Christo in Oberhausen Die größte Luftnummer der Welt

"Jetzt ist es da, bald ist es weg": In Oberhausen hat Christo das "Big Air Package" installiert, ein unfassbar großes aufblasbares Objekt, das ab Samstag zu bestaunen ist. Vorher lud der Künstler SPIEGEL ONLINE zu einer exklusiven Besichtigung - und sprach über die letzten Dinge seines Lebens.

Günter Bauer

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Der Raum ist gewaltig. Der Gasometer am Rhein-Herne-Kanal in Oberhausen gehört zu den erstaunlichsten Industriedenkmälern Deutschlands, mit seiner Höhe von 117 Metern und einer Breite von 67 Metern sprengt er jedes menschliche Maß. Der 1993 zur Ausstellungshalle umgebaute Speicher wurde noch nie wirklich zur Gänze genutzt - bis jetzt. Am 16. März wird die wahrscheinlich letzte Installation des US-Künstlers Christo in Deutschland für den Publikumsverkehr eröffnet, das "Big Air Package": Das größte aufblasbare Objekt aller Zeiten, mit einem Volumen, das an das des LZ 129 Hindenburg heranreicht, des größten Luftschiffs aller Zeiten.

Das Paket ist 94 Meter hoch, 54 Meter breit und besteht aus 20.350 Quadratmetern Spezialstoff der Marke ETex Christo, milchweiß und lichtdurchlässig. In 2800 Arbeitsstunden sind in einer Lübecker Spezialfirma 12,5 Kilometer lange Nähte verarbeitet worden. Vor Ort werden die 600 Stoffbahnen von Seilen und einem Klettverschluss zusammengehalten, damit aus dem 5,3 Tonnen schweren Gebilde möglichst wenig Luft entweicht.

Aber das sind nur Zahlen. Und Zahlen können nicht das Erlebnis beschreiben, die luftdichte Drehtür hinter sich zu lassen und eine Treppe hinaufzusteigen, besser: hinaufzuschweben wie in das Innere einer surrealen Regenwolke. Wer einmal - außer pränatal oder postmortal, wer weiß? - so etwas wie einen transzendenten Raum betreten möchte, der muss nach Oberhausen reisen. So einen Sog licht- und himmelwärts muss ein Mensch im Mittelalter gespürt haben, der erstmals eine gotische Kathedrale betrat. Und nach oben blickte.

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Christos Projekte: Verhüllt, verpackt, aufgeblasen
"Religiös? Ich?" Christo tut bestürzt: "Um Gottes willen!" Er ist nach Oberhausen gekommen, um über sein "Big Air Package" zu sprechen, ausdrücklich will er "keine Fragen über Politik, Religion oder andere Kunst beantworten".

Im Schlepptau folgt ihm seine ambulante Kernfamilie, die nicht von seiner Seite weicht: sein Hausfotograf und Kurator Wolfgang Volz, ein dauertelefonierender und ein dauerfilmender Neffe, ein junger Kunsthistoriker. Christos Händedruck ist überraschend kraftlos. Es ist, als würde man nach einem Bündel zerbrechlicher Zweige greifen.

Christos langes, sich lichtendes Haar ist wirr und grau wie immer, sein Blick wach, auch wenn sein Kopf beim Gespräch immer wieder tief zwischen die Schultern rutscht. Seit 2009 seine Frau verstorben ist, redet und arbeitet er für zwei. Das strengt an.

Einmal legt er beim Zuhören sogar kurz die Stirn auf den Tisch. Er sagt "wir" und "uns", wenn er von der gemeinsamen Arbeit erzählt, die er noch zu Ende bringen will. Und gerade so, als wäre Jeanne-Claude noch am Leben und anwesend, spricht er von ihr auch in der Gegenwart: "Wir sind 77 Jahre alt, und ich weiß nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Also versuchen wir, die Dinge ein wenig zu beschleunigen, indem wir erstmals mehrere Vorhaben gleichzeitig vorantreiben."

"Wir schauten uns an, wir liebten es"

Jeanne-Claude hatte noch kurz vor ihrem Tod gesagt: "Künstler gehen nicht in Rente. Sie sterben." In diesem Sinne will Christo vollenden, was beide begonnen haben. Immer schon stammten alle Entwürfe von ihm. Aber ins Werk gesetzt und zum Wurf wurde ihre Kunst erst durch die Übersicht und Beharrlichkeit seiner Frau: "Sie kann einfach sehr gut mit Menschen umgehen", sagt Christo: "Ich kann das nicht, aber ich muss es versuchen." Bei den "Dingen", die da beschleunigt werden sollen, handelt es sich um die letzten drei Kunstwerke, die er mit seiner Frau auf den Weg brachte.

Das erste ist "Over The River", bei dem der Arkansas River im US-Bundesstaat Colorado auf einer Länge von 50 Kilometern streckenweise mit silberner Plane überspannt werden soll. Christo spricht darüber so euphorisch, als könne er das Werk damit herbeireden, was vielleicht sogar der Fall ist: "Ich habe nach mehr als 200 öffentlichen Anhörungen mit Anwohnern und Gegnern aufgehört zu zählen." Nun sind die bürokratischen Hürden genommen, aber vor Ort wird er noch immer als Ökoterrorist im Naturschutzgebiet geschmäht. Trotzdem: 2015 könnte es soweit sein, 1992 begannen die konkreten Planungen.

Die Idee entstand 1985 in einem Boot auf der Seine: "Wir verhüllten die Pont Neuf, und Kletterer bereiteten gerade die Plane aus. Sie hing für eine Weile glatt über dem Wasser, das Sonnenlicht fiel hindurch. Wir schauten uns an, wir liebten es." Einen ähnlichen Effekt verspricht er sich von "Over The River", wenn Kanuten auf dem Fluss unter der Plane dahergleiten und sich, einer ausgeklügelten Choreografie folgend, immer wieder überraschende Ausblicke öffnen. Insgesamt wird das Projekt fast 50 Millionen Dollar kosten. Sieben Millionen hat er schon für Anwälte, Gutachten und Gegengutachten ausgegeben - obwohl noch gar nichts passiert ist.

Wer ihn aufhalten will, macht alles nur größer

Das zweite Projekt macht offenbar weit weniger Schwierigkeiten. Dafür übertrifft es in seinen megalomanischen Dimensionen alles, was man bisher unter "Kunst" verstanden hat. 400.000 Ölfässer will Christo in den Wüstensand von Abu Dhabi setzen und zur "Mastaba" formen, einer der ältesten baugeometrischen Formen der Menschheit: "In Mesopotamien, vor den Häusern der ersten Städte unserer Spezies, fand man 6000 Jahre alte Sitzbänke, die diese Form hatten. Vorne und hinten senkrecht, an den Seiten mit einer Neigung von 60 Grad, oben flach. Die Form ergibt sich automatisch, wenn man runde Gegenstände stapelt".

Der Koloss wird mehr als 300 Millionen Euro kosten. Er wird höher sein und wuchtiger wirken als die Große Pyramide von Gizeh. Er wird schön sein, mit seinen zehn, teilweise von der BASF entwickelten Spezialfarben, die den pointilistischen Effekt islamischer Mosaiken nachahmen. Und er soll, anders als andere Großprojekte des Künstlers, die Zeit überdauern. Ein Denkmal der Erdöl-Epoche in einem erdölreichen Land, erdacht von einem Künstler, der 50 Jahre lang vor allem mit Polyester gearbeitet hat - einem Erdölprodukt.

Und das soll kein politischer Kommentar sei? Christo schüttelt den Kopf, dass die Haare fliegen, und sagt: "Kunst ist heute vor allem Illustration. Sie illustriert Krieg, Wirtschaft, Natur, Religion - egal, alles Propaganda. Das sind keine wahren Sachen, es sind Bilder von wahren Sachen. Alle unsere Projekte dagegen sind wahr. Sie sind Politik. Sind echtes Wasser, echte Flüsse, echte Angst - nicht nur eine Illustration von Angst!"

Wer nachfragt, dem erklärt Christo seine Theorien gerne genauer, mit der Geduld eines pensionierten Grundschullehrers: "Hören Sie, ich habe seit 1971 etwa 600 Arbeiten über den Reichstag gemacht, von sehr kleinen Skizzen bis zu großen Modellen. Illustrationen von etwas, das sich nur in zwei Wochen im Sommer 1995 ereignet hat. Dieses wahre Ereignis ist wegen der politischen Debatten, die darüber geführt wurden, die wahre Politik. Kein Kommentar zu Politik." Er lehnt sich zurück und klatscht mit der flachen Hand auf den Tisch, zufrieden wie ein Zauberkünstler: "Deswegen ist jede Interpretation unserer Arbeit legitim, selbst die kritischste! Sogar strikte Ablehnung wird zum Teil unserer Kunst, wird von ihr absorbiert."

Es gibt Kritiker, die diese Kunst - eine Fusion aus Land-Art und Pop-Art mit einem Schuss Surrealismus - als veraltet belächeln. Und es gibt Kritiker, die ihr wohlwollend eine Nähe zur "sozialen Plastik" aus dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys unterstellen. Christo mag da nicht widersprechen: "Die Dinge haben unglaubliche Ausmaße angenommen, weil die Leute sie aufhalten wollten."

Bildhauer würden ihre Kunst dem Stein abringen, Maler der leeren Leinwand: "Unsere Kunst entsteht aus dem sozialen Prozess, der Auseinandersetzung mit Bürokraten oder Bauern. Die Debatten im Vorfeld sind ebenso unser Material wie Wind oder Regen." In Oberhausen aber habe es keine Probleme gegeben, weshalb das "nur eine Installation" ist, wie Christo mit erhobenem Zeigefinger einschränkt. Was klingt, als sei das "Big Air Package" nur eine Fingerübung. Oder ein weiteres Mittel, die beiden anderen Projekte zu finanzieren, so wie bei Jeanne-Claude und Christo immer alles selbst finanziert war.

Nur Schönheit, mehr nicht

Dabei ist es mehr. Ein letzter Kreis schließt sich, und dazu gehört das Luftpaket: "In 50 Jahren haben wir 22 Projekte verwirklicht. 37 schlugen fehl." Ganz am Anfang haben sie Ölfässer gestapelt, in einer Straße in Paris "und in einer Galerie am Buttermarkt in Köln", wie Christo sich mühelos erinnert. Sie haben Gegenstände verpackt, und die Gegenstände sind immer größer geworden, so groß, dass die Künstler nur noch als "Verpackungskünstler" wahrgenommen wurden. Und sie haben Luftpakete geschnürt, etwa 1968 auf der Documenta in Kassel.

Es folgten verpackte Inseln in Florida, ein Vorhang in einem Tal in Colorado, gigantische Regenschirme in Japan und Kalifornien, Tore im Central Park, ein verpackter Reichstag und andere eigentümlich berührende Ereignisse von monumentaler Nutzlosigkeit. Gewöhnlich waren die Vorarbeiten dazu so zeitraubend, dass das fertige Kunstwerk dagegen fast kümmerlich wirkte - zumal es nur für kurze Zeit bestand.

"Ja, die Zeit. Kostbare Zeit, kostbare Zeit", sagt Christo und nickt: "Sie zerfließt so schnell, nicht wahr? Aber das Werk existiert einmal, es ist wirklich da. Die Geschichte geht so: Wirklichkeit kann nicht ersetzt werden, wie die unfassbar kostbare Zeit unserer eigenen Existenz. Und wie die Zeit fortschreitet, so kann unsere individuelle Energie nicht eingefangen werden, nicht für immer da sein. Sie muss verschwinden. So ist die Welt, so ist der Mensch. Alles existiert, um zu verschwinden. So ist auch unsere Kunst nichts, was besessen, erworben oder behalten werden könnte. Diese Vergänglichkeit macht ihre Freiheit aus. Und ihre Schönheit."

Mehr nicht? Ist das alles? Nur Schönheit? Christo runzelt kurz die Stirn, als hätte er die Frage nicht verstanden. Nein, mehr nicht. Was sollte schon sein? Dann lächelt er nachsichtig und sagt mit einem Schulterzucken: "Jetzt ist es da. Bald ist es weg." Und das ist alles.


"Big Air Package" von Christo, vom 16. März bis 30. Dezember 2013 im Gasometer Oberhausen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes stand, das "Big Air Package" werde am 15. März 2013 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Tatsächlich findet an diesem Tag lediglich die eröffnende Pressekonferenz statt. Für Besucher geöffnet ist das Werk ab dem 16. März.

insgesamt 31 Beiträge
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flushbush 12.03.2013
1. Christo is over rated
....mit seinem ewigen einpacken und verpacken gaehn
felisconcolor 12.03.2013
2. Schade es wird soviel
drum geschrieben. Aber wie lange Big Air Package in Oberhausen zu sehen sein wird leider keine Silbe. Viele halten Christo für einen Spinner. Seine Kunst für überflüssig. Es ist eben Kunst und jeder sieht Kunst anders weil eben jede Kunst anders ist. Ich mag Michelangelo, ich mag Leonardo da Vinci, ich mag auch Kandinski ich mag nicht Miro. Egal ich fand die Reichstag Verhüllung total genial und ich bin froh dort gewesen zu sein. Es war ein Ereignis was man nur einmal geboten bekommt. Und ich werde wohl auch nach Oberhausen fahren. Ich werde im Big Air Package stehen und den Mund vor staunen nicht wieder schliessen können. Ich werde Christo bestaunen wegen seiner Arbeit und wegen seinem Beharrungsvermögen etwas zu schaffen gegen viele Widerstände.
gibtsjagarnicht 12.03.2013
3. Bill Viola...
... war bereits 2003 mit einer wunderschönen Installation im Gasometer in Oberhausen vertreten und hat durchaus den Speicher "wirklich zur Gänze genutzt". Sein traumhaftes Werk hiess "Five Angels", auf Youtube sind noch Ausschnitte davon zu sehen - was für ein schöner Umgang mit dem Raum im Vergleich zu Christos einfallslosem Indoor-Wetterballon...
hundotto 12.03.2013
4. Kunst?
:..Nein.Einfach eine grosse Liftfasssäule für Eigenwerbung.Könnte auch Erasco oder so draufstehen.
expendable 12.03.2013
5. Mein Gott, ob ich es noch erleben darf...
...das dieser nervende Mensch mir nicht mehr alle paar Wochen mit seinem immergleichen, hohlen, leeren Großblödsinn auf die Nerven fällt? Gibt es wirklich nichts dringenderes auf dem Planeten als die sinnlose Verschwendung von Kunststofffolie im Megatonnenmaßstab?
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