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"Big Brother - Das Dorf": Gemütlich wie Guantanamo

Von Henryk M. Broder

Minusgrade, Millionen Arbeitslose: Die Stimmung der Nation ist auf dem Nullpunkt. Wer in Deutschland weiterkommen will, muss sich warm anziehen - oder einziehen ins "Big Brother"-Dorf. Denn das Endlos-Camp ist die definitive Antwort auf Hartz IV und die Strapazen des Lebens auf dem freien Markt.

"Dorf"-Bewohnerin Bernadette: "Ich bin ein Luxusweibchen"
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"Dorf"-Bewohnerin Bernadette: "Ich bin ein Luxusweibchen"

Wie nah doch manchmal Glück und Unglück beieinander liegen. Gestern wurde bekannt, dass über 5,2 Millionen Menschen arbeitslos sind, ein neuer Nachkriegsrekord, verursacht durch Hartz IV, das Wetter und die neue Ehrlichkeit der Statistiker. Allein in Berlin sind 331.095 Menschen arbeitslos gemeldet.

Zugleich erlebte ein junger Mann namens Sascha in der Parallelwelt eines Fernsehstudios bei Köln den glücklichsten Moment seines Lebens: Er gewann eine Million Euro, nachdem er ein Jahr in einer "Big Brother"-Installation gelebt und alle Mitbewerber ausgesessen hatte. Er war sprachlos vor Glück, weinte hemmungslos, minutenlang ruhte die Kamera auf seinem Gesicht, als habe ein Tsunami-Überlebender seine tot geglaubte Familie wiedergefunden.

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"Big Brother - das Dorf": Im Dorf, im Bild, im Trocknen

Wer darf ins Dorf?

Das sind Momente, die man auf einer atombomben- und seebebensicheren Festplatte einfrieren und zusammen mit den Arbeitslosen-Schlagzeilen von heute irgendwo tief in einem Stollen vergraben sollte. Dokumente für nachfolgende Generationen, die eines Tages fragen werden: "Was war zu Anfang des 21. Jahrhunderts in Deutschland los?"

Big Brother-Kandidat Parsifal: "Mit den Herrschaften shoppen"
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Big Brother-Kandidat Parsifal: "Mit den Herrschaften shoppen"

Unter anderem dies: Bernadette, 37 Jahre alt, aus Otterndorf bei Cuxhaven, zieht in das "Big Brother"-Dorf ein. Sie sagt über sich, dass sie gern "mit der Natur lebt", sich gesund ernährt und früher einen "Beauty-Salon" hatte. Lackierte Fingernägel sind für sie wichtig. "Ich bin ein Luxusweibchen, alle drei Jahre mache ich eine Luxusreise", nach New York, Hongkong oder Shanghai. Ihr Motto lautet: "Erwarte nichts, und du bekommst alles."

Der junge Mann, der ihr beim Einzug die Tür aufgehalten und den Koffer getragen hatte, sagt über sie: "Eine Labertasche vor dem Herrn." Doch da ist Bernadette aus Otterndorf bei Cuxhaven schon im Haus und hat das mittlere der drei Betten belegt, in dem sie schlafen wird. Sie hüpft umher wie ein Hamster auf Ecstasy und freut sich, dass sie den Rest ihres Luxuslebens im "Big Brother"-Dorf verbringen wird.

Als nächster bezieht André das Quartier. Ein Edelprolet mit anspruchsvollen Tatoos auf Brust und Rücken. "Ich habe richtig Bock darauf. Mit mir kann man viel Spaß haben, man kann mit mir auch ernste Gespräche führen." Er ist Autofan und überzeugter Single, was er sonst noch ist, bleibt unklar. Auch er freut sich auf die Jahre, die vor ihm liegen.

Der Container-Parsifal

"Das Dorf"-Star André: Spaß und ernste Gespräche
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"Das Dorf"-Star André: Spaß und ernste Gespräche

Als letzter kommt "ein echter Baron", den Endemol in Wien entdeckt hat, irgendwo zwischen dem Prater und dem Naschmarkt. "Nenn mich einfach Parsifal, das ist am besten", sagt er näselnd zu dem jungen Mann, der ihm beim Einzug hilft. Der echte Baron aus Wien ist ein Stylist. "Alles, was mit Lifestyle zu tun hat, kann ich anbieten. Ich empfange zu Hause und gehe dann mit den Herrschaften shoppen." Nun aber ist es erstmal vorbei mit dem Shoppen. "Mit fremden Leuten zu leben, zu agieren, das reizt mich." Parsifal wird zusammen mit André und Bernadette in einem Zimmer schlafen.

Derweil läuft noch der Countdown zwischen den Finalisten der letzten Staffel, Sascha und Franzi. Die Zuschauer stimmen ab, indem sie anrufen, jeder Anruf kostet 49 Cent. Als Christian, der Nominator, den Zwischenstand von genau 50 zu 50 verkündet, schreien die Leute, die sich vor dem Studio den Arsch abfrieren: "Schiebung, Schiebung!"

Christian schwört, dass es wirklich 50 zu 50 steht und spricht eine Drohung aus. "Sie werden lange abkotzen heute Nacht, wenn der Falsche gewinnt." Die Zuschauer sollen weiter anrufen, anrufen und noch mal anrufen, jeder Anruf kostet 49 Cent. Kleinvieh macht auch Mist, wenn man es lange genug auf die Weide lässt. Moderatorin Ruth macht derweil den Wiener Baron nach, und ihre Parodie klingt noch schwuler als das Original.

Pragmatisch, nicht zynisch

Wohnbereich der "Normalos" im "Dorf": Alternative zu Hartz IV
DDP

Wohnbereich der "Normalos" im "Dorf": Alternative zu Hartz IV

Das ist also das Fernsehen der Zukunft: "Big Brother auf ewig - eine neue Zeitrechnung beginnt!" Jetzt werden Kritiker wieder über "Entgrenzung" und "Menschenwürde" schreiben und die Frage stellen, warum erwachsene Leute bei so was mitmachen. Die Antwort ist sehr einfach: Die Dorf-Bewohner, die in drei Klassen eingeteilt werden, sind nicht die letzten Irren von gestern, sondern die Pragmatiker von morgen.

Bei 5,2 Millionen Arbeitslosen und keiner Aussicht auf Besserung ist ein festes Dach über dem Kopf, für das man keine Miete bezahlen muss, eine echte Alternative zum Nachtlager bei der Bahnhofsmission. Und drei warme Mahlzeiten am Tag, die nichts kosten, müssten sonst erarbeitet werden. Das weiß auch das Luxusweibchen aus Otterndorf bei Cuxhaven, der tätowierte Edelprolet mit der Vorliebe für teure Autos und der näselnde Lifestyle-Berater aus Wien.

Und so bleibt nur eine Frage, die noch gelöst werden muss: Darf man Menschen, die nichts verbrochen haben, ohne Urteil unbegrenzt einsperren, ihnen rechtlichen Beistand verweigern, sie auch noch zur Schau stellen und demütigen? Kurzum: Darf RTL 2 die "Big Brother"-Bewohner so behandeln wie die Amis ihre Gefangenen auf Guantanamo? Jetzt ist keine Zeit mehr für kulturphilosophische Betrachtungen. Jetzt muss amnesty international eingreifen.

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