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09. Mai 2012, 06:26 Uhr

Betreuungsgeld

Madame oder Mütterchen?

Ein Debattenbeitrag von Cécile Calla

Ein Unsinn wie das Betreuungsgeld fiele in Frankreich niemandem ein. Hier gehen Mütter bald nach der Geburt wieder zur Arbeit und nehmen am Leben teil - ohne dass dies den Kindern schadet. Blöde Sprüche müssen sich nur Frauen anhören, die sich Vollzeit um ihre Kleinen kümmern.

Eine Prämie? Hätte ich auch gern. Ich arbeite. Und ich erziehe meine Kinder. Beides mit Leidenschaft. Aber eine Prämie, das Betreuungsgeld, ist nur für diejenigen Frauen geplant, die sich ausschließlich um ihre Kinder kümmern.

Die Debatte darüber wird mit Argumenten geführt, von denen ich geglaubt hatte, dass sie längst ausgestorben sind: Kita-Besuche bedeuteten für Kinder angeblich dauerhaften Stress, führten zu Verhaltensauffälligkeiten, zu Tabak- und Alkoholkonsum, zu Rauschgiftmissbrauch und Vandalismus. Die Befürworter des Betreuungsgeldes erklären uns, dass es um Wahlfreiheit ginge, dass der Staat nicht nur eine Lebensweise - die der berufstätigen Mütter - fördern dürfe. Was für ein absurder Vergleich! Als ob Arbeit ein Hobby wäre, irgendeine hübsche Lifestyle-Option.

Weil wir uns alle einig sind, dass Frauen und Männer dieselben Rechte haben sollten (steht übrigens in der Verfassung), ist es selbstverständlich, dass der Staat die Voraussetzungen schafft, damit Frauen die Möglichkeit haben, zurück in den Beruf zu gehen. Viele haben das Geld bitter nötig. Schön für die, die es sich leisten können, zu Hause zu bleiben. Aber eine Anerkennungsgeste (ein Gehaltsersatz sind 150 Euro noch lange nicht) des Staates hierfür ist nicht nur ungerecht, sondern auch ein falsches Signal in einem Land, in dem man sich noch schwer tut mit der Vereinbarkeit von Familie und Arbeit.

"Du willst schon wieder in den Beruf?"

Die CSU unterscheidet zwischen Kita-Erziehung und Erziehung in der Familie. Soll das bedeuten, dass berufstätige Eltern, die ihre Kinder in die Kita schicken, diese nicht erziehen? Es ist doch nicht die Quantität der Zeit, die die Qualität einer Beziehung bestimmt. Wer glaubt eigentlich, dass das Betreuungsgeld auch nur eine einzige Frau dazu bringt, Kinder zu bekommen?

In diesem Land macht man den Müttern gern ein schlechtes Gewissen. Zwar ist es in Berlin, wo ich wohne, völlig normal, dass Eltern ihr Kind nach einem Jahr in einer Kita betreuen lassen. Trotzdem habe ich immer wieder moralisierende Bemerkungen gehört: "Ach, du siehst also deine Tochter nur morgens und abends?", "Mit einem Jahr kann man sein Kind nicht den ganzen Tag in der Krippe lassen", oder "Du willst schon nach sechs Monaten wieder in den Beruf? Das ist aber früh." Jedesmal komme ich mir wieder vor wie eine Mutter, die ihrem Kind zu viel zumutet, weil ich fast Vollzeit arbeite.

Wenn ich zu Hause in Frankreich bin, ist das ganz anders. Da gelte ich als extrem umsichtige Mutter, weil ich mit sechs Monaten eine so lange Elternzeit genommen habe. In meinem Land ist es gang und gäbe, dass Frauen nach etwa vier Monaten in den Beruf zurückkehren.

"Was machst du den ganzen Tag zu Hause?"

Der französische Staat sorgt dafür, dass man entweder einen Kita-Platz zur Verfügung hat oder eine Tagesmutter, deren Kosten man von der Steuer absetzen kann. Kinder sollen eben keine finanzielle Belastung bedeuten.

Das ehemals für den Adel gültige Ideal der Frau, die trotz Familie ihre gesellschaftlichen Pflichten erfüllen soll, hat sich in Frankreich in allen Schichten durchgesetzt. Es wird von jeder Mutter erwartet, dass sie schnell wieder ihre Rolle als Frau spielt, und es empfiehlt sich daher, schnell wieder auf allen Gebieten die Unabhängigkeit zurückzuerlangen.

Es ist üblich, Kinder so bald wie möglich in einem eigenen Zimmer schlafen zu lassen, am besten sofort nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus. Ebenso üblich ist es, sich von Anfang an Zeit für sich selbst zu gönnen, indem man Babysitter engagiert. Wie es den Kindern dabei geht, fragt sich keiner. Trotzdem werden aus diesen Kinder nicht alle Verbrecher, und glücklich sind die meisten auch.

Eine Frau, die ein ganzes Jahr zu Hause bleibt, ist hier die große Ausnahme. Ich kenne nur eine in meinem französischen Freundeskreis, und sie wird ständig mit ironischen Fragen konfrontiert: "Was machst du eigentlich den ganzen Tag?"

Liebe Frau Merkel, befreien Sie uns von dem aberwitzigen Projekt des Betreuungsgeldes! Es ist schwer vorstellbar, dass im Jahr 2012, wo wir eine sehr pragmatische Bundeskanzlerin und eine Familienministerin haben, die letztes Jahr Mutter wurde, eine solche Maßnahme zustande kommt.

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