Berliner Theatertreffen Das sind die besten Inszenierungen

Hollywood hat die Oscars, die deutschsprachige Theaterwelt das Berliner Theatertreffen. Das sind die zehn Inszenierungen, die Sie kennen sollten.

Judith Buss

Sieben Jurymitglieder, 409 gesichtete Inszenierungen an Theatern im ganzen deutschsprachigen Raum: Theater ist immer auch Statistik, wenn die Auswahl zum Berliner Theatertreffen (4. bis 21. Mai) bekannt gegeben wird, dem wichtigsten Bühnenfestival Deutschlands. Die Zahlen dienen vor allem dazu, zu belegen, dass es sich die Jurymitglieder, vier Theaterkritikerinnen und drei Theaterkritiker, nicht leicht gemacht haben, bis sie ihre Auswahl beisammen hatten.

Hier sind sie also, die zehn "bemerkenswerten Inszenierungen" der Saison. Ausgewählt ohne Quotenvorgaben, was das Geschlecht der Regieführenden, das Alter der Autorinnen und Autoren, den Standort der Theater und alles andere angeht. Das wird wie in jedem Jahr für Diskussionen sorgen. Aber Theater ist eben nicht Statistik.

Hier die Auswahl, sortiert nach den Nachnamen der Regisseurinnen und Regisseure:

1. "Die Welt im Rücken", nach Thomas Melle, Burgtheater Wien. Regie: Jan Bosse

Ein autobiografischer Roman, der eine gnadenlose Selbstbespiegelung ist, als grandiose Soloschau, klug und wirkungsvoll in Szene gesetzt: Joachim Meyerhoff spielt schonungslos gegenüber sich und der Figur einen Mann mit bipolarer Störung.

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Theatertreffen 2018: Für Herz und Verstand

2. "Faust" nach Johann Wolfgang von Goethe u.a., Volksbühne Berlin. Regie: Frank Castorf

Die Abschiedsinszenierung (wenn man von einem kleineren Epilog absieht) an dem Theater, das er ein Vierteljahrhundert lang geprägt hat, bringt Frank Castorf seine 15. Einladung zum Theatertreffen seit 1990 ein. Rund sieben Stunden lang und mit einem gewohnt exzessiven Ensemble, darunter Martin Wuttke und Valery Tscheplanowa. Um nach seinem langen, schmerzvollen Abschied von seinem Theater am Rosa-Luxemburg-Platz nicht dorthin zurückkehren zu müssen, wird Castorf die Inszenierung wohl im Haus der Berliner Festspiele zeigen.

3. "Beute Frauen Krieg", nach Euripides, Schauspielhaus Zürich. Regie: Karin Henkel

Eine von drei Regisseurinnen in dieser Auswahl: Karin Henkel, zum siebten Mal dabei, zeigt den Trojanischen Krieg aus Sicht der Frauen: Sie sind die ersten und die letzten Opfer.

Nina Hoss in "Rückkehr nach Reims"
Arno Declair

Nina Hoss in "Rückkehr nach Reims"

4. "Die Rückkehr nach Reims", nach Didier Eribon, Schaubühne Berlin. Regie: Thomas Ostermeier

Der Regisseur und Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier, dessen Kunst im Ausland oft mehr gefeiert wird als in Deutschland, hat diese Inszenierung zuerst auf Englisch herausgebracht, beim Manchester International Festival, bevor zu Spielzeitbeginn die deutsche Fassung in Berlin Premiere hatte. Der Regisseur verknüpft die selbstkritische Betrachtung des französischen Autors Didier Eribon, der das Abdriften seiner Familie aus dem Arbeitermilieu ins rechte Lager thematisiert, mit den Erinnerungen von Nina Hoss an ihren Vater, den Gewerkschafter und Grünen-Mitbegründer Willi Hoss, der immer ein aufrechter Linker geblieben ist. Ungewöhnlich leises, persönliches Startheater.

"Woyzeck" am Theater Basel
Sandra Then

"Woyzeck" am Theater Basel

5. "Woyzeck", von Georg Büchner, Theater Basel. Regie: Ulrich Rasche

Große Maschineninstallationen machen beim Regisseur Ulrich Rasche den Menschen auf der Bühne (und in der Welt) ganz klein. Im vergangenen Jahr war er mit Schillers "Räubern" dabei, jetzt zeigt er Büchners Klassiker vom sozialen Außenseiter.

Szene aus "Mittelreich"
Judith Buss

Szene aus "Mittelreich"

6. "Mittelreich". Nach dem Roman von Josef Bierbichler, nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler, Münchner Kammerspiele. Regie: Anta Helena Recke

Gäbe es Quoten beim Theatertreffen, würde Anta Helena Recke gleich drei erfüllen: als Frau, Newcomerin und person of colour. Dass die im Theater (und auch sonst in der Gesellschaft) noch immer deutlich unterrepräsentiert sind, macht die Konzeptkünstlerin zum Thema ihrer Inszenierung: Sie lässt einen Abend, der 2016 beim Theatertreffen dabei war, exakt so noch einmal spielen - nur mit schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern.

Matti Krause in "Am Königsweg"
Arno Declair

Matti Krause in "Am Königsweg"

7. "Am Königsweg", von Elfriede Jelinek, Schauspielhaus Hamburg. Regie: Falk Richter

Die Nobelpreisträgerin liefert zuverlässig ihre berüchtigten (weil erst einmal sehr sperrigen) Textflächen zu aktuellen Themen ab. Diesmal hat sie sich Donald Trump gewidmet. Daran war kein Vorbeikommen.

8. "Die Odyssee ", nach Homer, Thalia Theater Hamburg. Regie: Antú Romero Nunes

Schon mit Ende 20, direkt nach seinem Diplom, galt Romero Nunes als großes Talent. Mit 34 ist der Regisseur, der längst an großen Häusern wie dem Burgtheater, dem Schauspielhaus Zürich und eben dem Hamburger Thalia Theater inszeniert, jetzt endlich beim Theatertreffen dabei. Seine "Irrfahrt nach Homer" ist eine kleine, große Hommage an die Kunst der Imagination und erinnert daran, dass Theater vor allem Spiel ist, für Herz und Verstand. Zwei Schauspieler (Thomas Niehaus und Paul Schröder) arbeiten sich an der klassischen Geschichte ab, nie etwas anderes als eine nordisch klingende Fhantasiesprache brabbelnd - aber man versteht jedes Wort und jede Emotion.

Szene aus "Trommeln in der Nacht"
Julian Baumann

Szene aus "Trommeln in der Nacht"

9. "Trommeln in der Nacht", von und nach Bertolt Brecht, Münchner Kammerspiele. Regie: Christopher Rüping

Der experimentierfreudige junge Regisseur lässt Brechts Drama in zwei Versionen spielen - einmal als Liebes-, das andere Mal als Revolutionsdrama. Die erste Variante ist die, die Brecht einst zur Uraufführung brachte, die zweite ist die, die er verwarf.

10. "Nationaltheater Reinickendorf", nach Henrik Ibsen, Berliner Festspiele. Regie: Vegard Vinge und Ida Müller

Ein Gesamtkunstwerk von einem exzessiven Künstlerduo: Vinge und Müller arbeiten sich seit diversen Inszenierungen an Ibsen ab und schaffen sich dabei jedes Mal ihr eigenes faszinierendes Universum aus Pappkulissen, Popzitaten und dröhnendem Pathos. Es kann auch eklig werden, und auf jeden Fall dauert es lange - ein Abtauchen in eine Kunstwelt, die im besten Fall als Exorzismus gegen bürgerliche Verklemmungen wirkt.


Disclaimer: Der SPIEGEL-Autor Wolfgang Höbel ist Mitglied der Theatertreffenjury.



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