Bestechungsskandal: Britische Polizei nimmt fünf "Sun"-Journalisten fest

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Die britische Boulevard-Zeitung "Sun" ist wegen ruppiger Recherchemethoden berüchtigt. Jetzt nahmen Ermittler fünf Journalisten des Blattes fest. Sie sollen Polizisten und Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums bestochen haben. Auch dort klickten Handschellen.

"The Sun" unter Feuer: Redakteure sollen Beamte bestochen haben Zur Großansicht
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"The Sun" unter Feuer: Redakteure sollen Beamte bestochen haben

London/Hamburg - Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen hat die britische Polizei am frühen Samstagmorgen fünf Journalisten der Boulevardzeitung "The Sun" festgenommen. Im Rahmen der seit mehreren Monaten laufenden Operation "Elveden" wurden sowohl Büros als auch die Privatwohnungen der Journalisten durchsucht.

Die Sondereinheit "Elveden" ermittelt wegen Bestechungsvorwürfen. Die Journalisten in Diensten von Rupert Murdochs Mediengruppe News International sollen Polizisten, Ministeriumsmitarbeiter und Armeeangehörige bestochen haben, um Informationen zu erlangen. Verhaftet wurden am Samstag auch ein Polizist, ein Armeeangehöriger und ein Angestellter des Verteidigungsministeriums.

Bereits am 28. Januar hatten "Elveden"-Ermittler vier "Sun"-Journalisten festgenommen, die inzwischen gegen Kaution wieder auf freiem Fuß sind. Die Gesamtzahl der Verhaftungen in der fortlaufenden Bestechungs-Ermittlung, mit der mittlerweile 61 Beamte beschäftigt sein sollen, liegt damit bei 19 Personen, zehn davon Journalisten, von denen mindestens sieben in gehobenen Positionen arbeiteten.

"Elveden" mausert sich so von einem Nebenschauplatz des "News of the World"-Skandals zu einer immensen Belastung des übermächtigen Murdoch-Medienimperiums in Großbritannien, das die Methoden der Blätter immer fragwürdiger erscheinen lässt. Auch bei der renommierten "Times" wird inzwischen mit dem Verdacht ermittelt, Journalisten der Zeitung könnten an illegalen Abhöraktionen beteiligt gewesen sein.

Illegal? Völlig normal!

Begonnen hatte Großbritanniens bisher größter Medienskandal mit einer schmierigen Abhöraffäre: Über Jahre hatten Journalisten des so populären wie traditionsreichen Revolverblatts "News of the World" angeblich bis zu 4000 Politiker, Prominente und zeitweilige Personen des Zeitgeschehens - beispielsweise Opfer von Verbrechen - abgehört und ausgeforscht. Die so offenkundig kriminellen Arbeitsmethoden führten zu einem Aufschrei öffentlicher Empörung, zu parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, strafrechtlichen Ermittlungen und - am 10. Juli 2011 - zur Einstellung des seit 1843 veröffentlichten Blattes durch seinen Besitzer Rupert Murdoch.

Der australisch-amerikanische Medienzar mag geglaubt haben, mit diesem Opfer die Kritik verstummen zu lassen, die Ermittlungen eindämmen zu können. Wenn dem so war, war diese Hoffnung vergeblich. News International steht mit dem Rücken zur Wand, unterstützt die Ermittlungen mittlerweile. So sollen sowohl die Verhaftungen vom 28. Januar, als auch die vom 11. Februar auf Hinweise zurückgehen, die das interne Untersuchungsgremium des Medienkonzerns der Polizei übergeben hatte.

Am Samstag bekräftigte dieses "Management Standards Committee", das angetreten ist, den Konzern und seine Arbeitsweisen intern zu säubern, noch einmal, man werde auch weiterhin eng mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten. Zugleich sei man bemüht, alle legitimen journalistischen Privilegien zu schützen und auch den Informantenschutz zu gewährleisten.

Die ungeklärte Frage: Wussten die Murdochs von den illegalen Praktiken?

Ermittlungen wegen illegalen Abhörens gegen Journalisten von Murdoch-Zeitungen hatte es bereits ab 2005 gegeben. Schon 2007 wurden ein Redakteur und ein von ihm beauftragter Privatdetektiv zu jeweils mehrmonatigen Haftstrafen wegen des illegalen Abhörens von Mitgliedern der königlichen Familie verurteilt. Dass solche Praktiken aber nicht etwa die Ausnahme, sondern ein häufig angewandtes Mittel der Murdoch-Journalisten waren, blieb noch lange ein unbewiesenes Gerücht.

Und zudem ein mäßig interessantes: Dass gerade die Journalisten britischer Boulevard-Blätter oft alles andere als seriös arbeiteten, galt in Großbritannien lange als Binsenweisheit, über die sich kaum jemand erregen konnte. Dass, wie sich schnell abzeichnete, etwa Politiker und Prominente Opfer von illegalen Abhöraktionen geworden waren, war zwar strafrechtlich relevant, regte die britische Öffentlichkeit aber kaum weiter auf.

Das änderte sich abrupt, als im Sommer 2011 klar wurde, dass Murdochs Boulevard-Schnüffler gezielt auch Verbrechensopfer und die Hinterbliebenen gefallener Soldaten ausgeforscht hatten. Seitdem gelten die Murdochs in Großbritannien als weitgehend diskreditiert. Wenig hilfreich waren dabei auch die Aussagen, die Rupert und James Murdoch Ende 2011 vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Affäre leisteten. Mitte Dezember wurden Indizien bekannt, die darauf hindeuteten, dass James Murdoch in seinen Aussagen zum Abhörskandal nicht die Wahrheit gesagt haben könnte. Sollte sich das bestätigen, könnten die Affären auch für Mitglieder der Konzern-Gründerfamilie noch juristische Konsequenzen haben.

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1.
Pupsie 11.02.2012
Zitat von sysopDPADie britische Boulevard-Zeitung "Sun" ist wegen ruppiger Recherchemethoden berüchtigt. Jetzt nahm die britische Polizei fünf Journalisten des Blattes fest. Sie sollen Polizisten und Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums bestochen haben. Auch dort klickten Handschellen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814694,00.html
Dasselbe bitte hier auch in D beim Springer-Verlag. Danke!
2. Natürlich...
lefs 11.02.2012
Zitat von PupsieDasselbe bitte hier auch in D beim Springer-Verlag. Danke!
gibt es so etwas nicht in deutsche Land. Oder haben Sie hier schon einmal Handschellen klicken hören wegen so einer Bestechung? Also war da auch nichts... :-)
3.
nilmim 11.02.2012
Zitat von lefsgibt es so etwas nicht in deutsche Land. Oder haben Sie hier schon einmal Handschellen klicken hören wegen so einer Bestechung? Also war da auch nichts... :-)
Dasselbe haben die türkischen Behörden gemacht... Da schrieb alle ganz laut Pressefreiheit... Heuchler...
4. Murdoch
maybee 11.02.2012
Zitat von sysopDPADie britische Boulevard-Zeitung "Sun" ist wegen ruppiger Recherchemethoden berüchtigt. Jetzt nahm die britische Polizei fünf Journalisten des Blattes fest. Sie sollen Polizisten und Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums bestochen haben. Auch dort klickten Handschellen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,814694,00.html
Die sollten erst Murdoch festnehmen, danach sein Fußvolk.
5. Bestechung?
Ettina 11.02.2012
Wird das nicht investigativer Journalisumus genannt?
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