Biennale-Preis für Rehberger: Das große Kaffee-Klatschen

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Kaffee zur Kunst klingt peinlich, Kaffee in der Kunst schon wieder interessant. Tobias Rehbergers raffiniert gestaltete Cafeteria macht's möglich. In Venedig gab es dafür jetzt den Goldenen Löwe der Biennale.

"Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen" heißt das Werk, mit dem Tobias Rehberger, 42, den Goldenen Löwen gewonnen hat - und das vielleicht ungewöhnlichste daran: Es ist eine Cafeteria!

Nach der Preisverkündung fiel daher ein Ritual der Vorjahre aus: Es gab nicht die sonst üblichen hektischen Nachfragen, wo denn wohl auf dem riesigen Biennalegelände das Werk des Preisträgers zu finden sei. Zu schön und zu auffällig ist die ausgezeichnete Kaffeebar mit Terrasse im "Palazzo delle Esposizione" in den Giardini; jeder der Besucher hatte sie gesehen.

Den Preis, so die Jury in ihrer Begründung, bekomme Rehberger dafür, dass er es geschafft habe, "soziale Kommunikation in ästhetische Praxis zu verschieben".

Diese "ästhetische Praxis" sieht so aus: Schwarze Wände mit unterschiedlich dicken weißen Blockstreifen, die sich an drei Wänden hochziehen, ansteigen, abknicken, die Richtung ändern, den Boden überziehen, von schmaleren Streifen in Gelb, Türkis und Neonrot oder auch von Halbkreisen und einer blauen Spirale unterbrochen und durchkreuzt. Neben den Streifen sind auf den Boden bunte Rhomben gemalt, vor Stufen wird mit signalfarbenem Gelb gewarnt.

Quer im Raum steht ein mindestens zehn Meter langer Tisch, natürlich mit schwarz-weißen Streifen; um ihn herum bunte Hocker, verschiedene skulpturale Sessel in Neonfarben und kleinere Tische; vier bewegliche und biegsame Raumteiler schaffen Nischen.

Über der Bar ist der ganze Raum dann auch noch mehrfach gebrochen in einer Prismen-Spiegelwand zu sehen. "Eigentlich nur eine Zutat", sagt Rehberger, allerdings eine, "durch die der Raum noch konfuser wird, weil sie zur grafischen Strategie gut passt".

Im Vorraum, der durch eine breite Türöffnung sichtbar ist, kreisen schwarze Ellipsen-Geschwader auf weißen Wänden, die von grauen und roten Streifen gekreuzt werden. Hier gibt es nur wenige Sitzmöbel, aber in der Ecke steht eine schwarze Stahlskulptur, die gleichzeitig an eine Fünfziger-Jahre-Markise und an ein Tortenstück erinnert.

Und selbst auf den dünnen Stahlstützen ist Malerei zu entdecken: ein rotes, rührend ausdrucksstarkes Gesichtsprofil mit einem Hals aus herunter laufender Farbe, das aussieht wie ein kleines Graffiti. Und der schmale Stützenfuß ist mit pastellenen Farben besprüht, die auf dem schwarzen Stahl und neben den grafischen Raummustern wie eine Malereibotschaft aus einer anderen, romantischen Welt wirken.

Die Technik nenne man in England "Razzle-Dazzle-Painting", also sinngemäß "Durcheinander-Malerei", und sie komme aus dem ersten Weltkrieg, sagt Rehberger. "Damals haben die Engländer ihre Schiffe so getarnt", erklärt er, denn auf dem Meer mit seiner wechselnden Wasserfarbe konnte eine normale Camouflagetechnik nicht angewandt werden.

Eine englische Futuristen-Künstlergruppe habe dann diese Technik erfunden, und knallige Muster entworfen, mit denen die Schiffe bemalt wurden. "Es ging darum, dass die deutschen U-Boote durch die starken Muster so getäuscht wurden, dass sie weder erkennen konnten, was für ein Schiff das ist, was vorn oder hinten oder eine Ecke ist und wohin man schießen sollte."

So einen Raum, den grafische Muster "konfusieren", habe er schon lange machen wollen, sagt Rehberger, aber es sollte ein Raum mit einer Funktion sein. Als Wandmalerei wollte er das Projekt nicht umsetzen, er habe sich immer vorgestellt "dass man solch einen Raum besucht, um was anderes zu machen als Kunst anzusehen". Schließlich sei Camouflage ja eine Technik zum "Nicht-Hingucken". "Hört sich komisch an, aber ich wollte immer ein Kunstwerk machen, das nicht zum Hingucken ist, sondern einfach nur zum Dasein."

Das ist es nun, und die preisgekrönte Cafeteria soll nicht nur in der Ausstellungszeit da sein, sondern sie soll bleiben. "Nachhaltigkeit jetzt auch noch in der Kunst", spöttelt eine Frankfurter Künstlerin und ahnt nicht, dass sie mit diesem Wort gar nicht falsch liegt. Denn es gibt auch eine Sonnensegel-überspannte Terrasse vor dem Café, deren Bodenplanken, Tische, Bänke und Hocker aus einem soliden Material sind, das von einer finnischen Firma aus einer Mischung von recyceltem Papier und Kunststoff entwickelt wurde.

Bleibt zu wünschen, dass bei diesem Kunstwerk die Cafeteria-Betreiber die tägliche Restaurierung übernehmen. Dazu müssten sie nur öfter mal die Fußböden wischen, denn die Farben Grau (venezianischer Giardini-Staub) und Braun (verkleckerter Kaffee) sind von Rehberger nicht vorgesehen.

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