Biennale 2003 Deutschland schickt Werke von Höfer und Kippenberger nach Venedig

Zwei völlig unterschiedliche Künstler schickt Deutschland in diesem Jahr auf die Biennale nach Venedig. Die Fotografin Candida Höfer und der 1997 verstorbene Punk-Künstler Martin Kippenberger haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Die deutschen Kuratoren indes sehen erstaunliche Parallelen.


Selbstportät von Martin Kippenberger: Bewusste Stillosigkeit
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Selbstportät von Martin Kippenberger: Bewusste Stillosigkeit

Düsseldorf - Höfer und Kippenberger beschäftigten sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem "Thema der Künstler dieser Generation: Orte und Identitäten", sagte der Kurator des deutschen Pavillons, Julian Heynen.

Das ergänze sich mit der internationalen Kunstschau in Venedig, die auch ein "künstlich geschaffener Ort" sei. Die Biennalen-Präsentation längst international vernetzter Kunst in nationalen Pavillons sei "von innen hohl, wir glauben nicht mehr an sie", sagte Heynen, der in Düsseldorf die Dependance der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Ständehaus leitet.

"Die Biennale ist in einer Zeit des Nationalismus entstanden." Das ursprüngliche Konzept eines Nationenwettstreits sei allerdings schon lang überholt. "Die Pavillons tragen zwar noch die Namen der einzelnen Länder, de facto ist der Länderwettstreit jedoch kein Thema mehr, das ist in der Moderne auch gar nicht möglich."

Heute sei die Biennale eher als "Patchwork" zu bezeichnen. "Kunst ist supranational." Die Strukturen der Ausstellung hält der deutsche Kurator deshalb für überkommen. "Ganz kann man da allerdings nicht raus. Schließlich ist die Biennale eine eingeführte Größe im venezianischen Tourismus."

Seit Jahrzehnten gebe es kein zentrales Konzept. Eine thematische Strukturierung wäre daher nicht schlecht. "Die Ausstellung wird einfach immer größer. So ein Bazar ist vielleicht für Profis interessant, aber wir müssen an das Publikum denken."

Zwar würden die Werke von Höfer und Kippenberger auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenpassen. Im Laufe der Planungen für die geplante Ausstellung auf 440 Quadratmetern hätten sich diese beiden "absolut heterogenen Künstler" allerdings wegen ihrer thematischen Ähnlichkeit heraus kristallisiert.

Obwohl nationale Besonderheiten eigentlich keine Rolle bei der Entscheidung für Höfer und Kippenberger spielten, seien bei beiden Künstlern auch als typisch deutsch bezeichnete Elemente zu finden. "Bei Candida Höfer gibt es eine auffällige Mischung aus genauster Beobachtung und der romantischen Poetisierung ihrer Motive. Kippenberger beschäftigt sich ausgiebig mit der deutschen Idee des Künstlers als Genie. Außerdem ist in seinen späten Werken eine Melancholie zu erahnen, die bisweilen an Dürer erinnert."

Der 1997 in Wien gestorbene Martin Kippenberger, Jahrgang 1953, hat in zahlreichen Medien von Malerei bis Foto und Rauminstallation insbesondere die Rolle des Künstlers untersucht. Auf der Suche nach einem eigenen Stil fand er für sich die bewusste Stillosigkeit. "Da war ich dann befreit. Kümmere dich nicht um Stil, sondern um das, was du sagen willst. Wie es dann aussieht, das ist was anderes."

Im Museum für Neue Kunst in Karlsruhe läuft zur Zeit noch bis zum 27. April eine Ausstellung anlässlich des 50. Geburtstages des Künstlers. Es ist die erste große Retrospektive nach Kippenbergers Tod. Über 500 Exponate aus allen Werkphasen des Dortmunder Künstlers werden ausgestellt.

Kippenberger gilt als einer der "Wilden" die der deutschen Kunstszene in den 80er Jahren zu neuem internationalen Aufschwung verhalfen. Seine künstlerischen Wurzeln sind in der Punk-Kultur zu finden. In den siebziger Jahren war er Impresario der legendären Berliner Kneipe SO 36 in Berlin, die auch noch heute einen Kernpunkt des Szenelebens der Hauptstadt bildet.

Die Kölner Fotokünstlerin Candida Höfer: Bekannt geworden durch Großformat und Menschenleere
DPA

Die Kölner Fotokünstlerin Candida Höfer: Bekannt geworden durch Großformat und Menschenleere

Candida Höfer, 1944 in Eberswalde geborene Schülerin des Fotografenpaares Bernd und Hilla Becher, stellt den Menschen in den Vordergrund, sein kulturelles und soziales Umfeld, das sich auch in der ihn umgebenden Architektur und in der Einrichtung von Räumen widerspiegelt. Höfer bietet durch ihre Fotografie eine ganz neue Sichtweise der Architektur, etwa durch die Wahl eines ungewöhnlichen Bildausschnittes.

Ein wesentlicher Gestaltungsfaktor ihrer meist mit einer Kleinbildkamera aufgenommenen Werke ist das Licht, das ihren Fotografien häufig einen malerischen Anstrich gibt. Ende der 1960er Jahre begann sie, in Liverpool menschliche Verhaltensweisen im öffentlichen Raum zu dokumentieren, in den Siebzigern widmete sie einen Großteil ihrer Arbeit dem Leben von türkischen Gastarbeitern in Deutschland.

Seit den achtziger Jahren arbeitet sie hauptsächlich mit öffentlich zugänglichen Räumen wie Konzertsälen, Hörsälen, Bibliotheken, Cafés, Sporthallen, Museen, Foyers und Wartesälen. Mit diesen meist menschenleeren Arbeiten ist die in Köln lebende Künstlerin bekannt geworden.

Biennale-Kurator Heynen begründete die Auswahl der beiden Künstler zum einen mit ihrer "hervorragenden Qualität", aber auch damit, dass Höfer und Kippenberger vom offiziellen Museums- und Kulturbetrieb "lange nicht so berücksichtigt worden sind" wie vergleichbare Künstler.

Während Höfer mit ihren Darstellungen menschenleerer Räumen "durch Auslassen, über Spuren" die Frage nach dem Menschen stelle, habe Kippenberger den sozialen Aspekt in seinem unkonventionell-experimentellen Lebenswerk durch ständiges Befragen seines Künstlerseins thematisiert.

Der deutsche Beitrag, bei dem ältere und gerade in Venedig entstehende Fotos von Höfer gemeinsam mit Arbeiten Kippenbergers zu sehen sein werden, trage keinen Titel und existiere bislang erst im Konzept, erklärte Heynen.

Die Kunstbiennale von Venedig findet vom 15. Juni bis zum 2. November statt. Sie ist eines der weltweit wichtigsten Kunstereignisse und feiert in diesem Jahr ihr 50. Jubiläum.



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