"Bild" für Bush Versuchsballon für Bundestagswahl?

Die "Bild"-Zeitung trommelt für George W. Bush: Der Republikaner soll die nächsten vier Jahre im Amt bleiben, heißt es in einer heute veröffentlichten Wahlempfehlung. Deutsche Medienexperten finden die Parteinahme amüsant - oder bedenklich.


US-Präsident Bush: Mehr Bums als Kerry?
AFP

US-Präsident Bush: Mehr Bums als Kerry?

Hamburg - Die "Bild"-Zeitung hat nach eigenen Angaben als erste europäische Zeitung eine Empfehlung für die am 2. November stattfindende Präsidentenwahl in den USA ausgesprochen. Unter dem Titel "Warum Bush der bessere Präsident ist" veröffentlichte das Blatt einen Zehn-Punkte-Katalog, der die Vorzüge des amtierenden US-Regierungschefs darlegen soll.

Lob der militärischen Stärke

"Bei Bush wissen wir, was wir zu erwarten haben. Bei John Kerry weiß dagegen niemand, wofür er steht und wohin er Amerika und die Welt führen will", schreibt Hugo Müller-Vogg, früherer Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Prioritäten des amtierenden US-Präsidenten seien eindeutig, er sehe den menschenverachtenden islamistischen Fundamentalismus, die mordwütigen Mullahs als die größte Gefahr für die westliche Welt an. Gegen sie helfe nur militärische Stärke.

Es habe mit Ronald Reagan "schon einmal einen US-Präsidenten gegeben, den die meisten Deutschen für einen tumben Toren hielten", so Müller-Vogg weiter. "Ihm verdanken wir das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung. Gut möglich, dass wir eines Tages auch George W. Bush dankbar sein werden. "

Der Deutsche Journalistenverband hat sich heute gegen die Wahlempfehlungen des deutschen Massenblatts ausgesprochen. Verbands-Pressesprecher Hendrik Zörner mahnte an, dass Journalisten "überparteilich" sein sollten. Dies gelte auch für die "Bild"-Zeitung. Gegenüber SPIEGEL ONLINE gab Zörner außerdem zu bedenken, dass in Deutschland 200.000 wahlberechtigte US-Amerikaner leben. Die Vorgehensweise der "Bild" könnte unter Umständen zu einer "Beeinflussung" des Wahlverhaltens führen.

Siegfried Weischenberg, Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg, ist vom Engagement der "Bild"-Zeitung" hingegen amüsiert. An eine Beeinflussung der Wähler könne man nicht ernsthaft glauben, das Statement sei vielmehr als "Versuchsballon" für die kommende Bundestagswahl zu werten. "Es ist durchaus vorstellbar, dass in zwei Jahren auch andere Printmedien Wahlempfehlungen aussprechen werden", erklärte der Medienexperte gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Amerikanisches Einmischungs-Modell

Bereits bei der vorigen Bundestagswahl hatte eine Wahlempfehlung für Aufsehen in Deutschland gesorgt: Die "Financial Times Deutschland" riet im Jahre 2002 dazu, Edmund Stoiber (CSU) zum Kanzler zu wählen.

In den USA sind Wahlempfehlungen von Medien gang und gäbe. Erst kürzlich sprach sie die "Washington Post" für John Kerry aus, wie die "New York Times" schon vor Wochen. Nach einer Zählung des Branchenmagazins "Editor & Publisher" plädierten bislang 125 Zeitungen ausdrücklich für Kerry. Nur 96 empfahlen ihren Lesern, für Amtsinhaber Bush zu stimmen.

Bei der letzten Wahl vor vier Jahren hatten sich nach Zählung der George Washington University noch 175 Zeitungen für Bush ausgesprochen, 35 davon wechselten jetzt aber ins demokratische Lager über, mehrere andere geben in diesem Jahr gar keine Wahlempfehlung ab.

So erklärte die traditionell konservative "Detroit News" in ihrer Sonntagsausgabe, da Bush seine Wahlversprechen einer konservativen Haushaltsführung und einer zurückhaltenden Auslandspolitik nicht erfüllt habe, fühle sich die Redaktion gezwungen, auf eine Empfehlung zu verzichten. Das hatte die im US-Staat Michigan erscheinende Zeitung seit dem Ende der Präsidentschaft von Franklin Delano Roosevelt 1945 nicht mehr getan.

Auch die "Tampa Tribune" aus Florida brach in der vergangenen Woche mit einer langjährigen Tradition. Obwohl man sich nie habe vorstellen können, dass man Bush nicht unterstützen werde, sehe man sich jetzt nicht dazu in der Lage, teilte das Blatt seinen Lesern mit. Begründet wurde dies unter anderem mit der "falschen Handhabung" des Irak-Kriegs und dem Rekorddefizit im US-Haushalt.

Daniel Haas



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