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Designausstellung: Der Kolibri im Prachtbau

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In einem heruntergekommenen Haus auf der Berliner Fischerinsel zeigt "Between Time" altes und modernes Design, große und kleine Kunst. Eine exklusive Schau - und eine letzte Chance zur Besichtigung eines eindrucksvollen Gebäudes, bevor ein Investor zuschlägt.

Ausstellungen mit Design, Kunst und wertvollem Kunstgewerbe gab es schon viele, auch solche, die an schönen Orten mit besonderer Architektur stattfanden. Aber diese Ausstellung in der Berliner Wallstraße 85 ist etwas ganz Besonderes. "Between Time" heißt sie, und kuratiert wurde sie von dem Berliner Innenarchitekten Gisbert Pöppler und dem Wiesbadener Möbelrestaurator und Vintage-Möbel-Händler Erik Hofstetter.

Ihren Charme und ihre Einmaligkeit verdankt sie vor allem dem Ort, an dem die beiden ihre Schau zeigen, nämlich in einem der ältesten noch erhaltenen (und ziemlich heruntergekommenen) Gebäude mitten in der Mitte Berlins auf der Fischerinsel, nahe der alten Stadtmauer und genau am Spreekanal. Und die Schau findet wirklich zwischen den Zeiten statt - zwischen der Vergangenheit des Hauses mit zunehmendem Verfall und seiner Zukunft als exklusives Eigentumswohnungsobjekt, in das es umgebaut werden soll.

Trotz Denkmalschutz scheint es ein vergessenes Haus zu sein mit einem ruinösen, hohen Saal, in den man direkt von der Straße aus eintritt und der die ganze Tiefe des Gebäudes bis direkt ans Wasser einnimmt. Von alter, aber irgendwie bescheidener Pracht zeugen große Fenster vom Boden bis zur Decke, ein balkonähnlicher Umgang hoch oben im vorderen Teil des großen Raumes, zu dem die Stufen einer unten abgebrochenen eisernen Wendeltreppe nicht mehr führen. Alte Stuckrosetten gibt es, müde abblätternde Farben an den Wänden, das graue abgetretene Parkett zeigt die Wege früherer Bewohner. Regalrudimente, scheinbar aus Holz, entpuppen sich bei genauem Hinsehen als Eisenkonstruktionen, und auch die schlanken tragenden Säulen mitten im Raum sind aus Gusseisen. Wer genau hinsieht, findet darauf eingeprägte Jahreszahlen: 1871 und 1874.

Das Ensemble überstand trotz der Abrisspläne zu DDR-Zeiten

Damals wurde das Haus von der Familie Lademann gebaut, die ihre Eisenwarenhandlung im Erdgeschoss von Nr. 85 einrichtete und bis 1930 führte - daher die vielen gusseisernen Elemente im ehemaligen Ladensaal und an sämtlichen Geländern des Hauses. Auch das vierstöckige Wohnhaus nebenan wurde von den Lademanns fast gleichzeitig gebaut, beide Häuser sind miteinander verbunden, was aber wegen der unterschiedlichen Fassadengestaltung nur von der Wasserfront aus sichtbar ist.

Das Ensemble überstand den Krieg ohne Schäden, auch den Leerstand und die Abrisspläne in den sechziger Jahren in der ehemaligen DDR, sogar ohne die dringend notwendigen Sicherungen. 1989 begann, noch im DDR-System, eine Sanierung der Fassade, die nach wenigen Monaten endete, als die Mauer fiel. Jahre später verkaufte die Stadt Berlin das Haus.

Zugänglich war das Ensemble nie, dann, 2010, mietete es die Galerie Neugerriemschneider und stellte dort die Porträtmalerei von Elizabeth Peyton aus. Damals, so hieß es, gehörte das Haus dem bekannten Fotografen Mario Testino. Aber weil der das Haus nicht in ein Luxushotel habe umwandeln dürfen, habe er es 2012 an die Berliner Immobilien-Unternehmensgruppe Christmann verkauft. Diese wird es jetzt in Eigentumswohnungen aufteilen.

Der Beruf des Glasbläsers wird bald aussterben

Noch ist die Vergangenheit zu sehen. Pöppler und Hofstetter haben es mit viel Fingerspitzengefühl und der feinen Zusammenstellung ihrer Exponate geschafft, dem Raum mit Respekt seine Geschichte und Vergangenheit zu lassen. Und sie geben mit vielen ihrer Exponate Anlass zu einigem Crossover-Denken. Denn die Zeit ändert sich nicht nur für dieses Gebäude, sondern auch für viele handwerkliche Künste. Die vier großen gläsernen Lüster über dem Tisch zum Beispiel erinnern an die große Zeit der Glasbläser in Venedig, denn sie sind von Venini, einer der wenigen noch existierenden Manufakturen Venedigs. Andere Hersteller wie Seguso in Murano, für die Giò Ponti die ausgestellte Wandlampe entwarf, haben längst geschlossen, und sicher wird das Wissen und der Beruf des Glasbläsers bald aussterben.

Auch die Teppiche, die wie Inseln im Raum liegen, sind alt, und wer weiß schon, dass diese asiatischen Art-déco-Stücke früher für den amerikanischen Markt geknüpft wurden. Und trotz ihrer knalligen Farben behaupten sich die von der italienischen Möbelmanufaktur Azucena entworfenen zweifarbigen Sitzmöbel ziemlich gut darauf.

Außerdem sind neben expressiver Keramik des Dänen Morten Løbner Espersen Holz- und Papiercollagen von Remo V. Lotano, große Metall-Reliefs von Blasius Spreng, Bilder von Enzo Mari und ein großes Gemälde von Christian Hoosen ausgestellt. Und wunderschön sind die zwei Fotos von Wolfgang Stahr, die einen Kolibri zeigen, der in der Luft zu stehen scheint und dafür Hunderte von Flügelschlägen braucht. Eine schöne Metapher über Stillstand und Veränderung.

Die Veränderung des Hauses wird wohl bald mit dem Umbau beginnen, der Rettung und Verlust bringt. Bis das Haus nach der Schau wieder geschlossen wird, sollte man sich ansehen, wie früher Eisenwarenhandlungen aussehen konnten. Ansonsten sei verraten, dass es sich bei dem Plattenladen, in dem Halle Berry in dem Kinofilm "Wolkenatlas" eine bestimmte Plattenaufnahme findet, um den Eisenwarenladen in der Berliner Wallstraße 95 handelt.


Between Time - a Curated Showcase of Fine Art Furnishings and Art. Bis 22.9. in der Wallstraße 85, Berlin.

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