Berlins legendärster Club Eine Nacht im Dschungel-Fieber

Im Berliner "Dschungel" feierten in den achtziger Jahren die Humpe-Schwestern, Falco, Rio Reiser und Wolfgang Joop. Jetzt öffnete der legendäre Szene-Club noch einmal für eine Nacht - mit Harvey Keitel als Special Guest.

Von Harriet Dreier


"Dschungel"-Revival in Berlin: Schlager und Schweißtropfen
SPIEGEL ONLINE / Harriet Dreier

"Dschungel"-Revival in Berlin: Schlager und Schweißtropfen

Berlin - Lange war der "Dschungel" die erste Adresse in Berlin. Von 1978 bis Mitte der achtziger Jahre trafen sich hier die West-Berliner Szenegänger - jede Nacht von Mittwoch bis Montag. Zwischen Spiegelmosaiken unter der unbarmherzig hellen Neonbeleuchtung spielte sich eigentlich nichts Außergewöhnliches ab. Doch wer an den unerbittlichen Türsteherinnen Sabine und Susanne vorbeikam, war "in" in Berlin.

Vor dem Eingang säumte oft eine Warteschlange mit bis zu 200 Menschen den Bürgersteig, während drinnen Iggy Pop, Nick Cave, David Bowie, Sade, Carlos Santana, Bananarama oder Frank Zappa wilde Feten nach ihren Konzerten feierten. Sogar Prince wirbelte hier einst einsam über eine Tanzfläche, auf der sich sonst 50 Leute drängelten.

In den 13 Jahren seines Bestehens hatte der "Dschungel" viel gesehen: Ben Becker küsste hier seine erste große Punk-Liebe. Jung und unbekannt jobbte Benno Fürmann als Türsteher. An der "härtesten Tür von Berlin" kamen Boris Becker und Sylvester Stallone nicht vorbei, während Otto Sander ganz lässig mit der elfjährigen Meret Becker an der Hand hineinspazierte.

"Mal sehen, was im Dschungel läuft"

Auch Jahre nach dem Aus des "Dschungels" ist die Szene-Kneipe noch Gegenstand nostalgischer Partygespräche und Schwärmereien. So kam Gastgeberin Kate Merkle, Geschäftsführerin vom Juwelier "Bucherer", mit Ex-"Dschungel"-Betreiber Karlheinz Lubojanski auf die Idee, den Club für eine einzige Nacht wiederzubeleben - und traf damit genau den Nerv des Berliner Publikums.

Entsprechend groß war die Menschentraube vor der Nürnberger Straße 53. Ein findiger Würstenverkäufer verkürzte den Partyhungrigen die Wartezeit. Die Türsteher siebten so streng aus wie in alten Zeiten. Glücklich, wer noch eine alte "Dschungel"-Plakette am Schlüsselbund trug - ihm wurde freier Eintritt gewährt.

Gastgeberin Kate Merkle (l.) mit Produzent von Vietinghoff (m.) und einem Model
SPIEGEL ONLINE / Harriet Dreier

Gastgeberin Kate Merkle (l.) mit Produzent von Vietinghoff (m.) und einem Model

Ansonsten trafen sich nur geladene Gäste wie die Grünen-Politikerin Antje Vollmer, Marianne Rosenberg, Produzent Joachim von Vietinghoff oder SFB-Chefin Barbara Groth - von den "Dschungel"-Veteranen wie Udo Lindenberg, Nina Hagen und Wolfgang Joop keine Spur. Einzig Stammgäste Lord Knud und Maler Salomé waren an ihrem Lieblingsplatz unter der Wendeltreppe zu finden, und auch Inga Humpe wollte - wie in ihrem alten "Ideal"-Hit besungen - "Mal sehen, was im Dschungel läuft".

Doch dann ging noch einmal ein Stern über dem "Dschungel" auf: der publikumsscheue Harvey Keitel stapfte abgeschirmt von Bodyguards zur Tür herein. Auch wenn der US-Schauspieler nichts anderes machte, als auf der oberen Etage an einem Tisch zu sitzen, die Clubvideos von 1980 bis 1990 zu betrachten und dabei einen gelegentlichen Blick auf die Tanzfläche zu werfen - seine bloße Anwesenheit richtete den Szenestatus des "Dschungels" für diese eine Nacht wieder auf. Plötzlich begriff man, warum die "New York Times" den Club in seinen Hochzeiten mit dem "Studio 54" verglichen hatte.

Es wurde die Nacht der Sentimentals: Beim "Dschungel"-Klassentreffen landeten Schlager und Discohits aus der alten Vinylsammlung wieder auf dem Plattenteller. Überall perlten Schweißtropfen, der kleine Club heizte sich tropisch auf und machte seinem Namen noch einmal alle Ehre.

Aus nach der Wiedervereinigung

Heute ist die "Dschungel"-Mitgliedsmarke, die in den achtziger Jahren den Eintritt in die Welt der mehr oder weniger Schönen und Reichen garantierte, nur noch etwas für Nostalgiker. Der Club hatte, als er vor sieben Jahren schließen musste, längst ausgedient: wegen wiedervereinigungsbedingtem Desinteresse. Die neue Partygeneration entdeckte den Techno und Ost-Berlin.

In der Nürnberger Straße ist es dagegen still geworden. In die Nummer 53 sind nach dem Ende des "Dschungels" andere Kneipen eingezogen. Heute erinnert nur noch die Stahltreppe, die sich quer über die Tanzfläche hinauf in das obere Stockwerk schwingt, ein wenig an den legendären "Dschungel". Demnächst wird das Lokal abgerissen - es muss einem Nobel-Hotel weichen.



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