S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Nörgelst du noch, oder bebst du schon?

Meckern, meckern, meckern - warum kritteln deutsche Frauen eigentlich immer an ihren Partnern und Partnerinnen herum? Kein Wunder, dass die nicht zuhören, sondern lieber tanzende brasilianische Frauen angaffen.

Eine Kolumne von

REUTERS

Machen DokumentarfilmerInnen eigentlich immer noch diese Filme? Aus von uns aus entlegenen Orten der Welt, in denen Menschen ausschließlich beim Tanzen, Fischen und Kochen gezeigt werden? Trinidad, Alaska, Bali, andauernd wird da gefischt, getanzt und gegessen. Menschen hocken auch gerne irgendwo, zeigen auf den Horizont und sagen Sachen wie: Essen ist uns sehr wichtig.

Das fällt mir ein, wenn ich an Brasilien denke und an das, was ich in den vergangenen Wochen über dieses riesige Land gelernt habe. Also durch Dokumentarfilme. Die Frauen sind permanent nackig und tanzen, die Männer stromern mit Waffen herum. Wobei das mit den Waffen stimmt, ich war einmal vor Ort. Die Frauen, die permanent tanzen, habe ich allerdings nicht gesehen, sie schienen überarbeitet und müde. Wie die meisten Menschen, die man überall heute besichtigen kann, aber Schwamm drüber.

Tanzende Frauen kommen immer gut an. Die deutschen Frauen können dann denken, verdammte Hacke, ich muss meinen BMI überdenken. Der deutsche Mann kann denken, ja, das sind noch richtige Frauen da, die haben einen korrekten BMI und tanzen. Meine Frau tanzt nie. Sie nörgelt immer, immer dieser vorwurfsvolle Ton. Ja, der Wind weht rauer in einer Verbindung, ich habe den vorwurfsvollen Tonfall von Frauen, die in Beziehungen mit Männern oder Frauen stehen, auch oft bemerkenswert gefunden. Warum freundlich oder gar humorvoll anbringen, was man auch mit latent aggressivem Ton vorbringen kann?

Zu dumm zum Essen

Warum hast du nicht, nie hast du, nie kannst du, nie willst du, warum kannst du nicht? Weil wir Menschen sind und die bekannterweise nicht viel können, würde man da gerne sagen. Und auch: Seid doch mal nett und milde. Seid doch froh, dass ihr nicht allein die Tüten in eine kalte Wohnung schleppen müsst, sondern euch jemand erträgt, denn wer ist schon so ein Juwel, dass man dafür bezahlen möchte, mit ihm zusammen zu sein.

Anders formuliert: Während die Frau, die erkannt hat, dass sie auch nicht immer perfekt ist, dem Partner oder der Partnerin den Mund abwischt, wenn da Speisen hängen, sagen viele mit kaltem Vorwurf: Du hast da was am Mund, wie sieht das denn aus? Kannst du nicht mal vernünftig Nahrung zu dir nehmen? Nichts kannst du ordentlich, und wann hast du eigentlich das letzte Mal gekocht? Immer koche ich, und dann gelingt es dir nicht einmal, das Essen in deinen Mund zu stopfen. Du klebst es in dein Gesicht.

Viele Beziehungen wären um einiges angenehmer, wenn die Menschen die Rechte, die sie für sich beanspruchen, auch dem anderen zubilligen würden. Nie hört er/sie mir zu, murmeln viele Damen erregt, und merken nicht, dass man nicht zuhören mag, wenn da nur Anschuldigungen gesagt werden, wenn der Partner das Gefühl hat, ständig schuld zu sein am Unglück des anderen.

Und dann schaut er oder sie tanzende Brasilianerinnen an und träumt sich weit weg. Zu jemandem, der ihn einfach in Ruhe lässt. Im richtigen Moment den Mund abwischt, ihm die schweren Tüten in die Hand drückt und sagt, mach mal, du kannst das. Die meisten Frauen hier schleppen ihre Tüten selbst, weil das Gleichberechtigung ist, aber sie tun es mit einem großen Leiden, und vergessen werden sie es nie. Dass der andere nicht ahnt, was sie brauchen, nicht schneller ist, nicht Gedanken liest. Soweit die Betrachtungen des Tages. Ein angenehmes Leben noch.

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insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
VparadoxX 28.06.2014
1. Super
Super beschrieben. Das trifft die Sache auf den Punkt !
homerjay81 28.06.2014
2. Chapeau
Frau Berg, ich ziehe meinen (imaginären) Hut vor ihnen. Es ist verblüffend zu wie viel Reflexion sie fähig sind. Die Welt wäre vielleicht eine bessere, wenn sich nur die Hälfte der Menschen annähernd so viele Gedanken machen würden wie sie.
Brennstoff 28.06.2014
3. Alle Achtung
Zitat von sysopREUTERSMeckern, meckern, meckern - warum kritteln deutsche Frauen eigentlich immer an ihren Partnern und Partnerinnen herum? Kein Wunder, dass die nicht zuhören, sondern lieber tanzende brasilianische Frauen angaffen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/beziehungskrise-sibylle-berg-ueber-noergelei-von-frauen-a-977714.html
Eine wunderschöne Bestandsaufnahme der heilen deutschen Beziehungswelt. Wie soll die erst aussehen, wenn sie mal nicht mehr heile ist? ;D
Bowie 28.06.2014
4. Es ist tatsächlich oft so...
...dass viele Frauen an ihren eigenen, oftmals überhöhten Ansprüchen an sich, das Leben und den Partner unzufriedener werden. Während die meisten Männer mit einem Bier und einer halbwegs attraktiven Partnerin glücklich werden können, reicht das bei vielen Damen noch lange nicht. Gefangen im Korsett ihrer Ansprüche, stärkeren Selbstzweifel und der gefühlten Notwendigkeit, noch näher an ein vermeintliches Lebensoptimum zu gelangen, kommen da viele in eine dauernde Unzufriedenheit, die dann gerne am Partner ausgelassen wird. Ab einem gewissen Alter wird sich dann auch nicht mehr getrennt, sondern die Damen richten sich in ihrer Verbitterung ein und die dazugehörigen Herren setzen nicht nur seelisch Fett an...
jujo 28.06.2014
5. ...
Zitat von sysopREUTERSMeckern, meckern, meckern - warum kritteln deutsche Frauen eigentlich immer an ihren Partnern und Partnerinnen herum? Kein Wunder, dass die nicht zuhören, sondern lieber tanzende brasilianische Frauen angaffen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/beziehungskrise-sibylle-berg-ueber-noergelei-von-frauen-a-977714.html
Dazu fällt mir nur der Klassiker ein. Sagt eine Frau zur Freundin, ich habe mich von meinem Mann getrennt. Freundin antwortet warum das denn. Sagt die erste sie hätte alles gemacht, Kleidung , Benehmen, Empathie u.s.w. beim Mann geändert, alles nach Wunsch, aber es ist nicht mehr der Mann in den ich mich verliebt habe
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