Castorf-Abschied von der Volksbühne Zur Hölle mit dem Doktor Faust!

Frank Castorf verlässt die Berliner Volksbühne. Da muss es dann schon mal sieben Stunden "Faust" sein - eine Art Best-of des Theaterprovokateurs.

"Faust"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne
Thomas Aurin

"Faust"-Inszenierung an der Berliner Volksbühne


Es war ein monumentaler Assoziationsschrotthaufen, eine Bildermüllhalde und ein Wunschkonzert, und es war gut so. Der Regisseur Frank Castorf hat am Freitagabend in der Berliner Volksbühne einen sieben Stunden langen Theaterabend unter dem Titel "Faust" vorgestellt.

Kurz vor Schluss sah man den Schauspieler Martin Wuttke, der an diesem Abend in einigen Szenen den Heinrich Faust spielte, auf einem quietschenden Dreirad über die Bühne fahren. Wuttke trug einen Zylinder, machte ein wunderschön trauriges Gesicht und wurde bejubelt - wie der ganze Theaterabend, der einerseits blühender Klamauk, andererseits aber eine penibel durchdachte Machtdemonstration und ein Abschiedsgruß des Intendanten Frank Castorf war. Castorf wird seinen Posten bei der Volksbühne im Sommer nach gut 25 Jahren räumen.

Sein letzter "Faust" erzählt eine Horrorgeschichte. Der Bühnenbildner Alexander Denic hat eines seiner verschachtelten Albtraumhäuser auf die Drehbühne gestellt, aus dessen Kammern und Spelunken Videobilder auf eine Reklamewand projiziert werden. Die Front des Hauses zeigt ein gruftiges Pariser Revuetheater mit einem Portal im Geisterbahnstil. An der Fassade steht in roten Leuchtbuchstaben unter roten Fackeln "L'enfer".

Ein gruseliger Sabbergreis

Wenn die Bühne rotiert, kommen eine Pariser Metrostation ("Stalingrad") und diverse Plakate zum Vorschein. Eines verweist auf eine Kolonialismusausstellung in Marseille im Jahr 1906, die meisten anderen auf klassische Horrorfilme. Tatsächlich trägt auch Martin Wuttke bei seinem ersten Auftritt als Titelheld des Abends eine Horrorclownmaske und brabbelt zur Begeisterung des Publikums weitgehend unverständliche Verse: Faust ist zu Beginn des Abends ein gruseliger Sabbergreis.

Auch sonst entspricht nichts dem klassischen "Faust". Die Schauspielerin Valery Tscheplanowa singt zu Beginn hinreißend eine deutschsprachige Version von Jaques Brels "Ne me quitte pas", wozu sie sich hübsch auf einem Bartresen fläzt.

Bald darauf spricht Tscheplanowa mit den Schauspielerinnen Thelma Buabeng und Angela Guerreiro viele Sätze aus Emile Zolas berühmtem Kurtisanenroman "Nana" aus dem Jahr 1880, in denen unter anderem von Bismarck die Rede ist. Später sagt Buabeng vieles über die Entkolonisierung Nordafrikas, was meist von Frantz Fanon stammt, etwa: "Die algerische Bevölkerung erneuert sich im Befreiungskampf."

Was ist hier los? An Goethes Riesendrama interessiert den Regisseur Castorf vor allem die Story des "Faust II", in dem sich der Doktor Heinrich Faust mit Unterstützung Mephistos zum Weltkolonisator aufschwingt, der sich die Unterwerfung von Natur und überlieferter Kultur zum Ziel macht.

"Was willst du dich denn hier genieren? Musst du nicht längst kolonisieren?", lauten die "Faust II"-Zeilen, die als Motto an den Anfang des Programmhefts zu dem Stück gestellt werden. Es ist ein mörderisches Projekt, das der stets nach Schönheit und Erkenntnis strebende Held auf seiner Reise "durch die kleine und die große Welt" betreibt, und es zeitigt hässliche Folgen.

Ein Klassiker wird in typischer Volksbühnenmanier beballert

"Wir schaufeln ein Grab in den Lüften", heißt es in Paul Celans Gedicht "Todesfuge", das Martin Wuttkes Faust einmal in einer wüsten Slapsticknummer auf Französisch deklamiert, als sein Tatteropa-Faust gerade den Verjüngungstrank gekippt hat. Immer wieder stolpert der Held und schlägt auf den Boden, während er Celan nachspricht: "Dein goldenes Haar Margarethe, dein aschenes Haar Sulamith."

Das ist der wohl glaubwürdigste von vielen Querverweisen und Fremdtexten, mit denen hier ein Klassiker in typischer Volksbühnenmanier beballert wird. Doch so kompliziert sich Castorfs Konzept beim Nacherzählen anhören mag, so wenig stört es bei der großen Volksbühnenparty, die dieser "Faust" vor allem ist. Immer wieder darf man hier über Glanzauftritte staunen, die manchmal wie eine Best-of-Show jenes Bilderrauschs und jener Spaß- und Diskurskunst wirken, die hier ein Vierteljahrhundert betrieben wurden.

Es gibt eine lange Brüllarie, die von einem fast nackten Mann vorgetragen wird (Frank Büttner als Sklaventreiber), viel augenzwinkernde Akrobatik von Marc Hosemann als Mephisto, den nöligen Charme eines Narren (Lars Rudolph als Famulus Wagner).

Und es gibt großartige starke Frauencharaktere. Hanna Hilsdorfs Homunculus muss sich erst aus einer Ganzkörperplastikfolie befreien und Lilith Stangenberg lässt als Varietégirl die Männer auf der Bühne schier überschnappen. Die Schauspielerin Sophie Rois singt als Hexe mit einer Federboa um den Hals ein sentimentales Adieulied, den "Leiermann" aus Schuberts "Winterreise".

Die glorreiche Schlussgala am Ende einer Ära

Gilt das für Castorf selbst? Dieser "Faust" ist die glorreiche Schlussgala am Ende einer Ära, die irgendwann in den Neunzigerjahren das europäische Theater revolutioniert hat. Den Spottkübel über den künftigen Volksbühnenintendanten Chris Dercon, den viele im Haus bislang ablehnen, darf der Schauspieler Alexander Scheer ausgießen.

Scheer tritt die allermeiste Zeit als der von Goethe verehrte Dichter Lord Byron auf, verfällt aber irgendwann in den lustigen belgischen Akzent von Dercon und plappert: "Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehn." Dann kriegt Scheer von Martin Wuttke, wie es wohl Dercon im realen Berliner Nachtleben ähnlich passiert ist, ein Bier über den Kopf geschüttet. Das ist so mittellustig.

Einmal lässt Frank Castorf den Bob-Dylan-Song "It's All Over Now, Baby Blue" spielen. Ob es wirklich vorbei ist mit den großen Tagen der Volksbühne, wird sich zeigen. Mit Castorfs Arbeit jedenfalls nicht. Castorf wird in der nächsten Saison an einem anderen Theater der deutschen Hauptstadt als Gastregisseur arbeiten, im Berliner Ensemble. Vermutlich werden seine Inszenierungen dort nicht kürzer.

Mitten im "Faust" sagt der Mephisto: "Irgendeinen Sinn muss das Ganze doch haben. Was bedeutet es? Und wenn es nichts bedeutet, warum ist es dann so lang?" Großer Brüller an einem Abend, von dem man sagen darf: In mindestens einer von sieben Stunden war es wirklich herzzerreißend toll.


"Faust". Volksbühne Berlin, nächste Vorstellungen am 5., 10., 12., 17., 18. und 31.3.

Anm. d. Red.: Bei dem Lied, das Sophie Rois singt, handelt es nicht um den "Leierkastenmann", sondern um den "Leiermann" aus Schuberts "Winterreise". Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 3 Beiträge
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rainer82 04.03.2017
1. Goethe, aber vor allem auch Shakespeare
würden an diesem lebendigen Theater ihre wahre Freude haben. Berlin verneigt sich!
mielforte 04.03.2017
2. Fuck you Goethe
oder was? Castorf hat das Unmögliche möglich gemacht. Einer charmanten Ruine hauchte er eine kreative Vitalität ein, die über viele Jahre andauerte. Hut ab, Herr Castorf. Das Publikum dagegen frönte dem Geist der Aufklärung bis zum Ende der Vorstellung und fuhr dann mit dem Riesen-SUV zum pseudo-hippen Heim.
micheleyquem 05.03.2017
3. So ein Mist !
Nein--- nicht das Stück. Mist wenn man weit weg von Berlin wohnt!
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