Berühmte Tänzerin und Choreographin Pina Bausch ist tot

Sie zählte zu den ganz Großen in der internationalen Tanzszene und galt als herausragende Avantgardistin. Jetzt ist die Tänzerin und Choreographin Pina Bausch im Alter von 68 Jahren gestorben. Bundespräsident Köhler würdigte sie als "wundervolle Künstlerin".


Von einer Kneipe in Solingen auf die größten Bühnen dieser Welt - kein sonderlich gewöhnlicher Weg. Pina Bausch ging ihn. Am 27. Juli 1940 als Tochter eines Gastwirts geboren, galt die Tänzerin und Choreographin zuletzt als herausragende Figur des modernen Tanztheaters, wurde weltweit als Erneuerin der Tanzkunst gefeiert und mit höchsten internationalen Preisen ausgezeichnet.

Jetzt ist Pina Bausch am Dienstagmorgen gestorben - nur fünf Tage, nachdem Krebs bei der 68-Jährigen diagnostiziert wurde, wie eine Sprecherin des Wuppertaler Tanztheaters mitteilte.

Noch am vorletzten Sonntag stand Bausch mit ihrer Company im Wuppertaler Opernhaus auf der Bühne. Die Stadt im Bergischen Land hat der großen Dame des Tanztheaters viel zu verdanken - ihretwegen sprachen Ballettbegeisterte in aller Welt den Namen Wuppertal voller Ehrfurcht und Respekt aus.

Die Stadt dankte es ihr, indem sie Bausch 2008 zur Ehrenbürgerin ernannte. Es war eine von unzähligen Auszeichnungen, die ihr für ihr Lebenswerk verliehen wurden; der Goethepreis der Stadt Frankfurt zählte dazu, ebenso der renommierte Kyoto-Preis in der Kategorie Kunst sowie, natürlich, das Bundesverdienstkreuz.

Entsprechend würdigte auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers die Choreographin als eine der größten Künstlerinnen Deutschlands. "Sie hat die Sicht auf das Tanztheater völlig neu erfunden", sagte er am Dienstag in Düsseldorf. "Wir sind dankbar für das, was sie für unser Land und die Kunst in aller Welt geleistet hat." Das Land werde seinen Beitrag dazu leisten, "dass dieses Werk nicht verweht".

Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete Bausch als eine "wundervolle Künstlerin". Mit ihr verliere Deutschland eine Tänzerin und Choreografin von Weltrang und nicht zuletzt eine herausragende Repräsentantin der Kulturnation, schrieb Köhler an Rolf Salomon, den Sohns Bauschs. "Die ungezählten Auszeichnungen, die ihr zuteil wurden, zeugen von ihrem großen Lebenswerk. Wir alle sind bestürzt über die Nachricht von ihrem frühen Tod."

Regisseur Wenders: "Ein großer Schock"

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) nannte Bausch die bedeutendste Choreographin der Gegenwart. "Sie war Vorbild und Ikone, grandiose Erfinderin und visionäre Erneuerin". Wie nur ganz wenigen anderen Künstlern sei es ihr gelungen, nicht nur ein eigenständiges Werk, sondern eine völlig neue Kunstform zu schaffen, so Neumann. "Wir sprechen heute ganz selbstverständlich vom Tanztheater. Dabei wird allzu leicht vergessen, welch umwälzende Neuerung die von Pina Bausch erreichte Verschmelzung tänzerischer und theatralischer Mittel vor gar nicht so vielen Jahren bedeutete."

Regisseur Wim Wenders zeigte sich erschüttert vom plötzlichen Tod der Choreographin: "Pinas plötzlicher Tod ist ein großer Schock - für ihre Familie, für ihre Tänzer und Mitarbeiter, für ihre Freunde und für alle Menschen, die von ihrem Tanztheater berührt und beseelt waren", sagte er nach Angaben der Agentur "Just Publicity". "Ihre Arbeit war und ist und bleibt einmalig. Ihre Kunst hat unsere Zeit bereichert und reflektiert wie kaum eine andere. Ich bin untröstlich, dass wir unseren so lange geplanten gemeinsamen Film zu spät angegangen sind." Wenders ("Buena Vista Social Club") hatte einen 3D-Film über Bausch geplant. Drehbeginn sollte im September sein.

Pina Bausch entdeckte bereits als Kind ihre Begeisterung für den Tanz. Mit 14 Jahren begann sie dann an der von Kurt Jooss, dem Neuerer im Ausdruckstanz, gegründeten Essener Folkwangschule ihre Ausbildung. Ein Stipendium ermöglichte ihr im Anschluss den Besuch der Juilliard School of Music in New York.

Daran schloss sich ein kurzes Engagement als Mitglied des New American Ballet an der Metropolitan Opera an, wo sie mit berühmten Choreographen in Kontakt kam.

Collageartige Arbeiten

Jooss holte sie nach Essen zurück. Als Mitglied des Folkwang Balletts schuf sie Ende der Sechziger auch erste eigene Choreographien. Wuppertals Schauspielintendant Arno Wüstenhöfer legte dann den Grundstein zu ihrer internationalen Karriere, indem er sie 1973 als Ballettdirektorin und Chefchoreographin an sein Theater holte und sie an die Spitze des neugegründeten Tanztheaters Wuppertal setzte.

Wüstenhöfer sollte für seine Entscheidung belohnt werden: Bausch sorgte dafür, dass das Haus weltberühmt wurde.

Bereits Mitte der Siebziger verabschiedete sich Bausch von den Konventionen der klassischen Tanzinszenierung und setzte vermehrt auf improvisiert wirkende, collageartige Arbeiten; so etwa mit einem Brecht-Weill-Abend 1976, der eher an szenisches Sprechtheater erinnerte.

Beim Wuppertaler Publikum stießen ihre gewagten Inszenierungen zunächst auf wenig Gegenliebe, zumal ihre Stücke zur Premiere oftmals nicht fertig waren, nicht einmal einen Titel trugen. Ihrem internationalen Erfolg tat das auf Dauer dennoch keinen Abbruch: Ende der Achtziger gastierte ihr Ensemble regelmäßig in Paris und New York, besuchte Israel, Japan und Italien, bis zuletzt waren ihre Aufführungen oft bereits Monate im voraus ausverkauft.

In ihren weit mehr als 40 Stücken verschmelzen Schauspiel, Modern Dance, Pantomime und Musical zu einem neuen Stil. "Körper und Bewegung sind die beste Möglichkeit, um auszudrücken, was mich und uns alle bewegt", sagte die medienscheue Bausch einmal.

"Es ist keine Kunst und kein Können, sondern Leben."

can/tdo/ddp/dpa



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