"Bild"-Chef Diekmann "Fatale Nähe zum Populismus"

Jetzt rechnet auch "Bild"-Chef Kai Diekmann mit den 68ern ab. Gestern präsentierte er seine Kampfschrift "Der große Selbstbetrug" in Berlin. Betrogen wurde Diekmann allerdings selbst: Sein prominenter Gastredner versalzte ihm die Suppe.

Von Reinhard Mohr


Es ist schon ein Kreuz mit "1968". So verlässlich wie einst das Ungeheuer von Loch Ness taucht es immer wieder aus der historischen Versenkung auf und erschreckt die Leute. Selbst 40 Jahre nach der "Kommune 1", nach Rudi Dutschke und Fritz Teufel wirkt die Revolte von 68 immer noch wie der Leibhaftige persönlich, wie das giftige Blubbern einer infernalischen Unterwelt.

"Bild"-Chefredakteur Diekmann, Kritiker Naumann: "Fatale Nähe zum Populismus"
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"Bild"-Chefredakteur Diekmann, Kritiker Naumann: "Fatale Nähe zum Populismus"

Wer wie Eva Herman oder Peter Hahne die sogenannten 68er herbeizitiert, verbreitet augenblicklich den Schwefelgeruch einer gesellschaftspolitischen Hölle, von Sittenverfall und Egoismus, Emanzengehabe und geschichtsloser Selbstvergessenheit. Denn der 68er soll an allem Schuld sein, was in dieser Gesellschaft schief läuft – bis zu den "Killerspielen", die Jugendliche in den Amoklauf treiben. Nur Autobahnen, das gibt man zu, hat er nicht gebaut. Das war der andere Böse, der Führer.

Jetzt hat auch Kai Diekmann, Jahrgang 1964 und seit 2001 Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, den scheintoten 68er reanimiert. "Der große Selbstbetrug. Warum wir um unsere Zukunft gebracht werden" heißt sein neues Buch, dessen Inhalt bis gestern Abend vom Verlag unter strengsten Verschluss gehalten wurde. Es ist eine Polemik "für den gesunden Menschenverstand", mit "heißem Herzen geschrieben, weniger mit kühlem Kopf", wie Diekmann gleich in der Einleitung zugesteht, eine Kampfschrift gegen "Gutmenschen" und "Kuschelpädagogen", kurz: gegen alles, was in Deutschland schief läuft. Und natürlich ist der ewige 68er, auch der in uns allen, ganz oben auf der Abschussliste.

"Faulheit, Mittelmaß, Egozentrik"

Nur in der Zürcher "Weltwoche" hatte Diekmann schon vorab seine Streitschrift kurz zusammengefasst: "Ich beschreibe 1968 als Epochenbruch der deutschen Gesellschaft in Richtung Egozentrik, Faulheit, Mittelmaß. Es war eine gewaltige Zäsur. Wir leiden immer noch darunter. 1968 bestimmt unser Leben bis in die letzten Fasern: Staatsgläubigkeit, kryptosozialistische Versorgungssysteme, Selbsthass, Identitätsverlust." Diese nachhaltige Verätzung des "gesunden Menschenverstands" führe auch zu jenem "Verständniswahn", der "keine Maßstäbe kennt": "Man hat Verständnis für jeden Sexualstraftäter, jeden Asylbetrüger, jeden afrikanischen Drogenhändler."

So war es eine besonders aparte Idee, das morgen erscheinende Werk an historischer Stätte der Öffentlichkeit vorzustellen – im Gebäude der linken "tageszeitung" ("taz") mit der schönen Berliner Adresse "Rudi-Dutschke-Straße 23".

Ganz wunderbar und nebenbei: Das Regal mit den eingeschweißten Buchexemplaren stand genau dort, wo sich früher die Kaffeemaschine der "taz" befand, durch die beinah unablässig der solidarische Nicaragua-Kaffee Marke "Sandino-Dröhnung" lief.

Austeilen, einstecken

Nicht genug damit: Als "Laudator" kam gestern Abend Michael Naumann in die alte "taz"-Kantine, in der nun das schicke Restaurant "Sale e Tabacchi" residiert. Dass Diekmann den derzeit beurlaubten Herausgeber der "Zeit", ehedem Kulturstaatsminister unter Kanzler Schröder, nun SPD-Spitzenkandidat für die Hamburger Bürgerschaftswahlen und bekennender "Bild"-Kritiker, zu seiner Buchvorstellung einlud, zeigt immerhin eine seltene Souveränität. "Ich teile aus, also muss ich auch einstecken können", sagte Diekmann SPIEGEL ONLINE.

Und wirklich, um es gleich zu sagen, der 65 Jahre alte Naumann zeigte kein bisschen Hamburger Höflichkeit oder vornehme Zurückhaltung kurz vorm opulenten "Toskana-Buffet" mit Risotto von Meeresfrüchten. Er trug einen fulminanten Verriss vor, der an manchen Stellen die kleine, aber edle Gästeschar zum kaum hörbaren Stöhnen brachte.

Aber der Historiker Michael Stürmer ließ sich vorderhand ebenso wenig anmerken wie Ex-Regierungssprecher Bela Anda, nur der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, grinste hier und da ganz still in sich hinein. Auch vor der Tür war niemand, der protestieren wollte, egal gegen wen oder was. Nur eine junge, schöne TV-Journalistin hatte sich dort postiert und harrte mit ihrem Team bis zum späten Abend in der Kälte aus. Hinein durfte sie nicht.

Störenfried Wagner

Der einzige Störer weit und breit war "Bild"-Kolumnist Franz-Josef Wagner, der nach einigen Minuten geschliffener Naumann’scher Prosa "Aufhören! Aufhören!" rief. Das war ihm alles viel zu lang und viel zu viel. Er zeigt ja jeden Tag in seiner "Post von Wagner", wie kurz man denken kann.

Der Autor Diekmann selbst begnügte sich mit wenigen Begrüßungsworten, bezeichnete die "taz" als "einzige ernstzunehmende Boulevardzeitung neben "Bild", und las dann sein Abschlusskapitel "Lob der Achtundsechziger" vor, selbstverständlich ein vergiftetes Geschoss. Politisch sei die Generation der 68er "komplett gescheitert, weit über ihre extremistischen Erscheinungen wie RAF, K-Gruppen oder SDS hinaus". Weder seien die Verhältnisse "zum Tanzen gebracht" noch die "antikapitalistische Sehnsucht" gestillt worden.

"Ästhetisch" war Achtundsechzig "ebenfalls kein Gewinn": "Bücherregale aus Apfelsinenkisten, Sitzsack und Wasserpfeife, dazu nackte Glühbirnen". Ebenso trostlos die Kleidung: "Poncho, Parka, Palästinenserschal, selten gepflegt (...) Kaum eine Generation war in ihrer demonstrativen Geringschätzung von Konventionen und Kleidung so auf Oberflächlichkeit fixiert wie jene, die mangelnde Hygiene als Ausdruck innerer Werte verstand." Schlimmer noch: "Die realsozialistische Trostlosigkeit, für die Achtundsechzig ästhetisch steht, verweist auf ein weiteres Feld des Versagens: das der Lebensfreude. Keine Generation war so muffig, verhockt, so fern jeden Humors und jeder Leichtigkeit (...) Nicht ohne Grund nahm Uschi Obermaier nach ihrer Kommunen-Erfahrung mit Rainer Langhans einen Zuhälter und Zecher zum Freund."

Dialektik der Abklärung

Politisch, ästhetisch und moralisch derart im Orkus der Geschichte, bleibt den 68ern nach Diekmann nur ein einziges Verdienst: Durch ihren Hang, auch das Private zum Politischen zu erklären, hätten sie die "Boulevardisierung der Politik" befördert und also den anhaltenden Erfolg der "Bild"-Zeitung. Wenn das keine historische Dialektik ist!

Michael Naumanns Replik war weniger dialektisch, dafür wie mit dem Rasiermesser gezogen. Im Milieu von Zechern und Zuhältern hätte sein Vortrag umgehend eine Wirtshausschlägerei ausgelöst. Hier aber ging es sportlich und gesittet zu. Eine "verblüffende Selbstenthüllung" nannte Naumann die Rede vom "großen Selbstbetrug". Offenbar sei die "heroische Wirkungsmacht" von 1968 so groß, dass konservative Kritiker, auch der mächtigste Medienmann des Landes, die Verteidigung ihrer Position nur in Form einer wilden "Attacke" zum Ausdruck bringen könnten.

Das Ergebnis sei aber weniger ein womöglich erneuerter, moderner und selbstbewusster Konservativismus, sondern eher ein "vergifteter Brei" diffuser "Feindbilder", darunter die typische "Intellektuellenfeindlichkeit", der "Verzicht auf Differenzierung" und eine "fatale Nähe zum Populismus", eine "perfide Rhetorik", die das stets im Mund geführte "Wir" gebrauche, wie es gerade passt.

"In welchem Land wohnt der Autor?", fragte Naumann, der es sich nicht nehmen ließ, darauf hinzuweisen, dass "Bild" seit acht Monaten seine Spitzenkandidatur für die Hamburger SPD praktisch verschweige, dafür aber in seiner Privatsphäre herumschnüffele. Den demokratischen Staat beschreibe – und verzerre somit – Diekmann als "kontinuierliches Missgeschick". Ob sich dahinter eine "heimliche Sehnsucht nach Führung, wenn nicht nach dem Führer" verberge?

Der Beifall hielt sich in Grenzen, manch einer der Herren im Anzug beschwerte sich über den Ton, aber im Handumdrehen stand man wieder friedlich beisammen am gut gedeckten Stehtisch.

Über allem schwebte lautlos die Erkenntnis, dass die Kritiker der Elche meistens selber welche sind und der Großangriff auf die deutsche Selbsthass- und Jammerkultur ein unverzichtbarer Teil derselben ist.

Am Ende der Einleitung bekennt Diekmann schuldbewusst: "Und auch ich bin, mag es auch viele verblüffen, oft selbst der 'Gutmensch', über den ich mich lustig mache." Eben. Und mal ehrlich: Was wären wir ohne die 68er?



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