Bilder von Haiti: "Die Menschen geben nicht auf"

Armut, Elend, Lebensmut: Mit dem Motiv eines kleinen Mädchens hat Alice Smeets die Tragödie Haitis in ein Bild gefasst. Seen.by sprach mit der preisgekrönten Fotografin über Engagement, Kindersklaven und das Glück im Leid.

Fotografin Smeets: "Ich gebe nicht auf" Fotos
Alice Smeets

Frage: Was hat Sie dazu bewogen, eine Stiftung ins Leben zu rufen?

Smeets: Ich engagiere mich schon länger in Haiti und wollte einfach dazu beitragen, den Menschen, vor allem den Kindern, zu helfen. Die Stiftung Viv Timoun ("Lebe, kleiner Mensch") beteiligt sich am Aufbau eines Waisenhauses.

Frage: Welche Rolle spielt Ihre fotografische Arbeit dabei?

Smeets: In einer Spendenaktion, die drei Monate laufen wird, verkaufe ich übers Internet eine begrenzte Anzahl meiner Fotografien als Fine Art Prints, der Erlös geht komplett nach Haiti. Ich verstehe mich ja nicht nur als Fotografin. Ich unterstütze in Haiti Familien und vermittle ihnen Patenschaften, sammle Spenden ein, die ihnen helfen sollen, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich denke, es ist mit Fotos nicht getan. Ich möchte selber sehen, dass die Hilfe ankommt.

Frage: Wie sind Sie auf Haiti gekommen?

Smeets: Das war meine erste Reise in ein Entwicklungsland. Ich hatte es mir ausgesucht, weil man so wenig darüber hört. Die Geschichte des Landes ist sehr interessant. Haiti war früher eine der reichsten Kolonien überhaupt und ist heute eines der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre. Ich wollte wissen, warum das so ist.

Frage: Was ist Ihr Anliegen?

Smeets: Ich will Haiti sowohl von seinen guten als auch von seinen schlechten Seiten zeigen. Da ist zum Beispiel das enorme Problem der Kindersklaven, die schon mit vier Jahren als Hausangestellte gehalten werden. Sie bekommen dafür einen Schlafplatz auf dem Boden und die Essensreste der Familie. Ein anderes Projekt war eine Dokumentation über eine Nachbarinsel Haitis, Ile de la Gonave. Selbst die Haitianer wissen nur wenig über sie.

Frage: Wer hält sich denn Kindersklaven? Wohlhabende Familien?

Smeets: Nein, das sind selbst arme Familien. Die wohlhabenden nehmen meistens keine Kinder, sondern richtige Hausangestellte, die sie bezahlen. Diese Kinder werden von ihren Eltern vom Land in die Stadt geschickt, damit sie dort eine Schulausbildung bekommen. Das passiert dann aber nicht mehr, wenn sie in solche Familien geraten. Oder es handelt sich um Waisen, das sind dann fast nur Mädchen.

Frage: 2008 Jahr wurde eines Ihrer Fotos von der Unesco als Bild des Jahres prämiert. War das Mädchen darauf auch in solch einer Situation?

Smeets: Nein, dieses Mädchen - es heißt Landa - lebt bei seiner Familie und hat fünf Geschwister.

Frage: Wie haben Sie Landa kennengelernt?

Smeets: Das war an einem Nachmittag in Cité Soleil. Ich lief durch die Straßen und wurde von Kindern belagert. Ich machte Porträtfotos von ihnen, auch von ihr. In dem Moment, als Landa dann zu ihren Freunden zurückgegangen ist, habe ich gesehen, dass diese Szene viel besser war, und habe das Bild festgehalten. Also das Foto nach dem eigentlichen Foto. Ich kannte sie damals gar nicht. Nachdem ich den Preis bekommen habe, habe ich sie gesucht und auch die Familie kennengelernt.

Frage: Was ist aus ihr geworden?

Smeets: Ich habe Spenden gesammelt, damit die Familie aus Cité Soleil wegziehen konnte. Sie wohnt jetzt in einem schöneren Viertel, und jedes der Kinder hat einen Paten, der die Schule bezahlt. Für die Mutter haben wir einen Marktstand eröffnet und ein Motorradtaxi für den Vater besorgt.

Frage: Wie haben Sie Haiti vor dem Erdbeben erlebt?

Smeets: Ich habe viele schöne Momente gehabt. Die Leute haben sehr viel Kraft und Stolz. Sie sind immer sauber und wunderschön angezogen. Die Musik ist schön. Wenn sie zur Kirche gehen, ist das wie ein Fest, sie singen und tanzen. Durch das Erdbeben ist das weniger geworden, weil die Menschen damit beschäftigt sind, Essen aufzutreiben. Sie hungern, haben oft kein Zuhause mehr. Trotzdem geben sie nicht auf.

Frage: Wann haben Sie von dem Erdbeben gehört?

Smeets: Ich war auf dem Weg nach Haiti und befand mich gerade in New York. Ich war erschrocken, weil ich nicht wusste, ob meine Freunde noch lebten. Ich konnte sie nicht anrufen, weil das Handynetz zusammengebrochen war und wollte deshalb nur noch so schnell wie möglich hin. Zum Glück ist ihnen nichts passiert.

Frage: Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Smeets: Nach meinem Abitur bin ich zuerst nach Neuseeland gegangen und habe danach in Belgien angefangen, Fotografie zu studieren. Eigentlich wollte ich Porträtfotografin werden, habe dann aber gemerkt, dass mich die Dokumentarfotografie mehr interessiert. Nach einem Jahr habe ich das Studium abgebrochen, um dem bekannten Magnum-Fotografen Philip Jones Griffiths zu assistieren.

Frage: Haben Sie noch andere Vorbilder?

Smeets: Ja, den Iren Marcus Bleasdale, der viel im Kongo fotografiert hat, den Italiener Francesco Zizola, die Amerikanerin Stephanie Sinclair. Alles Fotografen aus der Dokumentarfotografie oder dem Fotojournalismus.

Frage: Gibt es Themen, die Ihnen besonders wichtig sind?

Smeets: Mir sind Themen wichtig, für die sich andere nicht so häufig interessieren. Dazu gehört Haiti. Vor dem Erdbeben waren fast keine Fotografen dort, zumindest niemand, der sich ernsthaft damit auseinandergesetzt hat.

Frage: Wie gehen Sie persönlich mit der Katastrophe um?

Smeets: Das ist schwer in Worte zu fassen. Es war einfach schrecklich. Aber ich habe versucht, nach positiven Momenten zu suchen, die es immer noch gibt in dem ganzen Leid. Die Menschen haben schon so viel durchgemacht, aber sie geben einfach nicht auf. Das versuche ich auch.

Das Interview führte Anna Wander, seen.by


Die Spendenaktion läuft über: http://artco-ac.de/index.php

Alice Smeets Blog: http://blog.alicesmeets.com

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