Biermanns Ehrenbürgerschaft Der Verräter als Freiheitsheld

Na endlich! Nach langen Querelen wollen die Sozialdemokraten dem Dichter und Sänger Wolf Biermann die Ehrenbürgerwürde der Hauptstadt antragen. Die Linkspartei/PDS bleibt bei ihrer Ablehnung. Das Ende einer bitteren Groteske, die an finsterste Politbüro-Zeiten erinnert.

Von Reinhard Mohr


Eben noch schien der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) beleidigt, ja verschnupft, weil die CDU mit dem Vorschlag der Biermann-Ehrung öffentlich vorgeprescht war. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass dieser Vorschlag seit Jahren kursiert - ganz diskret, nur ohne Erfolg. Und außerdem hat ein Meinungsumschwung in der bisher eher abgeneigt scheinenden SPD stattgefunden. Den dürften auch viele Aufrufe zugunsten Biermanns ausgelöst haben, von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bis zur der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und dem Ex-Bürgermeister Klaus Schütz (SPD).

Liedermacher Biermann: Umstrittene Ehrenbürgerschaft
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Liedermacher Biermann: Umstrittene Ehrenbürgerschaft

Am Abend kam es dann: das Votum der Berliner SPD für Biermann und die Ehrenbürgerschaft.

Das Votum des Koalitionspartners Linkspartei/PDS ließ nicht lange auf sich warten: Man werde den Antrag der CDU und der anderen Oppositionsparteien des Berliner Abgeordnetenhauses nicht unterstützen. Diese Entscheidung war zu erwarten - und glücklicherweise ist sie den Mehrheitsverhältnissen entsprechend egal.

Wolf Biermann wird der 115. Berliner Ehrenbürger, nach Alexander von Humboldt und Max Liebermann, nach Adolph Menzel und Robert Koch, nach Otto von Bismarck und Willy Brandt. Ende gut, alles gut, könnte man sagen.

Aber das Ganze bleibt ein Lehrstück der Berliner Kultur.

Das schlimmste Verdikt kam am vergangenen Sonntag von einem alten SED-Genossen, der vor dem Ostberliner Ehrenmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stand, jenen mythischen Ahnen des deutschen Parteikommunismus, zu denen alljährlich die altstalinistischen Stasi-Omas und -Opas pilgern: Ein gemeiner "Verräter" sei dieser Biermann, dessen Ausbürgerung im November 1976 natürlich "völlig korrekt" gewesen sei.

Man sah dem alten Parteigenossen mit Leninbrille Marke Barmer Ersatzkasse an, dass er diesen Biermann sowieso am liebsten im Knast von Bautzen hätte schmoren lassen bis an sein Lebensende. So wie er denken viele im Umfeld der Berliner Regierungspartei Linkspartei/PDS: Diese Lieder und Gedichte, diese blöde Gitarre, an der er immer herumzupft. Dieses Renegaten-Gekrächze "Du lass' Dich nicht verhärten..."

Inzwischen fühlt sich dieser Biermann auch noch in Frankreich und Israel zu Hause, einst imperialistisch-zionistische Feindstaaten der DDR. Außerdem war er für Bushs Irakkrieg. Zum 70. Geburtstag im vergangenen Herbst hat der Verräter zum Dank für all das bereits das Bundesverdienstkreuz erhalten. Daneben ist er Träger des Hölderlin-Preises, des Mörike-Preises, des Georg-Büchner-Preises und des Heinrich-Heine-Preises. Was will der Kerl denn noch?

Das Allerschlimmste aber: Er ist Hamburger.

Damit schien zum Thema Wolf Biermann als Ehrenbürger von Berlin alles gesagt. Oder doch nicht ganz?

Nichts, was derzeit auf den Theaterbühnen Berlins gespielt wird, schon gar nicht Christoph Schlingensiefs Talkshow-Performance "Die Piloten", kam an diese Realsatire heran, an eine historische Groteske, die an beste Politbüro-Zeiten erinnerte. Es wurde gelogen und geheuchelt, dass sich die roten Balken bogen.

Die Farce um Wolf Biermanns Ehrenbürgerschaft war so peinlich und geschichtslos, dass man am liebsten die Mauer wieder hochziehen würde. "Und merkt nicht, dass eure Vernunft aus den Hirnen der Zwerge / Aus den Schwänzen der Ratten / Aus den Ritzen der Kriechtiere entliehen ist", schrieb Biermann einst und meinte seine alten Genossen in der DDR.

Viele von ihnen, so wissen wir längst, sind immer noch da und beschimpfen den Rechtsstaat, den sie frechfeige bis zur letzten Instanz nutzen, um ihre Stasirenten einzuklagen oder freigesprochen zu werden vom hundertfachen Totschlag an der Mauer. Nicht weniger schlimm aber sind die Opportunisten und Feiglinge, die Erbsenzähler und Hinterzimmerstrategen.

Ein "Argument" der Gegner von Biermanns Ehrenbürgerschaft freilich ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Biermann ist tatsächlich geborener Hamburger, der Sohn von Dagobert und Emma Biermann. Vater Dagobert, Jude, Werftarbeiter und Kommunist, der Schiffe der Nazi-Kriegsmarine sabotiert hatte, wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Sohn Wolf, damals sieben Jahre alt, überlebte im Sommer 1943 um Haaresbreite die Bombenangriffe auf Hamburg. Nur durch einen mutigen Sprung in den Nordkanal von Hammerbrook retteten sich Mutter und Sohn vor der Flammenhölle.

Noch heute kritzelt Biermann Besuchern eine Skizze aufs Papier, in der sein schwimmender Überlebensweg verewigt wird – nicht ohne die Moorweide am Dammtor einzutragen, von der aus Tausende Hamburger Juden in die Vernichtungslager transportiert wurden.

1953 siedelte der 17-jährige Halbwaise in die DDR, die ihm damals das bessere Deutschland schien, lernte, studierte, dichtete und sang – bis ihm das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 jeglichen öffentlichen Auftritt verbot. Nur in seiner Wohnung Chausseestraße 131 in Berlin-Mitte konnte er fortan noch sein "Gedicht des Liedermachers" vortragen:

"Wenn ich euch nun hin und wieder / Bittere Balladen brülle / Lieder voller Traurigkeiten / Redet euch dann ja nich ein / Mir gings schlecht und / Ich sei traurig, ich / sei voller Bitterkeiten. Ihr erinnert euch: Es sind doch / Nur so traurig, bitter finster / Unsere ansonsten großen und / So schön bewegten Zeiten – und so schönbewegten Zeiten."

Die blieben bewegt. Und wie. Als er 11 Jahre später, am 13. November 1976, endlich wieder öffentlich auftreten konnte – in jenem legendären Kölner Konzert, das die IG Metall organisiert hatte –, wurde er umgehend ausgebürgert. Grund: "Grobe Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten". Dieser Skandal war ein Fanal. Seine Folgen trugen, so sehen es inzwischen viele, nachhaltig zum Ende der DDR im Herbst 1989 bei.

Da war er wieder, Biermann, der ewige Verräter an der revolutionären Sache, der Drachentöter an der Drahtharfe, der dekadente Dichter, der vom süßen Leben träumt.

Doch wer vom süßen Leben träumt, träumt auch von der Freiheit.

Und der Verräter Biermann liebt die Freiheit über alles.

Ihr schlimmster Feind aber ist die Idee, die zur Ideologie wird, zum Wahn, der jede Unterdrückung und jede Gewalt legitimiert: "Jede Macht ist die Sklavin der Idee, mit der sie groß geworden ist." Diese Erkenntnis von Erich Koch-Weser, einst liberaler Minister und Vizekanzler in der Weimarer Republik, der schon 1928 das revolutionäre Russland auf dem Weg zu einer bolschewistischen Diktatur sah, könnte man auch als ein Leitmotiv Biermanns betrachten. Einst selbst von der kommunistischen Idee entflammt, stellte er sie später radikal in Frage. Wie wenige in Deutschland, wo man nur zu gerne die schlechte Wirklichkeit blamiert, um die romantische Idee von der besten aller Welten zu retten, kam er immer wieder auf den schlagenden Gedanken: Was wäre, wenn die Idee falsch ist?!

Um darauf zu kommen, genügt nicht allein der Blick in die Abgründe der Wirklichkeit – den wagen auch andere. Es braucht den Mut, sich die Erkenntnis als – bittere – Wahrheit einzugestehen und sie laut auszusprechen. Diesen Mut hatte und hat Wolf Biermann auch unter den schwierigen Bedingungen einer existentiellen Bedrohung, von Stasi-Spitzeln umzingelt, abgehört und schikaniert, seines Berufs beraubt.

Wie er daraus wieder Musik und Poesie machte, mal melancholisch, mal ironisch, mal polemisch, mal wild, mal zart – auch das haben in Deutschland nur ganz wenige geschafft. Darin ist Biermann ein Nachkomme von Brecht und Heine.

Und er, der preußische Ikarus von der Weidendammer Brücke am Bahnhof Friedrichstraße, sang direkt an der Nahtstelle von Ost und West, mitten in Berlin.



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