Möbel-Trends: Schick gestrickt von Oma

Von Ingeborg Wiensowski

In Mailand ist die wichtigste Möbelmesse zu Ende gegangen und übrig bleiben die Trends, die den Geschmack verändern werden. Besonders spannend in diesem Jahr: Sitzflächen mit sozialer Botschaft, Design-Neuheiten aus Beton und natürlich gewachsene Lampen-Skulpturen.

In Mailand kommt niemand am "Salone Internazionale del Mobile" vorbei, ob er will oder nicht. Das liegt zum einen daran, dass die Möbelmesse, die am vergangenen Sonntag zu Ende ging, immer noch die mit Abstand wichtigste der Welt ist - zum anderen aber daran, dass sie sich mittlerweile jenseits des offiziellen Messegeländes über die ganze Stadt ausgebreitet hat. Fast jedes Geschäft macht in irgendeiner Form mit: vom Kaufhaus mit wunderschönen Schaufensterdekorationen bis zu den Modeimperien von Armani bis Prada, die eigene Möbel zeigen oder Gastgeber für die Designer spielen.

Und es gibt ganze Viertel und Straßen, in denen kleine Manufakturen, junge Kreative und neuerdings auch große Firmen, die von der lockeren Stimmung profitieren wollen, Design ausstellen. So kann sich auch das Nicht-Fachpublikum eine Meinung zu den neuen Trends bilden, und das auch noch, ohne Eintritt zahlen zu müssen. Und diese Trends gab es in diesem Jahr vor allem in der "Zona Tortona" zu sehen, im vom Arbeiterviertel zum Kreativenzentrum gewordenen In-Stadtteil, der im Zuge der Möbelmesse die "Tortona Design Week" beherbergt, bei der junge Designer ihre Ideen präsentieren und auf ihre Entdeckung hoffen können.

Ökologisch und sozial

WA.DE.BE aus Paris zum Beispiel haben Holzstühle mit bunten, gestrickten Sitzflächen aus grobem, natürlichem oder elastischem Seil-Material vorgestellt. Granny-Stühle heißen die, und sie sehen vielleicht nicht besonders elegant, aber dafür umso sympathischer aus. Und sie haben ein soziales Gewissen: Ausgangspunkt des Entwurfs sei die Erkenntnis gewesen, dass viele alte Frauen in Paris nicht genug Geld zum Leben hätten, sagt Gerard Wantz, einer der drei Designer, denen die Firma gehört. Deshalb würden alle Sitzflächen von alten Damen gestrickt, die Spaß daran hätten und sich etwas dazuverdienen wollten. Simpel sei ihr Projekt, sagt Wantz, "die Grannys mögen es, sie können zu Hause arbeiten, und für einen Stuhl verstricken sie 300 Meter Seil in fünf Stunden und bekommen dafür 50 Euro". Und damit es nicht nur sozial, sondern auch ökologisch korrekt zugeht, werden die Holzgestelle ebenfalls in Handarbeit gefertigt - wenn auch nicht von den Großmüttern.

Gardinen und Grillstation aus Beton

Großer Beliebtheit erfreute sich auch eine halbhohe, lange "Buitenkeuken" des niederländischen Designers Piet-Jan van den Kommer - eine Art Beton-Grillstation zum Lagern von Holz, Einheizen, Grillen, Abwaschen und Vorbereiten. Das ist platzsparend und dabei auch noch schick und praktisch: ein langer Block aus vorgefertigten Betonteilen, die in beliebiger Länge zusammengebaut werden können. Man hörte eine Menge Besucher darüber fachsimpeln, wie man das Ding im eigenen Garten nachbauen könnte.

Überhaupt ist Beton das Material der Stunde. So auch bei Doreen Westphal, die einen speziell entwickelten, ultrahochfesten Beton der Kassler Firma G-tecz benutzt, der so dünn ist, dass sie daraus schon eine Beton-Spitzengardine entworfen und hergestellt hat. Neu vorgestellt hat sie eine leichte, gebogene schmale Betonplatte, an die sich ohne sichtbare Befestigung eine Lampe anlehnt, die man verstellen oder auch einfach abnehmen kann. Das Geheimnis sind unsichtbare Magneten, die in den Beton eingegossen sind und die Lampe halten. Im Labor der Firma hat Westphal außerdem gerade aus einem ausgewalzten Beton zwei dünnwandige Tische hergestellt, die aussehen, als hätten sie eine Stoffoberfläche. Die sichtbaren Abdrücke von Mustern und Falten, die man am liebsten glatt streichen möchte, sind von Westphal manipulierte Abdrücke der Folie, in der ihr Material erhärtet. Schneiderin habe sie mal gelernt, sagt Westphal, und der Beton komme ihr vor wie ein feiner Stoff, den man zuschneiden könne.

Slow Design

Marco Iannicelli, Aachener mit italienischen Wurzeln, arbeitet dagegen ganz ohne technisch raffiniertes Material. Er braucht für seine verstellbaren Stehlampen verschieden dicke Äste, zum Beispiel von Birken, Rubinien, Ahorn oder Kirsche, die er ein halbes Jahr lang lagert. Dann baut er daraus die Lampenarme, fügt sie mit zwei selbstgebauten Gelenken zusammen und versieht sie mit einer Traktorenleuchte. Ein Jahr hat er sein Werk getestet, ehe er sich sicher war, dass das Holz nicht mehr arbeitet. Eine Galerie in Los Angeles konnte er schon überzeugen, die Lampen-Skulpturen auszustellen, in Europa wartet Iannicelli noch auf Interessenten. Fünfzig limitierte Lampen will er herstellen, und alle werden sich in der Form und Proportion unterscheiden. Denn sein Material lässt er so, wie es gewachsen ist, und er macht alles mit der Hand, ganz langsam und ohne große technische Hilfen. Und wenn schon Slow Food als Trend funktionierte, dann Slow Design doch erst recht.

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