Biennale-Künstlerin Anne Imhof "Nur die Anmut ist unantastbar"

Die Künstlerin Anne Imhof bespielt den deutschen Pavillon auf der weltweit wichtigsten Kunstmesse in Venedig und fragt sich, was es überhaupt heißt, eine Nation zu repräsentieren.

Nadine Fraczkowski

Von


SPIEGEL ONLINE: Als prägende Künstlerin der Gegenwart werden Sie den deutschen Beitrag in Venedig liefern. Wie werden Sie Deutschland vertreten?

Anne Imhof: Ich arbeite an einem neuen Stück, das auf der Biennale im Mai uraufgeführt wird, dafür pendele ich momentan zwischen Berlin, Frankfurt und Venedig. Die Vorbereitungen für meine Ausstellung im deutschen Pavillon laufen bereits seit bald einem Jahr. Neben der performativen Arbeit werden Malereien und andere Objekte Teil der Installation sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Biennale findet in 28 Länderpavillons statt, die in den Parkanlagen im Ortsteil Castello stehen. Macht diese traditionelle Aufteilung für Sie Sinn?

Imhof: Diese Pavillons wirken wie Ruinen, wie mittlerweile so viele Gebäude in Venedig sind sie den größten Teil des Jahres über verlassen. Sie stehen in den Giardini wie auf einem Olymp. Der deutsche Pavillon hat eine beeindruckende Ausstellungsgeschichte mit großen Positionen, ich denke hier vor allem auch an die Künstlerinnen, die in den letzten Jahren dort gezeigt wurden, Isa Genzken zum Beispiel. Die Frage, was es bedeutet, eine Nation repräsentieren zu sollen, erscheint mir aktuell besonders brisant. Ich habe viel darüber nachgedacht, was es für mich heißt, den deutschen Pavillon zu gestalten. Meine Arbeit wird unter anderem mit Fragen nach Grenzziehungen zu tun haben, sowohl territorial als auch auf der Ebene der Persönlich- und Körperlichkeit.

Zur Person
  • Anne imhof/ Galerie Buchholz
    Anne Imhof, Jahrgang 1978, arbeitet mit Malerei, Performances und Installationen. Sie studierte bis 2012 an der Städelschule in Frankfurt am Main, 2015 erhielt sie den Preis der Nationalgalerie Berlin für ihre Installation "Rage". Ihr letztes Werk war die dreiteilige Oper "Angst", die 2016 in der Kunsthalle Basel, im Hamburger Bahnhof Berlin und auf der Biennale Montréal gezeigt wurden. Anne Imhof wird auf der 57. Kunstbiennale in Venedig den deutschen Beitrag gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Während Ihrer Performances weiß der Betrachter manchmal kaum, wohin er zuerst blicken soll, so viel findet gleichzeitig statt. Ist Komplexität ein Merkmal unserer Zeit?

Imhof: Sicher.

SPIEGEL ONLINE: Doch Ihre Performer führen einfache Handlungen aus - sie trinken Cola, rasieren sich, blicken auf ihre Smartphones- manchmal vier oder fünf Stunden lang, ohne dramaturgischen Höhepunkt. Komplexität auf der einen Seite, Stillstand auf der anderen?

Imhof: Wiederholung ist nicht gleich Stillstand. Es geht mir nicht um Routine, sondern um Abstraktion. Die Bewegungen werden ihrem eigentlichen Zusammenhang und Nutzen entzogen, sie werden zu Bildern und entwickeln ihre eigene Poetik. Nach und nach verschwimmen dann die Konturen von Körpern, Gegenständen, kulturellen Codes und Metaphern.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten auch mit lebenden Tieren. Sind die Esel, Schildkröten und Falken ebenfalls Metaphern?

Imhof: Die Tiere sind ein drittes Element zwischen Betrachter und Performer und sorgen für eine andere Perspektive. Sie erzeugen auch diese Idee der Metamorphose, der Tierwerdung des Menschen, der Menschwerdung des Tiers. Die Tiere sind einfach da, sie haben keine besondere Aufgabe zu erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es auch darum, Platz für Improvisation zu lassen?

Imhof: Es wird immer improvisiert. Jeder, der performt, ist Herrscher über sein eigenes Tun und seine Entscheidungen - innerhalb eines Regelwerks, das ich vorher gemeinsam mit den Akteuren festlege. Trotzdem können die Entscheidungen des Einzelnen das Stück immer in verschiedene Richtungen führen.

SPIEGEL ONLINE: Zwischen allem bewegt sich der Betrachter. Ist er Teil der Inszenierung?

Imhof: Meine Kunst existiert ohne den Betrachter nicht. Ein Bild braucht den, der es anschaut.

SPIEGEL ONLINE: Verarbeiten Sie in dieser Hinsicht Einflüsse aus dem Theater?

Imhof: Eher nicht. Ich bin nie gern ins Theater gegangen. Mein Verständnis von Bühne kommt eher aus der Musik. Es gibt dramatische und szenografische Elemente, etwa den Nebel in "Angst", in dem sich alle gemeinsam bewegen und der temporäre Räume im Raum entstehen lässt. Aber es gibt auch immer den Moment der Distanz, das Gesamtbild bleibt unabhängig. Meine Performances ähneln Malerei, sie sind wie mehrere Gemälde übereinander, deren Grenzen im Nebel verschwimmen.

SPIEGEL ONLINE: Im Nebel Ihres Zyklus "Angst" herrschte eine beklemmende, fast brutale Stimmung. Ist das für Sie ein vorherrschendes Gefühl in Deutschland?

Imhof: Mit Deutschland hatte das erstmal nichts zu tun. "Angst" hat ein existenzielles Gefühl beschrieben. Aber es ging auch um das Betrachten, das Sehen und Angesehen-Werden aus verschiedensten Perspektiven, aus der Luft oder über den Handy-Bildschirm. Denn wie man die Dinge auch betrachtet: Die Anmut des Einzelnen ist unantastbar. Ich glaube, dass das ein ganz altes Gefühl in jedem Menschen ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Performer wirkten betont lässig, fast teilnahmslos. Spiegelt sich hier die Indifferenz der Generation Instagram?

Imhof: Es ging mir dabei nicht um Coolness oder Abgestumpftheit. Der blanke Gesichtsausdruck ist wichtig, damit eine gewisse Offenheit erhalten bleibt, auch für den Betrachter. Erst mit dieser Leere im Gesicht bekommen die Stücke diese verzögerte Emotionalität.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es sein, dass Sie in diesem Punkt oft missverstanden werden? Sie haben mal gesagt, Sie selbst würden über Ihre Arbeiten völlig anders denken, als die Kritiker sie interpretierten.

Imhof: Jedes Verstehen-Wollen finde ich erst einmal gut. Meine Arbeiten entstehen zunächst aus einer sehr subjektiven Perspektive. Da überrascht es mich natürlich manchmal, wenn meine Arbeiten als Gegenwartsanalyse gelesen werden, die dann eben als zutreffend oder weniger zutreffend bewertet wird.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.