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"Bild"-Zeitung: Ab heute die nackte Wahrheit

Von Jenny Hoch

Kulturrevolution bei "Bild": Das Blatt will von heute an Korrekturen in einer gesonderten Spalte veröffentlichen. Auslöser war ein Irrtum bei der Nennung des Arbeitgebers des Seite-1-Girls.

Hamburg - Da reibt man sich überrascht die Augen: Die "Bild"-Zeitung will ab sofort zu ihren Fehlern stehen. In einer gesonderten Korrekturspalte auf Seite zwei sollen Irrtümer in der Berichterstattung aufgelistet und korrigiert werden. Das war am Donnerstag auf Seite eins zu lesen und wird in einer Pressemitteilung des Axel-Springer-Verlages bestätigt. "'Bild' ist eine große und schnelle Zeitung, die auf ein Netzwerk von rund tausend Journalisten zurückgreift. Und wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler", sagte Chefredakteur Kai Diekmann. In der Korrekturspalte sollten sie schnell und unkompliziert berichtigt werden.

Aktmodell Kempter: Ein Fall für die Korrekturspalte

Aktmodell Kempter: Ein Fall für die Korrekturspalte

Die "Bild"-Zeitung hatte bereits in den neunziger Jahren unter Chefredakteur Udo Röbel eine Korrekturspalte eingeführt, die später allerdings wieder aus dem Blatt genommen wurde. Das Thema war wohl nicht vom Tisch. Im SPIEGEL-Streitgespräch mit Günter Grass vom 19. Juni hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner dazu gesagt: "Wenn falsch berichtet worden ist, muss korrigiert werden. Und zwar nicht nur durch eine Gegendarstellung, sondern auch durch einen redaktionellen Widerruf." Er halte die amerikanische Einrichtung der Korrekturspalte am festen Ort für "ausgesprochen sinnvoll".

Einen aktuellen Irrtum nahmen die Zeitungsmacher zum Anlass, ihren Lesern mitzuteilen, dass man künftig anders mit Fehlern umgehen wolle: In der Mittwochs-Ausgabe zierte ein Aktfoto der Wetter-Moderatorin Andrea Kempter den Titel. Im Text wurde die als "rassige Schönheit" beschriebene Dame als Sat.1-Wetterfee bezeichnet. Tatsächlich ist sie jedoch - wie heute neben einem weiteren Nacktbild zu lesen war - nicht bei Sat.1 tätig, sondern Wetter-Ansagerin des Nachrichtensenders N24. "Schade! Die wahre Sat.1-Wetterfee zieht sich nicht aus", textet "Bild" dazu. Fälschlicherweise habe das Männermagazin "Playboy", aus dessen aktueller Ausgabe die Fotos von Andrea Kempter stammen, als Arbeitgeber der Moderatorin neben N24 auch Sat.1 genannt.

Interessantes Detail: Mit keinem Wort wird erwähnt, dass auch "Bild" behauptet hatte, Andrea Kempter sei bei Sat.1, und damit die Meldung ungeprüft übernommen hatte. Für die neue Korrekturspalte würde man sich etwas mehr Präzision wünschen.

Kempters Arbeitgeber: Falsch im "Playboy", falsch in der "Bild"

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Der Betreiber des "Bildblogs", Stefan Niggemeier, ist jedenfalls skeptisch: "Es spricht nichts dafür, dass 'Bild' Einsicht zeigt, ihre Leser in Zukunft wahrheitsgemäß zu informieren", sagt der Journalist. Die unter anderem von ihm betriebene Website hat es sich zur Aufgabe gemacht, kritische Berichte über das Blatt zusammenzutragen und etwaige Fehler in der Berichterstattung aufzudecken. In der Vergangenheit reichte Niggemeier beim Presserat mehrere Beschwerden gegen "Bild" ein.

"Bild"-Sprecher Tobias Fröhlich verteidigt das Vorhaben: "So eine Korrekturspalte vereinfacht den Umgang mit Fehlern." Auf die Frage, ob die Neuerung auf einen größeren öffentlichen Druck, den zum Beispiel Internet-Blogs erzeugen, zurückzuführen sei, sagte er: "In der Online-Community ist es im Moment schick, Fehler bei 'Bild' zu suchen, doch wir korrigieren uns für unsere Leser und nicht für gewisse Gruppen."

Mit einer täglichen Auflage von rund 3,8 Millionen Exemplaren und über elf Millionen Lesern ist die "Bild"-Zeitung Europas größte Tageszeitung.

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