"Big Brother - Das Dorf" Schau an, schalt ab

Wer jetzt kein Haus hat, braucht auch keines mehr: Gestern ging die fünfte Staffel von Big Brother zu Ende, und die Endlos-Show "Das Dorf" begann. RTL2 hat es geschafft: Fernsehen mit dem Charme der Vollnarkose - und als Schmerzmittel für die soziale Misere.

Von Henryk M. Broder


"Das Dorf"-Kandidatin Virginia: Therapiefall Wirklichkeit
DPA

"Das Dorf"-Kandidatin Virginia: Therapiefall Wirklichkeit

Es ist schon eine Weile her, dass Andy Warhol eine Kamera mitten in New York aufbaute, um das Empire State Building Tag und Nacht zu filmen. Das ESB bewegte sich nicht, die Kamera bewegte sich nicht, nur das Licht änderte sich, der Tages- und Nachtzeit entsprechend. Die Idee war genial. Mit minimalem Aufwand wurde der längste Film aller Zeiten hergestellt, das belichtete Material mußte nur entwickelt und zusammen geklebt werden. Die Cineasten, die Kunstfreunde und die Intellektuellen waren begeistert. Sie saßen im Kino, bis die Sitzmuskel streikten und diskutierten hinterher über das Metaphysische im Transzendenten oder umgekehrt. Heute, aus dem Abstand von über 40 Jahren, wissen wir: Es war der Beginn des Reality-Fernsehens.

TV als therapeutische Anstalt

Ob "Big Brother", die "Burg", das "Dschungel-Camp" oder das "Dorf": am Prinzip hat sich nichts geändert. Draufhalten und vorführen! Nur weil die Technik weiter ist als zu Warhols Zeiten, werden ihre Möglichkeiten entsprechend genutzt. Statt einer Kamera werden acht, sechzehn oder zweiunddreißig eingesetzt. Und während Warhol noch ein paar Monate brauchte, um seinen Film in die Kinos zu bringen, dauert es heute maximal ein paar Stunden, bis die Bilder aus dem australischen Busch in Castrop-Rauxel ankommen. Wenn das Rohmaterial nicht noch langweiliger wäre als das Empire State Building im Morgengrauen, könnte es auch unbearbeitet eins zu eins gesendet werden.

Dennoch sagt die zuständige RTL-2-Redakteurin Katja Hofem-Best über das "Dorf": "Wir haben das Fernsehen in eine neue Dimension geführt." Und wenn es rund läuft, wird sie am Ende sagen: "Wir haben das Rad neu erfunden."

"Big Brother"-Gewinner Sascha: Doppeltes Manager-Gehalt
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Und sie hätte recht, aber nicht so, wie sie es meint. Denn erstens ist die Idee geklaut ("Truman Show"), zweitens ist das Fernsehen von Natur aus zweidimensional und drittens wird aus einem Glas Kölsch kein Kelch mit Dom Perignon, nur weil der Kampftrinker schon zu besoffen ist, um den Unterschied zu erkennen. Die "neue Dimension" ist das, was Harald Schmidt "Unterschichtenfernsehen" nennt. Bei Marx war noch von "Lumpenproletariat" die Rede, heute sprechen Politiker von "bildungsfernen Schichten", die nicht wissen, wie die Hauptstadt von Polen heißt, aber keine Mühe haben, die günstigsten Last-Minute-Reisen in die Karibik zu buchen.

Und hier wird aus dem Fernsehen eine therapeutische Anstalt. Während die professionellen Bedenkenträger von "Ausbeutung" und "Verletzung der Menschenwürde" sprechen, sorgt das Fernsehen für Integration und verhindert allzu viel Entfremdung. Man muss sich nur mal die Mittags-Programme anschauen - die Oliver-Geissen-Show, Vera am Mittag, Britt und Zwei bei Kalwass - um eine Ahnung zu bekommen, wie diejenigen leben und leiden, die sonst nur als "liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger" angesprochen werden.

Sie sitzen daheim, gucken sich die große weite Welt bei "explosiv" und "exclusiv" an, hören Barbara Becker über ihr Leben am Rande des Existenzminimus in Florida reden, sehen Klaus Wowereit Arm in Arm mit George Michael unterwegs in der Berliner Szene und spüren, dass das Fernsehen ihnen zwar die ganze Welt ins Haus holt, ihnen aber nicht hilft, das Haus zu verlassen.

Illusion des Auswegs

"Big Brother"-Star Franzi: Prinzip Hoffnung für die Unterschicht
DDP

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Es sei denn, sie bekommen die Chance, bei Big Brother oder ähnlichen Aktionen mitzumachen. 26.000 Menschen haben sich um einen Platz im RTL-2-Dorf beworben! Für ein Open-End-Abenteuer unter ständiger Überwachung bis ins Klo. Das ist ebenso unfassbar wie einfach zu erklären.

Vor 100 Jahren waren es die Dienstmädchenromane, heute sind es die Telenovelas. Dass es bis heute in der Bundesrepublik noch nicht zu größeren sozialen Unruhen gekommen ist, dass noch nirgendwo Langzeitarbeitslose ein Finanzamt, einen Bulgari-Laden oder ein Restaurant gestürmt haben, in dem ein Schälchen Misu-Suppe 20 Euro kostet, dass Abgeordnete mit "Nebenjobs" davon kommen, die sie nur deswegen ergattert haben, weil sie ins Parlament gewählt wurden - all das ist möglich, weil das Fernsehen so tut, als würde es Auswege aus ausweglosen Situationen bieten.

Sascha, der Gewinner der letzten "Big Brother"-Staffel, bekommt eine Million Euro. Das ist so viel wie ein Top-Manager in zwei Monaten verdient (ohne Sonderzahlungen und Tantiemen), aber es reicht, um die Wohnküche neu zu möblieren und die kleine Honda-Maschine gegen eine große BMW einzutauschen. Und wenn der Wehrdienst immer weiter verkürzt und der Zugang zur Fremdenlegion immer schwieriger wird, weil die Franzosen nur noch Abiturienten mit der Durchschnittsnote drei nehmen, dann bleibt wirklich nur noch das Fernsehen als Prinzip Hoffnung.

Was guckst du?

Wenn von 26.000 Kandidaten 16 genommen werden, ist das noch nicht mal ein Promille, aber die Chance, vom Glück erwischt zu werden, ist immerhin größer als im Lotto. Und es macht in der Tat kaum einen Unterschied, ob der Kandidat X oder die Kandidatin Y sein bzw. ihr Leben im Reihenhaus oder im RTL-2-Dorf in Köln-Ossendorf verbringt. Hier wie dort werden sie von der gleichen Tristesse eingeholt, hier wie dort schlagen sie sich mit denselben Problemen rum, die sie mit sich schleppen wie ein Obdachloser seine Habe.

Testkandidaten für "Big Brother - Das Dorf": Unentrinnbare Tristesse
DDP

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Im Dorf werden sie dafür versorgt, bekommen alles gestellt, was sie zum Leben brauchen und dazu noch was auf die Hand. Das ist wie die Null-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich mit der Aussicht auf den Jackpot. Das Problem ist nur: Nichts währt ewig, auch dieses Format wird sich eines Tages totlaufen. Was dann? Wie kann man den Reiz steigern?

Die Lösung liegt auf dem Dorfplatz. Für die nächste Staffel wird das Haus des Big-Brother-Produzenten Rainer Laux komplett verkabelt, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, die Küche, das Bad, das Gästezimmer, die Kinderzimmer, der Hobby-Keller, die Garage, die Mansarde unterm Dach - der ganze Bau. Es wäre doch schön zu sehen, wie der Mann lebt, der andere live on air leben lässt. Was isst er zum Frühstück? Was treibt er am Mittag? Wie kommuniziert er mit seiner Frau? Und vor allem: Was macht er am Abend? RTL 2 gucken oder heimlich arte anmachen, wenn alle schon schlafen?

Aber das wird Rainer Laux nie mit sich machen lassen. Wenn bekannt wird, dass er heimlich arte guckt, kann er bei Big Brother einpacken.



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