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Berliner Theatertreffen: Träume, Dada und brenzlige Situationen

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Festivalauswahl: Berliner Theatertreffen 2016 Fotos
picture alliance

Was für Hollywood die Oscars sind, ist für die deutschsprachige Theaterwelt das Berliner Theatertreffen. Nun wurde die Auswahl für 2016 bekannt gegeben. Diese zehn Inszenierungen müssen Sie kennen.

Die Auswahl der zehn Inszenierungen für das 53. Berliner Theatertreffen, und sie ist im diesem Jahr jung und weiblich. Gleich drei Mal lud die Jury Produktionen von Berliner Bühnen ein, zwei Mal ist Hamburg vertreten. Weitere Inszenierungen kommen aus München, Kassel, Wien, Karlsruhe und Zürich. Dieses Mal seien "viele Newcomer-Regisseure" eingeladen worden, sagte Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer. Es scheine sich eine neue Theatergeneration durchzusetzen. Auffallend außerdem: Erstmals sei knapp die Hälfte der zum Festival eingeladenen Theatermacher weiblich, so Büdenhölzer.

Ein Jahr lang reisen jedes Jahr sieben Kritikerinnen und Kritiker im Auftrag der Berliner Festspiele durch den ganzen deutschsprachigen Raum. Am Ende stimmen sie ab, welches die zehn "bemerkenswerten" Inszenierungen der Saison sind, die zum Berliner Theatertreffen eingeladen werden (6. bis 22. Mai). Diese Inszenierungen müssen Sie in diesem Jahr kennen:

  • "Schiff der Träume", Regie Karin Beier, Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Das Stück zur Flüchtlingskrise, da kam man eigentlich nicht drum herum - denn trotz der Fülle an Inszenierungen zur Thematik gibt es erstaunlich wenige, die gelungen sind. Auch Karin Beiers Fellini-Überschreibung zeugt von einiger Ratlosigkeit, das aber in schöner Offenheit und mit einem glänzenden Ensemble - mal läppisch, mal humorvoll und schon auch selbstkritisch: Eine saturierte europäische Gesellschaft auf einem Kreuzfahrtschiff muss unterwegs Bootsflüchtlinge aufnehmen. Die Integration scheitert natürlich, wie auch das (weiße) Schauspielhaus-Ensemble mit den (schwarzen) dazugeladenen Schauspielern sichtbar fremdelt.

  • "Ein Volksfeind", Regie Stefan Pucher, Schauspielhaus Zürich.

Auch Pucher ist ein alter Bekannter beim Theatertreffen. Mit seiner vom FAZ-Kritiker und Popspezialisten Dietmar Dath textlich in die digitale Gegenwart gehievten Ibsen-Version ist er zum siebten Mal beim Theatertreffen dabei. Die Kritiker waren wenig begeistert von diesem Spektakel, aber immerhin spielt Robert Hunger-Bühler mit.

  • "Stolpersteine Staatstheater", Regie Hans-Werner Kroesinger, Staatstheater Karlsruhe.

Kritikerinnen und Kritiker schauen zu wenig in die Provinz, die sieben von der Theatertreffen-Jury aber schon. Kroesinger ist ein renommierter Dokumentartheater-Macher, dessen Abende manchmal unter der Last der recherchierten Fakten zusammenzubrechen drohen. Bei diesem Abend ist das offenbar anders. Zum 300. Stadtjubiläum von Karlsruhe hat sich Kroesinger mit seinem Team den Geschichten hinter den Stolpersteinen vor dem Theater gewidmet, die in Karlsruhe wie in anderen Städten an die Opfer der Nazidiktatur erinnern.

  • "der die mann", Regie Herbert Fritsch, Volksbühne Berlin

Der ehemalige Berliner Volksbühnen-Schauspieler und Castorf-Star Herbert Fritsch hat es als Regisseur schnell zum Kultstatus gebracht, beim Publikum wie bei der Kritik. Dieses ist seine sechste Theatertreffen-Einladung seit 2011. Und immer, wenn man dachte, seine überdrehten Abende kenne man jetzt wirklich zur Genüge, drehte er den Irrsinn auf der Bühne noch ein bisschen weiter. Wie jetzt mit seinem Abend, der von Konrad Bayer inspiriert ist, einem späten Wiener Dada-Nachfolger.

  • "Mittelreich", Regie Anna Sophie Mahler, Münchner Kammerspiele

Eine solide, stark musikalische Übersetzung von Josef Bierbichlers (Anti-)Heimatroman, dem die Regisseurin alles Bayerische ausgetrieben hat, wodurch die Geschichte ziemlich blutleer geworden ist. Doch Regisseurin Anna Sophie Mahler ist eine Debütantin, und an den Münchner Kammerspielen ist gerade der zuvor in Berlin so gefeierte neue Intendant Matthias Lilienthal angetreten, die Grenzen zwischen Stadttheater und freier Szene neu zu bestimmen und hat es gerade ganz schön schwer - das ist eine unwiderstehliche Mischung, das muss nominiert werden.

  • "The Situation", Regie Yael Ronen, Maxim Gorki Theater Berlin

Nach ihrem Debüt beim Theatertreffen mit "Common Ground" im vergangenen Jahr, einem Stück über den Jugoslawienkrieg aus der Perpektive der nachfolgenden Generation, haben die aus Israel stammende Berliner Regisseurin Yael Ronen und ihr Ensemble sich diesmal den aktuellen Konflikten gewidmet: Wie ist das eigentlich, wenn Israelis, Palästinenser und Syrer sich in Berlin einen Kiez teilen? Sehr gegenwärtiger Stoff, direkt aus der Wirklichkeit auf die Bühne gepackt.

  • "Effi Briest - allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie", Regie Clemens Sienknecht und Barbara Bürk, Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Ein sehr vergnüglicher, wenn auch keineswegs zwingender Abend. Clemens Sienknecht und sein Ensemble werfen sich mit viel Elan in Siebziger-Jahre-Verkleidungen und spielen die Musik dazu, die Handlung hangelt sich an Fontanes Klassiker entlang. "Der Wunsch, ganz anders sein zu wollen, als der geltende Kodex es vorschreibt, führt in beiden Zeiten zu Unfällen der misslungenen Befreiung", schreibt die Jury. Sienknecht ist mit seinen 51 Jahren ein relativ später Theatertreffen-Debütant. Allerdings nur als Regisseur: Als Schauspieler und Musiker war er in vielen von Christoph Marthalers gefeierten Inszenierungen dabei, etwa bei der legendären "Stunde Null".

  • "Väter und Söhne", Regie Daniela Löffner, Deutsches Theater Berlin

Daniela Löffner, auch zum ersten Mal eingeladen, hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich in die erste Reihe einer neuen Regie-Generation gearbeitet. Genaue Schauspielerarbeit, präzises Denken und Erzählen zeichnen sie aus, so wie bei dieser Klassiker-Interpretation nach Iwan Turgenjew.

  • "John Gabriel Borkman", Regie Simon Stone, Burgtheater Wien/Wiener Festwochen/Theater Basel

Noch ein Debütant. Und ein Beispiel dafür, dass Nachwuchs-Regisseure und Regisseurinnen erst dann eingeladen werden, wenn sie an den großen Häusern gelandet sind - dass der 31-jährige Australier Simon Stone (aufgewachsen in Basel, Cambridge und Melbourne) ein Supertalent ist, konnte man schon sehen, als er noch in Oberhausen und in Mannheim gearbeitet hat. Ibsens Drama hat er "clever entschlossen in die Börsen- und Liebesspekulantenwelt von heute versetzt", urteilte der SPIEGEL. Und hat dabei sensationelle Darsteller zur Verfügung: Martin Wuttke als Borkman, Birgit Minichmayr als seine Frau, Caroline Peters als deren Schwester. Ein paar Stars tun jedem Theatertreffen gut.

  • "Tyrannis", Regie Ersan Mondtag, Staatstheater Kassel

Diese Einladung ist dagegen eine Überraschung. Da war die Jury mal schnell genug und hat den vielleicht kommenden Regiestar Ersan Mondtag eingeladen, bevor er an den großen Häusern angekommen ist (Inszenierungen am Thalia Theater Hamburg und Schauspiel Frankfurt sind angekündigt). Ist es gemein zu sagen, dass ihm seine Jugend (er ist kaum 30) und sein Migrationshintergrund dabei wahrscheinlich nicht geschadet haben? Sein "Tyrannis" ist eine offenbar ziemlich rätselhafte und wortkarge Performance-Installation, die optisch stark an Vegard Vinges exzessive Arbeiten im Berliner Prater erinnern. Eine Entdeckung, möglicherweise.

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