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"Bild"-Chef Gottschalk: Alles Gute, Deutschland!

Von Daniel Haas

Thomas Gottschalk verlor eine Wette, Deutschland gewann einen Tag des Glücks. Heute macht der Moderator "Bild"-Schlagzeilen - und reißt uns aus Lethargie und Unmut.

In der Antike wurde der Überbringer schlechter Nachrichten ermordet. So gesehen müsste die Redaktion der "Bild"-Zeitung aus Leichen bestehen. Bei Deutschlands größter Tageszeitung weiß man aber, dass das Schlechte nicht immer die beste Lösung ist, um Umsatz zu machen. Deshalb hat Thomas Gottschalk, Europas größter Moderator, für einen Tag den Chefsessel übernommen. Motto des Entertainers: Bei mir gibt's nur gute Nachrichten.

"Bild"-Titel: D'Artagnan des Glücks

"Bild"-Titel: D'Artagnan des Glücks

Die drei wichtigsten kommen gleich auf Seite 1, und weil Gottschalk ein Kulturträger ersten Ranges ist, hat er die Glücksbotschaften der künstlerischen Sphäre entnommen, sieht man von der Meldung zur sinkenden Arbeitslosigkeit einmal ab. Gleichrangig neben dem "goldenen Herbst am Arbeitsmarkt" (was klingt wie Buerlecithin für die Hartz-IV-Gesellschaft) rettet Stefanie Hertel ein weißes Reh, und Männer über 50 schwelgen im Liebesglück.

Das weiße Reh ist der Bruno des Frühwinters, und Stefanie Hertel ist die Mutter Theresa der Volksmusik. Zusammen ergeben sie das Dreamteam der Nächstenliebe, die sich in Deutschland, dem Land der Kinder-in-Kühltruhen-Stopfer, auf Vierbeiner konzentriert. Hertel will für das Albino-Reh singen, wobei fraglich ist, ob das degenerierte Tier überhaupt einen Gehörgang hat. Vielleicht springt ihr Ehemann Stefan Mross mit der Trompete bei, dann hören nicht nur die Rehe, sondern auch Leute wie der Gastronom Carl Hanta auf - und zwar mit der Verzeichnung von seltenem Wild auf Speisekarten. In einer Non-Gottschalk-Ausgabe wäre nicht Hertel, sondern Hanta in den Vordergrund gerückt: "Hantas Horror-Halali".

Ralph Siegels Liebesglück ist der zweite Beweis für Deutschlands Erstarkung in Zeiten demografischen, wirtschaftlichen und kulturellen Niedergangs. Wenn ein 61-Jähriger sich zu einer 33-Jährigen bekennt, dann verliert das Methusalem-Komplott seine bedrohlichen Aspekte. Der gesellschaftliche Graben, der die Generationen trennte: Die Alternden überbrücken ihn mit Agilität, Aufgeschlossenheit und einem Faible für straffe Epidermis. "Mit ihr will ich alt werden", sagt der Schlagerkönig in "Bild". Sie sind doch schon alt, hätte man früher gerufen. Heute freut man sich mit Franz Josef Wagner, der im Brief an Siegel weiß: "Die Liebe ist das Medikament gegen den Tod."

In diesem Sinne unsterblich sind auch die Zeilen, die Interims-Chefredakteur Gottschalk für den Seite-1-Nackedei dichtete. Claudia, 24, ist so arm, dass sie sich noch nicht einmal einen Nachnamen leisten kann. Zum Glück gab's einen reichen Banker, für den öffentliche Brustentblößung und bürgerliche Lebensführung keinen Widerspruch bedeuten. Im Gegenteil: "Als er sie traf, war sie bekleidet/ Auch das hat sie ihm nicht verleidet" (Gottschalk). Das ist genau die Zuversicht, die Deutschland braucht: dass im Dekolleté auch die Brüste drinstecken, die man in "Bild" zuvor gesehen hat.

Die nackten Tatsachen des Elends gibt es morgen wieder, heute genießen wir das rare Leben im falschen als Potpourri des Glücks. Gottschalk, mit Oberlippen- und Kinnbart ein D'Artagnan des Optimismus, lächelt uns vom "Bild"-Titel zu. Was sagt man dazu? Guten Tag!


Gottschalks Meisterwerke
Die Top-Meldungen des Moderators in "Bild":

Thema Armut: "Immer weniger arbeitslos"

Thema Special-Interest-Tiere: "Stefanie Hertel rettet weißes Reh"

Thema Altern mit Fun: "Männer über 50 im Liebesglück"

Thema Nackt und dennoch gut betucht:
"Der Direktor einer Bank/ hängte sich ihr Bild in'n Schrank/ Als er sie traf/ war sie bekleidet/ auch das hat sie/ ihm nicht verleidet."

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