"Beyond Price" Die leeren Akkus der Werte

Was sind die persönlichen Werte von Stella McCartney und Kate Moss - abseits vom Konsumrausch? In der Berliner Galerie ffwd präsentiert das Londoner "i-D-Magazin" Einblicke in die intimen Schätze einiger Popkultur-Größen.

Von Cristina Moles Kaupp


Star-Fotograf David LaChapelle schrieb unter sein Bild: "This is a picture of my boyfriend, who could not be bought"
BEYOND PRICE

Star-Fotograf David LaChapelle schrieb unter sein Bild: "This is a picture of my boyfriend, who could not be bought"

Eigentümlich: Da beschäftigt sich einer jahrelang mit Mode, Trends und Lifestyle. Präsentiert allmonatlich neue Objekte der Begierde auf glänzenden Magazinseiten, dreht eifrig mit an der Spirale der Dinge, die es zu besitzen lohnt, wohlwissend, dass er damit auch den Ausverkauf der letzten Werte forciert. Doch kurz vor dem neuen Jahrtausend besinnt sich Terry Jones, Jahrgang 1945, Verleger des einst führenden Londoner Zeitgeist-Magazins „i-D“: Einen kurzen Moment lang gedenkt er jener ganz persönlichen Dinge, die nicht für alles Geld der Welt zu haben sind. Schön wenn sich die Idee auch noch vermarkten lässt. „Beyond Price“ etwa spricht jeden an. Wie sehen sie aus, die ihrer schlichten Vermessenheit willen so ungeheuer kostbaren letzten Dinge? Gefragt wurden jedoch nicht die Habenichtse, sondern die Schönen, Satten und Kreativen - rund 250 Profis der Pop-Kultur - von Giorgio Armani über Kylie Minogue und Kate Moss bis Joy Yaffe. Ihre Antworten waren vorhersehbar: idealistisch, ästhetisch, poetisch, eitel - eben menschlich. In Bildern festgehalten nebst persönlichem Kommentar.

"True Love" schrieb Designerin Stella McCartney unter das Foto ihrer Mutter Linda, aufgenommen von Paul McCartney (linker Fuß)
BEYOND PRICE

"True Love" schrieb Designerin Stella McCartney unter das Foto ihrer Mutter Linda, aufgenommen von Paul McCartney (linker Fuß)

Beispiele: Die Privatsphäre zählt für Modeschöpfer Helmut Lang zum höchsten Gut. Symbolisiert durch ein weißes Bett, zerwühlt und leer - nichts verrät, wer dort mit wem gelegen hat. Persönliche Glücksbringer haben zwei Star-Designer gewählt, Issey Miyake einen Stein am Bindfaden, Jil Sander ein Herz aus Stoff und Pappe, geschenkt von Unbekannt. Andere setzen weniger auf Sentimentalität und Egomanie, konfrontieren mit essentielleren Sujets. Johnny Giunta zeigt ein Porträt seines Freundes Patrick, drei Tage nach seiner Kopfoperation: "Patrick versus Hirntumor. Patrick hat gewonnen", steht da und: "Life ist beyond price".

"Neben meinem Frühstücksgedeck" fand Jil Sander das kleine Herz aus Stoff und Pappe während eines Mittelmeer-Urlaubs
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"Neben meinem Frühstücksgedeck" fand Jil Sander das kleine Herz aus Stoff und Pappe während eines Mittelmeer-Urlaubs

Leben, die Liebe und Gesundheit führen nach wie vor die Werteskala an. Rührend naiv daher die einführenden Worte der Co-Initiatorin Tricia Jones, dass sie angesichts des allgegenwärtigen Konsumrausches und implodierender Werte plötzlich das Privileg und die Verpflichtung wiederentdeckt habe, nichtmaterielle Dingen in den Vordergrund zu stellen. Ästhetisch verpackt versteht sich. Fast wie für die Werbung, nur dass das Preisschild fehlt. Glatt mitunter wie die perfekten braungetönten Fotos des südafrikanischen Filmemachers Koto Bolofo: sein Blick aus dem Schlüsselloch von Nelson Mandelas Zelle auf Robben Island, auf die Schlüssel zu seinem Gefängnis, sein Besteck und die kratzigen Decken. Seine Arbeit präsentiert leider nur ein mit Terry Jones vereinbartes Minimum, das behelfsmäßig an Metallklammern oder in einfachen Glasrahmen hängt. Der 276-seitige Katalog (35 DM) - einem Goldbarren nicht unähnlich - vervollständigt die Sammlung. Doch gibt auch er keine Antwort darauf, ob für die letzten Dinge geworben oder vielmehr ihre Wiederbewertung vorangetrieben werden muss.

ID-Ausstellung "Beyond Price"
Bis 18.2.2000
Do - So 14 - 20 Uhr
ffwd, Ackerstraße 154, Berlin Mitte
Katalog: 35 Mark



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