"Big Brother"- Skandal: Antisemitischer Witz bereits im März gesendet

Von Daniel Haas

Im "Big Brother"-Haus wurden antisemitische Witze gemacht, angeblich nur einmal, am 3. Oktober. Doch solche Ausfälle gab es im Fernsehcontainer bereits im März dieses Jahres - für Premiere-Abonnenten live auf dem Bildschirm.

"Big Brother"-Eingang: Diffamierung im Abo
DPA

"Big Brother"-Eingang: Diffamierung im Abo

Was ist unzulässig im Fernsehen? Angebote, die "zum Hass gegen Teile der Bevölkerung oder gegen eine nationale, rassische, oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe aufstacheln, (...), oder die Menschenwürde anderer dadurch angreifen, dass Teile der Bevölkerung oder eine vorbezeichnete Gruppe beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet werden" - so sieht es der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMSTV) vor.

Die Menschen verachtenden Witze über Frauen, Türken und Juden, die der "Big Brother"-Bewohner Michele in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober machte und die der Abosender Premiere unzensiert gesendet hatte, erfüllen alle diese Kriterien. Michele war vom co-produzierenden Sender RTL 2, der eine tägliche Zusammenfassung des Container-Geschehens sendet, "eindringlich" ermahnt und mit dem "Rausschmiss" konfrontiert worden. Kurze Zeit später wählten die Zuschauer den Mann aus der WG heraus.

Die üblen Ausfälle des italienischen Kellners sind jedoch kein Einzelfall im "Big Brother"-Haus. Ähnliches hatte sich bereits im März dieses Jahres zugetragen. Wie Premiere-Sprecher Dietrich Wöstehoff heute gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigte, habe es bereits damals diffamierende Ausfälle gegeben. Daraufhin seien zwei Premiere-Mitarbeiter entlassen worden. Es habe sich um ein "nicht eingespieltes Team" gehandelt, das die Live-Sendung überwacht habe, so Wöstehoff.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hat die Produktionsfirma Endemol, von der Premiere den Live-Mitschnitt aus dem Container bezieht, den Bezahlsender damals gerügt und mit einer Aufkündigung der Zusammenarbeit gedroht. Borris Brandt, Geschäftsführer von Endemol Deutschland, bestätigte heute, dass es "irgendwann einmal einen derartigen Vorfall" gegeben habe. Alle Beteiligten seien "entsprechend abgemahnt" worden.

Bei der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), die als Organ der Landesmedienanstalten für die Aufsicht der Rundfunk- und Telemedien zuständig ist, herrscht laut Verena Weigand, der Leiterin der Stabsstelle der Kommission, "blankes Entsetzen". Die für Premiere zuständige Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) ist von der KJM beauftragt worden, ein Beanstandungsverfahren einzuleiten. Parallel soll ein Ordnungswidrigkeiten-Verfahren über die Verhängung von Bußgeld eingeleitet werden. Ferner sei eine Gesprächsrunde geplant, in der die Live-Formate ausstrahlenden Sender gemeinsam mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) über Sicherheitsmaßnahmen im Live-Betrieb sprechen sollen.

In welchem Umfang die staatlichen Kontrollinstanzen die Verbreitung diffamatorischer und rassistischer Ausfälle vermeiden können, ist allerdings offen. KJM-Chef Wolf-Dieter Ring haben die Judenwitze zwar "persönlich erschüttert", wie die "Süddeutsche Zeitung" gestern meldete, es sei allerdings unvermeidbar, dass im Live-Betrieb "mal kritische Dinge vorkommen".

Tatsächlich ist das Aufsichtsvolumen der KJM beträchtlich. Sieben analoge und dutzende digitaler Sender stehen bei der Medienbehörde unter Bewachung. Dabei sind die organisatorischen Strukturen komplex bis zur Unübersichtlichkeit. So werden der KJM kritische Fälle von den zuständigen Landesbehörden gemeldet, geprüft und an diese zurückgegeben. Im Falle von Premiere liegt die Hälfte der gesendeten Kanäle im Zuständigkeitsbereich der BLM, die andere bei der Hamburgischen Landesmedienanstalt.

Derart lässt sich erklären, warum eine Zuschauerbeschwerde über rassistische Ausfälle im "Big-Brother"-Haus, die nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen bereits im Juni bei der BLM eingegangen war, nicht angemessen bearbeitet werden konnte: Bei "Big Brother" dachten die Bayerischen Medienkontrolleure erst einmal an die co-produzierenden RTL 2, für die die Hessische Medienanstalt zuständig ist. Da RTL 2 jedoch nur einen Zusammenschnitt des Live-Formats sendet und die fraglichen Stellen herausgeschnitten hatte, bestand für die Frankfurter kein Grund zu Sorge.

Die bayerische Staatsregierung fordert inzwischen die Absetzung der Reality-Show. "Sendeformate dieser Art sollten eigentlich in einem Kulturland gar nicht ausgestrahlt werden", sagte Medienminister Erwin Huber nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" heute im Aufsichtsgremium der BLM. Nach seiner Ansicht sollte man Premiere-Chef Georg Kofler nahe legen, auf die Ausstrahlung von Big Brother ganz zu verzichten.

Zwei Fragen werden sich TV-Macher und Medienkontrolleure in Zukunft stellen müssen: Will man den Preis öffentlicher Diffamierung wirklich in Kauf nehmen, um ein auf Authentizität abonniertes Publikum weiter zu bedienen? Und wie können die Strukturen beschaffen sein, die mit Hilfe kritischer, aufmerksamer Bürger die Unterhaltungskultur nicht zum Spielplatz von Rassismus und Diskriminierung werden lassen?

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