarussell in den Berliner Sprechtheatern kommt nach diesem Wechsel erst einmal zum Stillstand. Falls Frank Castorf an der Volksbühne und Claus Peymann ihren regelmäßig angedrohten Rücktritt nicht irgendwann wahrmachen, sind alle großen Häuser in festen Händen und müssen sich über ihre Programme behaupten. Künstlerisch gesehen kommt vielleicht jetzt erst die richtig spannende Zeit. Und man müsste sehr schwer unter Ostalgie leiden, um sich nicht auf die jüngsten Neuanfänge zu freuen.

In der flauen Harmlosigkeit der Abschiedsfeiern trat (besonders am DT) die ganze reale Bedeutungslosigkeit der Häuser im harten politischen Geschäft der Berliner Kulturbetriebs zu Tage. Es gibt Theater wie die Volks- und die Schaubühne, die tatsächlich mehr als eine symbolische Kraft besitzen. Hoffentlich kommen das neue Deutsche Theater und das neue Gorki-Theater ab Oktober dazu.



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