Bettina Wulff im Soundcheck Mit dünnem Stimmchen

Bettina Wulff wendet sich im Hörbuch "Jenseits des Protokolls" persönlich an das Volk. Ihr Vortrag ist amateurhaft, ihre Stimme unsicher, die Frau wirkt hilflos und sehr verletzlich. Und genau das Unperfekte könnte Absicht sein: Die ehemalige First Lady plant ihr Comeback - als Königin der Herzen.

Ex-First-Lady Bettina Wulff: "The King's Speech", Teil zwei, Großburgwedel
dapd

Ex-First-Lady Bettina Wulff: "The King's Speech", Teil zwei, Großburgwedel

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Man muss den Film "The King's Speech" nicht gesehen haben, um zu ahnen: Das gesprochene Wort kann entscheidende Wirkung haben. Nun spricht auch Bettina Wulff. Im Vorwort des Hörbuchs zu "Jenseits des Protokolls" wendet sie sich persönlich an die Öffentlichkeit - in her own voice, wie man im Englischen sagt.

Für Bettina Wulff dürfte ihr Vortrag eine Bedeutung haben, die mindestens so grundlegend ist, wie es die Mission von Georg VI. war. Er, im vielfach Oscar-gekrönten Film dargestellt von Colin Firth, sprach, um das Empire auf den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg vorzubereiten. Bettina Wulff spricht in eigener Sache, mehr noch: Sie spricht, um ihre Ehre wiederherzustellen.

"'Mama, habt ihr gelogen'" fragt mich mein Sohn Leander verunsichert und schiebt gleich hinterher, 'das darf man doch nicht'" - so eröffnet die Frau des früheren Bundespräsidenten ihren Vortrag. Ein klares Signal: Hier spricht nicht die ehemalige First Lady. Hier spricht eine Mutter.

Bettina Wulffs Stimme ist dünn, flattert unvorteilhaft in den Höhen. Jeder Satz droht, aus der Zeile getragen zu werden, als handele es sich hier um die unsichere Fahrt eines Führerscheinneulings auf von nassem Herbstlaub bedeckten Asphalt. Unbeholfen scheint sich Wulff an die Wörter zu krampfen, immer auf der Suche nach Halt - schließlich der Gipfel des Vortrags: Als "eine oberflächliche, auf 'Klemmer' erpichte Frau" sei sie dargestellt worden, behauptet Wulff.

Nicht, dass sie mit "Klemmer" ihren Mann meinte. Sie benutzt jenes englische Wort, das es auch im Deutschen in den vergangenen Jahren zu inflationärer Verwendung gebracht hat: "Glamour". Ein Begriff für eine Leerstelle, die das Land beschäftigt - weil es kaum Glamour hat.

Maximale Hilflosigkeit

Sie, die Gattin des Bundespräsidenten, war es dann, die der Berliner Republik mit Auftritten im Chanel-Kostüm jenes ganz kleine bisschen Glamour brachte, nach dem sich die Medien zuerst gesehnt hatten - und das dann gegen sie verwendet wurde. Bis hin zur selbst in der "FAZ" zart angedeuteten Verleumdung, dass es da ja Gerüchte gebe... - es muss sich, das wird beim Hören von "Jenseits des Protokolls" klar, um eine andere Frau gehandelt haben. Die Bettina Wulff, die hier zu hören ist, hat keinerlei Glamour. Höchstens "Klemmer".

Es mag viele Buchautoren, ja, sogar Schriftsteller geben, die schlecht oder überhaupt nicht vorlesen können - man wird sie stets mit den Worten verteidigen, ihr Werk bestünde nicht aus dem, was sie vortragen, sondern aus dem, was sie schreiben. Für Hörbücher gibt es schließlich Profisprecher wie Christian Brückner, die aus ihrem Stimmsound längst ein Markenzeichen gemacht haben. Auch "Jenseits des Protokolls" wird zum Großteil von einer Profisprecherin gelesen. Gerade davon heben sich die Passagen ab, die die Amateurin Wulff selbst vorträgt. Und die Entscheidung, das Vorwort mit dünner Stimme selbst einzusprechen, verleiht dem Vortrag dann genau den Charakter einer in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Beichte. Wulff zeigt sich im Zustand maximaler Hilflosigkeit.

Bettina Wulff ist verlacht worden, weil sie ihr Buch "Jenseits des Protokolls", in dem es um die Skandale und Gerüchte im Umfeld des Rücktritts ihres Mannes vom Amt des Bundespräsidenten geht, nicht bei einem angesehenen Großverlag veröffentlicht hat, wie es die Elite des Staates sonst zu tun pflegt. Sondern bei dem aufs niedrige Segment spezialisierten Gemischtwarenladen Riva. Der hat sonst Castingshow-Promis wie Detlef D! Soost im Programm oder Bizarres wie "Die fabelhafte Welt der Leichen". Erst, wer Bettina Wulff auf dem zugehörigen Audiobuch gehört hat, wird die Strategie dahinter erkennen: Buch und Hörbuch zielen nicht auf das Establishment der Berliner Republik, wie es Gerhard Schröder oder Peer Steinbrück mit ihren Veröffentlichungen getan haben. Sie zielen aufs breite Volk. Sie zielen nicht auf den Verstand, sie zielen auf den Bauch. "Ich bin eine von euch!" - so der Unterton einer jeden holprig gelesenen Zeile aus Bettina Wulffs Hörbuch.

First Lady ist sie nicht mehr. Die Frau des gefallenen ersten Mannes im Staat, der die "Zeit" attestiert, sich mit "Jenseits des Protokolls" deutlich von ihrem Ehemann gelöst zu haben, kann für sich mit diesem Vortrag eigentlich nur eine Rolle im Sinn haben: als Königin der Herzen.

Sie hat eine prominente Vorgängerin: Schließlich hatte Diana, die Erste auf diesem von keiner europäischen Verfassung vorgesehenen Thron, ihre Rolle auch erst dann gefunden, als sie vom Establishment verstoßen wurde.

Der überraschende, zweite Teil von "The King's Speech" braucht deshalb ganz folgerichtig eine weibliche Hauptrolle. Und darf nicht im Buckingham Palace spielen. Sondern in Großburgwedel.

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HerStephness 13.09.2012
1. Also bitte ...
... lieber Spiegel, nun hoert doch endlich mit dieser Berichterstattung ueber diese unsaegliche Bettina auf. jeden tag zwei bis drei neue Artikel. und immer nur so larifari. haut doch einmal richtig drauf und dann ist gut. muesst Ihr denn unbedingt soviel PR der peinlichsten First Lady aller Zeiten entgegenbringen? Bitte aufhoeren. Heute noch. Danke!
Tom Joad 13.09.2012
2. "Im Namen des Volkes"
Plagt uns nicht länger mit diesem peinlichen Pärchen! Jeden Tag Artikel, Bilder, Kommentare, Kolumnen ... Die Wulffs haben nun wirklich genug Aufmerksamkeit (und Geld!) bekommen.
Theodorant 13.09.2012
3. Zuviel der Ehre...
Nun ist's ja gut. Nachdem ja der Trend zum Zweitbuch in deutschen Stuben besteht, soll es sich kaufen, wer will. Schön, dass es auch als Hörbuch erscheint: dann wird auch die Zielgruppe der Analphabeten abgedeckt. Noch geheim: RTL strahlt demnächst auch eine Doku-Soap zum Thema aus - psssst !
Chamar 13.09.2012
4. nein, bitte nicht aufhören
Zitat von HerStephness... lieber Spiegel, nun hoert doch endlich mit dieser Berichterstattung ueber diese unsaegliche Bettina auf. jeden tag zwei bis drei neue Artikel. und immer nur so larifari. haut doch einmal richtig drauf und dann ist gut. muesst Ihr denn unbedingt soviel PR der peinlichsten First Lady aller Zeiten entgegenbringen? Bitte aufhoeren. Heute noch. Danke!
Ich habe mich so an diesen Schwachsinn unserer Medien gewöhnt (wer verdient eigentlich alle an dem Buch?)..... Ein Tag ohne B.W. ist ein verlorener Tag. Mensch ist das alles lustig.
idrst 13.09.2012
5. meinen sie
wirklich, die frau ist derart durchtrieben? ich kann auch manchmal zynisch sein, aber das geht mir zu weit. pr-mäßig hat die frau sicher was drauf, aber vielleicht nutzt sie das buch tatsächlich nur zur therapie. naiv? vielleicht. aber etwas anderes zu denken, fällt mir gerade sehr schwer und ich will es mir durch die macht der presse schon gar nicht einreden lassen. schießlich ist alles spekulation und bettina wulff vielleicht tatsächlich ein mensch, der was klarstellen will.
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