Berliner Theatertreffen Umstrittene Castorf-Inszenierung eingeladen

Die besten Produktionen deutschsprachiger Bühnen werden alljährlich zum Theatertreffen eingeladen. Eine davon könnte aber bis dahin verboten sein: Suhrkamp geht vor Gericht gegen Frank Castorfs Brecht-Inszenierung "Baal" vor.

Jürgen Stössinger, Aurel Manthei, Katharina Pichler und Bibiana Beglau in der   "Baal"-Inszenierung im Münchner Residenztheater
DPA/ Matthias Horn/ Residenztheater München

Jürgen Stössinger, Aurel Manthei, Katharina Pichler und Bibiana Beglau in der "Baal"-Inszenierung im Münchner Residenztheater


Berlin/München - Frank Castorfs umstrittene "Baal"-Inszenierung wird zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Entscheidung sei auch ein Aufruf an die Rechteinhaber von Bertolt Brechts Stück, das Werk ohne Einschränkungen zeigen zu dürfen, erklärte die Jury am Montag bei der Bekanntgabe der Auswahl für das 65. Theatertreffen (1.-17. Mai).

Der Suhrkamp Verlag will weitere Aufführungen am Münchner Residenztheater verbieten lassen. Bei der Inszenierung handle es sich "um eine nicht-autorisierte Bearbeitung" des Stückes. In der Produktion würden viele Fremdtexte verwendet, "die Werkeinheit wird aufgelöst", bemängelte der Verlag. Absprachen habe es vorher nicht gegeben.

Das Landgericht wollte sich zu dem Antrag auf einstweilige Verfügung nicht äußern, nach Verlagsangaben wird eine Entscheidung noch in dieser Woche erwartet. Residenztheater-Intendant Martin Kusej zeigte sich "außerordentlich irritiert" über das Vorgehen des Suhrkamp-Verlages, das er "völlig unverständlich" nannte.

Kusej kritisierte, der Suhrkamp-Verlag kenne Castorfs Arbeitsweise, habe sich für die Vergabe der Aufführungsrechte an das Residenztheater und den Regisseur entschieden und sei auf dem Laufenden gehalten worden. Bei Suhrkamp sieht man das anders: "Das Theater hat uns trotz mehrfacher Aufforderung die endgültige Spielfassung bis heute nicht zur Verfügung gestellt."

Castorf erzählt Brechts Geschichte in seiner mehr als vierstündigen, rauschhaften Inszenierung nicht chronologisch, verlagert sie unter anderem in den Vietnam-Krieg und fügt Passagen aus fremden Texten - unter anderem aus Arthur Rimbauds "Eine Zeit in der Hölle" - hinzu.

Knapp 1700 Zuschauer haben die Inszenierung nach Theaterangaben bislang gesehen. Die Premiere am 15. Januar war ausverkauft, die zweite Aufführung annähernd, die dritte musste wegen einer Erkrankung im Ensemble abgesagt werden.

Schon für Freitag steht "Baal" mit Aurel Manthei in der Titelrolle und Bibiana Beglau als Isabelle eigentlich wieder auf dem Spielplan. "Wir gehen fest davon aus, dass die nächsten Aufführungen wie geplant stattfinden", betonte die Theatersprecherin.

Wien ist zweimal vertreten

Für das Theatertreffen, eine Art Parade der Besten der deutschsprachigen Bühnen, wurden insgesamt zehn Inszenierungen ausgewählt, darunter auch zwei vom Wiener Burgtheater: "Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz (Regie von Dusan David Parizek) sowie "Die Unverheiratete" von Ewald Palmetshofer, inszeniert von Robert Borgmann.

Auch Yael Ronens "Common Ground" vom Maxim Gorki Theater in Berlin, Nicolas Stemanns Jelinek-Aufführung "Die Schutzbefohlenen" am Hamburger Thalia und Christopher Rüpings Theaterversion von Thomas Vinterbergs Film "Das Fest" am Schauspiel Stuttgart wurden eingeladen. Die komplette Liste finden Sie hier.

feb/dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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marty_gi 02.02.2015
1. ...und zum zweiten
kann auch hier nur wieder auf den NZZ Artikel vom 27.12.2014 hinweisen bzgl. des Zustandes des deutschen Theaters, und wie Regisseure die Autoren vergewaltigen. Ein Hoch auf den Suhrkamp-Verlag. Ich hoffe, sie setzen sich durch!
serenity2012 02.02.2015
2. naja
Hier handelt es sich doch nicht mehr um eine Aufführung von Brechts "Baal", sondern um eine Art Mash-Up aus verschiedenen Quellen - was ja an sich nicht verwerflich wäre, wenn es als solches auch gekennzeichnet würde. Ich hätte weit mehr Respekt vor den sogenannten Regisseuren, wenn sie als Autoren ihre Kopfgeburten als eigenständige Stücke niederschrieben und zur Aufführung brächten. So wie es in anderne Ländern normal ist, dass ständig neue spannende Stücke zu allen möglichen Themen entstehen und die Autoren dabei mindestens so gefeiert werden wie die Regisseure, die sie auf die Bühne bringen. Nur hier gelten Autoren nichts, während Regisseure stur daran festhalten, bestehende Werke zu zerpflücken und zu verstümmeln. Aber nachdem ich das Elend nun 20 Jahre verfolgt habe, gebe ich die Hoffnung auf, dass sich hier noch einmal etwas wendet und trage mein Geld eben in die Theater außerhalb der Landesgrenzen.
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