"Big-Brother"- Parodie "Auf Sie reagiere ich allergisch!"

Christoph Schlingensief garniert seine Container-Aktion in Wien mit Verwirrspielen. Die Aufregung unter den österreichischen Politikern hält sich bis auf weiteres in Grenzen.

Von Gerlinde Pölsler


Schlingensief und Festspielleiter Luc Bondy auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in Wien
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Schlingensief und Festspielleiter Luc Bondy auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in Wien

Wien - Programmgemäß empört fielen nur die ersten Reaktionen auf die Schlingensiefschen Pläne aus. Als dessen geplante Aktion "Bitte liebt Österreich!" bei den Wiener Festwochen bekannt wurde, sah Wiens Freiheitliche Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner "die Eskalation der Gewalt" bevorstehen. Man habe Schlingensief bewusst hergeholt, "um gegen die Regierung mit Mordaufrufen vorzugehen". Unterreiner spielte dabei auf eine Theateraufführung an, die kürzlich in Graz stattgefunden hatte. Dort hatte der Regisseur seine Schauspieler den Slogan "Tötet Wolfgang Schüssel!" skandieren lassen.

Der für die Festspiele zuständige Wiener Stadtrat Peter Marboe (ÖVP), durchaus ein liberaler Kulturpolitiker, geriet angesichts der Aktion in unbestimmtes Lavieren. "Mir ist es unbegreiflich, dass die Festwochen so etwas machen", ließ er vernehmen. Sie hätten sich einen gewissen künstlerischen Standard gesetzt, und er habe keine Anzeichen dafür, dass dieser durch eine solche Aktion - "ich vermeide bewusst das Wort Kunst" - gewahrt bleibe.

Doch dann kam der Schwenk: Als sich FPÖ-Politikerin Unterreiner öffentlich darüber freute, dass der Stadtrat "die Haltung der Freiheitlichen übernommen hat", und ihn erneut aufforderte, Schlingensief auszuladen, wurde Marboe plötzlich deutlich: Das Ansinnen der FPÖ-Politikerin bedeute einen "Gipfelpunkt der Selbstentlarvung". Gerade, wenn es schwierig ist, müsse man sich zu den Prinzipien der künstlerischen Freiheit bekennen. Und Festwochen-Theaterchef Luc Bondy sei "ein großes Glück für Wien".

Damit hatte es sich mit der Aufregung - andere Politiker hielten sich bedeckt. Wiens roter Bürgermeister Michael Häupl ließ sich auf Anfrage entlocken, er "halte in der Sache nichts davon", werde aber alles tun, damit Schlingensief es durchziehen könne. Die Grüne Kultursprecherin Eva Glawischnigg meinte, das Projekt sei durchaus in ihrem Sinne. Auch wenn es "eine harte G´schicht" sei.

Betont unbeeindruckt gab sich die FPÖ-Kultursprecherin und Vorsitzende des Kulturausschusses im Nationalrat, Brigitte Povysil. Auf die Frage, ob die Aktion in ihr irgendetwas auslöse, da es doch dezidiert um FPÖ-Themen gehe, meinte sie: "In seiner reinen Provokation ist mir Herr Schlingensief zu unwichtig", und "er verfehlt das Thema". Aber ob er nicht gerade zu wesentlichen Dingen eine Diskussion in Gang gesetzt habe? Povysil: "Die Diskussion zu diesen Themen haben wir ja auch ohne Herrn Schlingensief - oder haben Sie das Gefühl, dass wir nicht darüber sprechen?"

Groß heraus kommt durch diese Aktion der Wiener Web-TV-Sender webfreetv.com, der das Projekt rund um die Uhr online schaltet. Webfreetv-Gründer Roman Padiwy will das Engagement "als Bekenntnis zur Freiheit der Kunst, aber nicht als parteipolitisches Statement verstanden wissen". Sein Sender sei eine "basisdemokratische Experimentierbühne".

Schlingensief versorgte die Medien derweil häppchenweise mit widersprüchlichen Informationen. So hieß es einmal, es handle sich "natürlich" nicht um Darsteller. Die zwölf Teilnehmer würden über Schlepperbanden rekrutiert, die "diese Leute auf die Gefahr hinweisen und ihnen Geld bieten". Als ein Journalist Genaueres dazu wissen wollte, wurde Schlingensief ungemütlich. Bei dem Fragenden handelte es sich immerhin um Josef Kalina, bis vor kurzem Pressesprecher von Altkanzler Viktor Klima und nun Schreiber bei Österreichs auflagenstärkstem Blatt, der volksnahen "Kronen Zeitung".

Er hatte sich der Aktion mit Schlagzeilen wie "Deutscher Aktionist provoziert in Wien!" angenommen, und Schlingensief echauffierte sich: "Hören Sie auf! Auf Sie reagiere ich allergisch!" - Ob es sich nun um "echte" Asylanten oder um Darsteller handelt, darüber wollte Schlingensief die Öffentlichkeit offenbar gezielt im Unklaren lassen.



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