Berliner Tränenpalast Vorhang fällt ins Ungewisse

Die Berliner Kulturstätte "Tränenpalast" soll Ende Juli für immer schließen. Zunächst plagte nur die Insolvenz. Weil der Eigentümer in der Nachbarschaft baut, muss jetzt der Kulturbetrieb weichen. Unklar bleibt, wie das geschichtsträchtige Gebäude künftig genutzt wird.

Von Christopher Stolzenberg


Berlin - Vierzig Jahre lang flossen an diesem Ort Tränen des Abschieds. Wenn sich Westdeutsche und DDR-Bürger voneinander verabschieden mussten, dann trennten sie sich im so genannten "Tränenpalast", bevor sie mit dem Zug in entgegengesetzte Richtungen fuhren. Die Wende hob die Teilung Deutschlands auf, doch der Spitzname für das Gebäude blieb und diente der gleichnamigen Kulturstätte. Ende des Monats wird es wieder Abschiedstränen geben. Der "Tränenpalast" muss schließen, um die Bauvorhaben des Grundstückeigners am Bahnhof Friedrichstraße nicht einzuschränken.

Tränenpalast in Berlin: "Der Senat ist in der Pflicht"
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Tränenpalast in Berlin: "Der Senat ist in der Pflicht"

Auf seinen Vermieter ist Marcus Herold nicht gut zu sprechen: "Er will uns raus haben, denn er braucht Baufreiheit", sagt der Betreiber des "Tränenpalasts" in der "Berliner Zeitung". Seit 1991 spielen im "Tränenpalast" renommierte Musiker Pop, Jazz, HipHop und er ist auch zu einer wichtigen Adresse für Comedy geworden.

Doch vom 1. Oktober 2006 an wird der Bau-Investor und Eigentümer Harm Müller-Spreer neben dem Bahnhof Friedrichstraße ein Geschäftshaus errichten. Um den Baubetrieb nicht durch Auflagen gegenüber dem Kulturveranstalter einzuschränken, bot er Herold einen neuen Mietvertrag an. Demnach hätte der Kulturbetrieb die Halle bis zum 30. September verlassen müssen, um auch Sanierungsarbeiten am "Palast" möglich zu machen. Diese sollen eineinhalb Jahre dauern.

Damit wäre aber der Kulturbetrieb mangels Ersatzort unterbrochen worden, und Herold hätte später befürchten müssen, nicht automatisch wieder als Mieter akzeptiert zu werden. Immerhin wird sein "Tränenpalast" seit einem Jahr vom Insolvenzverwalter betreut. Herold unterschrieb den Vertrag nicht, sondern hat stattdessen seinen Angestellten schon zum 31. Juli gekündigt. Er sieht für den "Tränenpalast" an der Friedrichstraße keine Zukunft mehr.

Dem entgegnet Müller-Spreer: "Ich möchte sowohl die Kultur- als auch die Erinnerungsstätte erhalten." Daher werde auch das Gebäude "nicht luxussaniert", sondern bis auf moderne sanitäre Anlagen, bessere Umkleideräume für die Künstler und Doppelverglasung nicht verändert.

Vor einem Jahr kaufte der Hamburger Immobilienbesitzer den "Tränenpalast" zu einem günstigen Zeitpunkt. Fünf Jahre zuvor hatte er schon das anliegende Grundstück erworben und wartete auf eine Gelegenheit auch die Kulturhalle zu bekommen. Die Stadt Berlin war 2005 in schwieriger Haushaltslage nutzte jede Möglichkeit, ihre Schulden zu begleichen.

"Niemand war bereit, Geld auszugeben"

Eine beliebte Maßnahme war, "Grundstücke, die man nicht mehr brauchte", zu veräußern, sagt Matthias Kolbeck von der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen. Dazu gehörten die Grundstücke im "Spreedreieck" um den Bahnhof Friedrichstraße und auch der "Tränenpalast".

Nach den Plänen von Müller-Spreer entsteht dort im Herbst ein Bürohaus mit zehn Etagen für die 400 Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, das seinen Schatten auf die kleine Kulturhalle werfen wird.

Lange Zeit hatte die Stadt den "Tränenpalast" unter ihrer Fittiche behalten. Doch im letzten Jahr war eine Situation entstanden, in der Müller-Spreer sein Vorkaufsrecht auf das Gebäude an der Spree geltend machte. Zunächst bot man dem Kulturunternehmer Herold die Halle an, welcher nicht zahlen konnte. Wenig später musste sein Gewerbe Insolvenz anmelden. Der "Tränenpalast" ging somit an Müller-Spreer mit der Auflage, zum einen den Denkmalschutz einzuhalten und zum anderen den Kultur- und Veranstaltungsbetrieb aufrecht zu erhalten.

Die Stadt nahm damit in Kauf, dass sie ihre Vorstellungen für die historische Stätte von nun an mit einem privaten Eigentümer verhandeln muss. Mit Blick auf das im letzten Monat verabschiedete Gesamtkonzept für die Berliner Mauer, das auch den "Tränenpalast" aufnimmt, schien diese Entscheidung wenig sinnvoll.

Kein Problem sieht jedoch Finanzbehörden-Sprecher Matthias Kolbeck: "Niemand war bereit, dafür Geld auszugeben. Und für das Mauerkonzept muss der 'Tränenpalast' nicht in öffentlichem Besitz sein, um erhalten zu bleiben." Die vertraglichen Auflagen seien ausreichend. Die Senatsverwaltung für Finanzen sehe auch den "Tränenpalast" nicht als Erinnerungsstätte, sondern als Baudenkmal, das als solches erhalten werden müsse.

"Der Senat ist in der Pflicht"

Dagegen hebt der Ausstellungsdirektor der Stiftung Haus der Geschichte, Jürgen Reiche, den hohen historischen Wert des "Tränenpalasts" hervor. "Die erhaltenen historischen Orte in Berlin kann man heute an zwei Fingern abzählen", sagt er. Der "Tränenpalast" zeige die "Absurdität der Teilung" besser als jedes andere Berliner Gebäude. Es sei eine seit Jahren "verpasste Chance", den Ort nur eingeschränkt für die Geschichtsarbeit zu nutzen. "Der Berliner Senat und die Bundesregierung müssen gewährleisten, dass der 'Tränenpalast' museal genutzt werden kann", sagt Reiche.

"Der Senat ist in der Pflicht", sagt auch der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Uwe Lehmann-Brauns. Der "Tränenpalast" als "Stück Berliner Diktaturgeschichte" müsse vollständig erhalten bleiben. Die Sprecherin der FDP im Abgeordnetenhaus, Sibylle Meister, pflichtet dem bei: "Der Senat ist nun aufgefordert, darauf zu achten, dass die im Vertrag mit dem Spree-Dreieck-Investor festgeschriebene kulturelle Nutzung, sowie die Auflagen des Denkmalschutzes eingehalten werden."

Es bleibt also eine Frage der Verhandlung zwischen dem Kultursenator und dem privaten Eigentümer, wie die Zukunft des "Tränenpalasts" als Erinnerungsstätte aussieht. Nach der Sanierung wird Müller-Spreer einen neuen Pächter für kulturelle Veranstaltungen suchen. "Vielleicht kommt ja ein neues Mietverhältnis mit dem aktuellen Betreiber zustande", sagt Müller-Spreer.



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