Beziehungen "Kinder schulden ihren Eltern gar nichts"

Wie oft sollen erwachsene Kinder ihre Eltern anrufen? Müssen sie deren Altenpflege bezahlen? Philosophin Barbara Bleisch sagt, Kinder schulden ihren Eltern nichts - und erklärt, wie die Beziehung gelingen kann.

Philosophin Bleisch
Mirjam Kluka

Philosophin Bleisch

Ein Interview von


    Die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch promovierte zum Thema Weltarmut und individuelle Verantwortung, ist Dozentin am Ethik-Zentrum der Universität Zürich und arbeitete zu Familienbeziehungen an der Universität Bern. Sie ist Moderatorin der "Sternstunde Philosophie" beim Schweizer Fernsehen und Autorin und schreibt eine Kolumne für das "Philosophie Magazin".

SPIEGEL ONLINE: Ein Bekannter besuchte neulich zum 70. Geburtstag seine Mutter. Weil es ein Werktag war, kam er abends vorbei und hatte ihr einen Blumenstrauß mitgebracht. Sie sagte vor ihren Gästen, er sei ein schlechter Sohn.

Offenbar war sie der Meinung, ihr Sohn schulde ihr ein größeres Geschenk. Hat sie Recht?

Bleisch: Nur aufgrund der Tatsache, dass er ihr Sohn ist, schuldet er ihr nichts, nicht einmal Dankbarkeit. Aber es gibt Pflichten, die einer guten Beziehung erwachsen oder einem Versprechen - etwa, wenn der Sohn versprochen hatte, den Tag mit seiner Mutter zu verbringen.

SPIEGEL ONLINE: Moment mal - ein Sohn schuldet seiner Mutter keine Dankbarkeit?

Bleisch: Nicht per se. Das würde ja entweder bedeuten, dass Kinder für ihre Geburt dankbar sein müssten - darum haben sie aber nicht gebeten. Oder es hieße, dass Kinder sich für die Fürsorge erkenntlich zeigen müssten. Was wäre dann mit Kindern, die gequält oder misshandelt wurden? Müssten die auch dankbar sein? Das zu behaupten wäre grausam. Dankbare Kinder blicken glücklich auf ihre Kindheit zurück. Nicht alle haben dazu Grund.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber eine Vorstellung, die in der Gesellschaft weit verbreitet ist.

Bleisch: Ja, weil Kinder zu bekommen lange Zeit eine Art Sozialversicherung war, eine Altersvorsorge. Doch ich denke, wir sollten die Beziehung davon befreien.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest die Rechtsprechung sieht Kinder durchaus in der Pflicht: Im sogenannten Rabenvater-Urteil wurde vor vier Jahren ein Sohn zu Unterhaltszahlungen verpflichtet, obwohl der Vater mit dem 18. Geburtstag den Kontakt abgebrochen und den Sohn enterbt hatte.

Bleisch: Ein Staat muss überlegen, wie die Pflegekosten gedeckt werden können. Ein Generationenvertrag mag pragmatisch klug und effizient sein, die Frage ist nur: Ist er auch fair? Nicht immer orientiert sich die Rechtsprechung an Überlegungen der Fairness.

SPIEGEL ONLINE: Der Richter argumentierte in diesem Fall, es sei fair, dass der Sohn etwas zurückgebe - denn der Vater habe sich bis zum 18. Lebensjahr gekümmert.

Bleisch: Das Urteil finde ich moralisch falsch. Der Vater hat den Kontakt abgebrochen, der Sohn hat sich vergeblich um den Vater bemüht. Fürsorge ist die Pflicht von Eltern. Dafür die Kinder mit einer Erbschuld zu belasten, hält philosophischen Überlegungen nicht stand.

SPIEGEL ONLINE: Sind wir unseren Eltern gegenüber denn gar nichts schuldig?

Bleisch: Nicht, weil wir deren Kinder sind. Kinder haben sicher Grund, sich um die eigenen Eltern zu bemühen. Die Eltern-Kind-Beziehung ist mit keiner anderen Beziehung vergleichbar. Sie ist unersetzlich, niemand kann im Erwachsenenalter neue Eltern finden. Und sie ist unfreiwillig: wir wählen einander nicht und werden einander auch nicht wieder los. Das alles macht sie besonders wertvoll. Und natürlich schulden wir uns Respekt: Einander ausnützen, verletzen, demütigen dürfen wir nie.

SPIEGEL ONLINE: Ein in Armut lebendes Elternpaar mit vier Kindern hat allen Kindern Ausbildungen und große Hochzeiten finanziert, doch anschließend war keines der Kinder bereit, die Eltern finanziell zu unterstützen. Finden Sie das moralisch nicht verwerflich?

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Bleisch: Das klingt natürlich hart. Aber Eltern schulden es ihren Kindern zu überlegen, wie sie fürs Alter vorsorgen können. Aufwendige Geschenke machen und nachher Gegengeschenke fordern, ist falsch verstandene Großzügigkeit. Aber in guten Beziehungen rechnen wir nicht ständig, wer im Hintertreffen ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch in guten Beziehungen sind sich Menschen unsicher, ob sie jeden Sonntag anrufen sollten oder ihre Eltern kritisieren dürfen. Woraus entsteht diese Unsicherheit?

Bleisch: Wir fragen uns ähnliche Dinge auch in Freundschaften und in Ehen: Wie weit reicht meine Freiheit und wie sehr bindet mich die Beziehung? Sich diese Fragen zu stellen, ist kein Hinweis auf eine schlechte Beziehung, im Gegenteil. In der Eltern-Kind-Beziehung ist die Situation vertrackter, weil sie einerseits von Konventionen überlagert ist, und sie andrerseits als hierarchisches Verhältnis begann.

SPIEGEL ONLINE: Sind wir besonders verletzlich, wenn es um unsere Eltern geht?

Bleisch: Absolut. Und Eltern sind besonders verletzlich, wenn es um ihre Kinder geht. Ein 'gutes Kind' ist sich dessen auch bewusst und geht respektvoll mit dieser Verletzlichkeit um.

SPIEGEL ONLINE: Entstehen aus dieser Verletzlichkeit also doch Pflichten?

Bleisch: Verletzlichkeit verpflichtet dann, wenn sie die Kehrseite einer tiefen Bindung ist. Sie zu respektieren heißt, intimes Wissen nicht auszunutzen und sich der eigenen Bedeutung für die andere Person bewusst zu sein. Grundlos über die Bedürfnisse des Gegenübers hinwegzugehen, ist sicher nicht respektvoll. Der wichtige Punkt ist nur: Diese Pflicht entsteht aus unserem Kontakt zueinander. Und nicht daraus, dass uns jemand geboren hat.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach viel Verantwortung.

Bleisch: Ja, aber Familie kann auch wunderbar sein! Gerade in einer Zeit, in der wir dauernd unter vielen Optionen wählen müssen, kann es befreiend sein, einmal nicht wählen zu können. Eltern und Geschwister sind einfach da.

SPIEGEL ONLINE: Freunde hingegen kann man sich aussuchen. Passen die nicht viel besser zu uns?

Bleisch: Das mag sein. Familie ist dafür wie ein Trainingslabor für geistige Offenheit. Da kommen wir raus aus unseren Filterblasen und Gemeinschaften von Gleichgesinnten und treten in Kontakt mit Menschen, die vielleicht andere Parteien wählen oder andere Lebensentwürfe verfolgen. Das halte ich für ein großartiges Abenteuer.

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