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Beschneidungsschau in Berlin: Kleine Männer, was nun?

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Lauter nackte Männer zeigt das Jüdische Museum in Berlin: In der neuen Sonderausstellung "Haut ab!" sind nicht Porno-Hengste oder Aktmodels die Hauptdarsteller, sondern Beschnittene.

Die Typen stehen nackt da, und die meisten von ihnen sogar noch etwas nackter, weil sie beschnitten sind. Ihnen fehlt halt die Vorhaut, und so liegt die Eichel frei.

Gewöhnlich guckt das Museumspublikum ja eher verstohlen auf die Darstellung von Geschlechtsteilen. Bei der aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin aber sind gleich zu Beginn sechs Skulpturen nackter Männer so präsentiert, dass man ihr Geschlecht direkt in Augenhöhe hat. Und das macht Sinn: "Haut ab!" heißt die Schau und ihr Thema sind die rituellen Beschneidungen der Vorhaut.

Das Skulpturen-Intro illustriert die Beschneidung in den unterschiedlichsten Kulturen: Bei den australischen Aborigines und in Westafrika etwa ist sie Teil eines Initiationsrituals, während die Vorhautentfernung in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts aus medizinischen Gründen weit verbreitet ist.

Die beschnittene Banane

Im Fokus hat die Schau aber die Haltungen zur Beschneidung in den drei monotheistischen Religionen: Judentum, Islam und Christentum. Ihr flapsiger Titel verweist auf die praktische Seite der Zirkumzision und lässt zugleich anklingen, dass sich während der Beschneidungsdebatte 2012 Muslime und Juden mit ihren Gepflogenheiten und Riten in Deutschland nicht mehr zu Hause fühlten. Damals hatte das Kölner Landgericht im Mai Beschneidung als "einfache Körperverletzung" bewertet und erst eine Bundestagsentscheidung im Dezember hat sie zu einer gesetzlich verankerten Option gemacht.

Und auch das Plakat spitzt frech zu und setzt auf einen poppig-appetitlichen Penisersatz: auf eine Banane, der mit chirurgischem Präzisionsschnitt das obere Viertel der Schale gekappt wurde. Nach der Nackertenformation gibt sich die Ausstellung in ihrem Hauptteil jedoch zugeknöpft: In drei Räumen, jeweils einer pro Religion, werden kulturhistorische Objekte und künstlerische Darstellungen brav aufgereiht.

Von einem in Israel handelsüblichen Beschneidungsset mit Schere und Vorhautklemme und -behältnis über ein besticktes tunesisches Beschneidungskostüm bis zu einer "Beschneidung Christi" von Peter Paul Rubens - die Ausstellung versammelt ihre Exponate um und auf einem Tisch, der sich durch drei Räume zieht. Er deutet an, dass sich alle drei Religionen auf den Stammvater Abraham beziehen, durch den Gott gemäß dem 1. Buch Mose das Beschneidungsgebot unter die Menschen brachte.

Schnippelei am Leib Christi

Die Symbolik des zentralen Displays führt allerdings ein bisschen in die Irre. Die Begründungen und Traditionen des Judentums nämlich nehmen den halben Tisch ein, für Islam und Christentum bleibt jeweils ein Viertel. Der Anteil der Muslime unter der Beschnittenen weltweit aber beträgt nahezu 70 Prozent, die Juden bringen es nur auf 0,8 Prozent und die Christen haben ja bekanntlich, bis auf Christus selbst, mit der Beschneidung religiös gar nichts am Hut. Dieser war schließlich als Jude zur Welt gekommen und als solcher am achten Tag beschnitten worden. Für Christen wurde die Zirkumzision im ersten Jahrhundert obsolet. Und gerade deshalb wird es hier besonders spannend.

Um die Schnippelei am Leib Christi durch eine konkurrierende Religion zu begründen, wurde sie als Teil der Passions- und Heilsgeschichte verstanden und fast obsessiv umkreist. Das Fest der Beschneidung Christi wurde eingeführt und das angebliche Vorhäutchen Jesu galt lange als Reliquie, die im Papstpalast in Rom aufbewahrt und kultisch verehrt wurde.

Immer wieder suchte die christliche Kunst das schwer zu begreifende Ereignis zu fassen. Mitunter, so zeigt die Ausstellung auf spannende Weise, schlichen sich antijüdische Affekte ein: Ein Gemälde eines Nürnberger Meisters etwa deutet um 1450 die jüdischen Beschneider als düstere Gelehrte, die das Schrifttum allzu buchstäblich auslegen und sich mit einem übergroßen Messer an der vollkommenen Natürlichkeit des Leibes Jesu zu schaffen machen; Dämonisierungen, von denen noch die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten zehrte.

Darüber hinaus grenzt die Schau Strittiges eher aus. Vermutlich weil das Jüdische Museum das empfindliche Thema anschneiden, die Debatte um den irreversiblen Schnitt aber nicht neu anheizen wollte, berücksichtigt sie weder anthropologische Überlegungen zu pragmatischen Gründen für das Beschneidungsgebot, noch distanzierte religionsphilosophische Deutungen. Und Gegenargumente - etwa die der jungen jüdischen Familien, die heute das blutige Kappen der Vorhaut für ihre Söhne ablehnen - sind in die Medienlounge verbannt.

Hier laufen neben Dokumentationen zum Hickhack um die Beschneidung in gemischtreligiösen Familien auch Filme vor allem aus den USA, die das einschneidende Ereignis voller Humor und Selbstironie aufs Korn nehmen - bis hin zu dem Clip "Mohels (The Bris Anthem)", in dem die jüdische A-capella-Gruppe Kol Ish einen Beschneider das Ethos seines Handelns auf der Folie von Lordes Song "Royals" besingen lässt. Fehlt nur noch die heimliche Hymne aller Beschnittenen: "The First Cut Is the Deepest".


Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung. Bis zum 1. März 2015 im Jüdischen Museum, Berlin. www.jmberlin.de/hautab. Katalog im Wallstein Verlag: 24 €.

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