Beschwerdestelle Angelika Taschen hat genug von der It-Bag


An meine erste Handtasche erinnere ich mich wie an meinen ersten Kuss. Bis zu meiner Promotion trug ich meine Utensilien erst in einem gewebten Beutel aus Tibet (bei Oxfam in London gekauft) und später in einem alten, gebrauchten Armeetornister mit mir herum. Bis ich mir, noch in Zeiten mit Mini-Budget, eine Tasche von Prada in den Kopf setzte. Zu einem Preis, von dem ich normalerweise eineinhalb Monate mit meiner Tochter lebte. Inklusive Miete. (Wir sind dann aber doch nicht verhungert.)

Sie war anthrazitgrau, aus abgesteppter Fallschirmseide, mit längeren goldenen Ketten als Trägern. Diese Tasche war leicht, sehr leicht. Es passten A4-große Blätter hinein, und sie war nicht kaputtzubekommen. Über sehr viele Jahre war sie meine tägliche Begleiterin, mehrmals ist sie mit mir rund um die Welt gereist, von San Francisco bis Delhi, sie war im MoMA in New York, in der Anthony d'Offay Gallery in London, in der Paris Bar in Berlin, im La Coupole in Paris (sie war auch in Stripper-Clubs), und sie hat irre viele Menschen gesehen.

Nie wieder habe ich eine andere Tasche derart lange im Gebrauch gehabt. Die wunderbare Tasche mit den goldenen Ketten hat meine damals (bis heute) eher langweilige Kleidung, Jeans und schwarzer Pullover, eine Klasse nach oben gehoben. Ich fühlte mich mit ihr an meiner Schulter jedenfalls immer schick und konnte alle möglichen Termine mit ihr souverän(er) wahrnehmen.

Das alles war aber viele Jahre vor der Erfindung der It-Bag, die wohl mit der Baguette-Tasche bei Fendi erstmals in Erscheinung trat (höchstwahrscheinlich hat sie sogar Fendi vor dem Untergang gerettet), und bis heute gibt Fendi jede Saison neue Versionen heraus, zurzeit werden bunte Hippiemuster auf sie appliziert. Ihr riesiger kommerzieller Erfolg brachte andere Modehäuser auf die Idee, selbst die Handtasche der Saison zu erfinden und so das Geld zu verdienen, das Kleider nicht mehr einbringen.

Viele It-Bags später landete Marc Jacobs den nächsten Coup in der Modegeschichte, er brachte eine bunte Louis-Vuitton-Tasche in Zusammenarbeit mit dem Künstler Takashi Murakami auf den Markt, die alle HipHopper-Herzen und die reicher Scheidungs-Ex-Gattinnen in Beverly Hills zugleich eroberte. Seitdem gibt es kein Halten mehr, vor allem nicht im Design.

Die Taschenindustrie schlägt Kapriolen, man spricht vom Bag-Boom (und fürchtet sich schon vor seinem Ende), und inzwischen tragen häufig die Taschen ihren Besitzer, übergroß und überlaut sind die Designs geworden, mit Schnallen und zahllosen Außenfächern, mit Fransen aus Perlen oder massigen Verschlüssen, die an bronzene Türklopfer erinnern, nach dem Motto: Mehr ist teuer, und das investierte Monatsgehalt soll man auch bitte sehen.

Ich hatte damals das Glück, dass sich die Investition über Jahre amortisiert hat und die Tasche so klassisch war, dass ich im nächsten Jahr keine neue brauchte. Deshalb sollte man vielleicht darauf achten, nicht jeden Modegag gleich mitzumachen.

Mich selbst ödet dieses "wer hat die hippere, schickere, lautere, teurere Tasche" zurzeit so an, dass ich nur noch ein unscheinbares kleines Täschchen aus braunem Naturleder für 120 Euro mit mir herumschleppe. Der Übergang dazu war fließend, zunächst kaufte ich mir eine geflochtene Bottega Veneta, die im Gegensatz zu den Guccis, YSLs, Chanels, Louis Vuittons ohne Logo und etwas bescheidener daherkam, aber dann sah man auf den Kunstmessen an jeder dritten Schulter genau diese Tasche, so wanderte auch sie in die dunklen Tiefen meines Kleiderschranks.

Dazu kommt, dass man in die großdimensionierten Schulter-, aber auch Henkeltaschen immer viel zu viel schweres Zeug packt und ich nach einer Zeit Nackenschmerzen davon bekomme. Wenn es in der Psychologie heißt, die Trägerinnen von kleinen Taschen seien eher zugeknöpft und die von großen aufgeschlossen, leuchtet mir das zwar bildlich äußerst gut ein, aber mit einem steifen Nacken bin ich auch verkrampft.

Doch trotz meiner Handtaschenkrise schaue ich wieder nach der idealen Clutch für den Abend (gerade hochaktuell). Ist die Jil-Sander-Clutch mit ihren eleganten Proportionen besser als die etwas schräge von Lara Bohinc? Einmal süchtig, immer süchtig, und genau darauf setzt die Modebranche und findet weltweit massenweise Opfer.

Angelika Taschen verlegt Bücher, Taschen, Schlüssel und Brillen und arbeitet an zahlreichen Büchern zum Thema Lifestyle.



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