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15. Februar 2011, 08:33 Uhr

"Bildroman"-Ausstellung

Wenn Gier von der Leinwand tropft

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Nilpferde, Schildkröten, Bären: 63 Künstler haben mit vielen Tiermotiven Szenen des Buchs "Le Capitaine Pamphile" von Alexandre Dumas in Bilder umgesetzt. Die Geschichte eines brutal egoistischen Piraten ist in der Hamburger Sammlung Falckenberg zu sehen.

Zuerst gab es die Idee der beiden Maler und Kuratoren Marcus Weber und Gunter Reski, nach einem Jahrzehnt der Debatten über figurative Malerei und den unzähligen damit verbundenen Malerei-Gruppenschauen noch eins draufzusetzten. "Wir wollten die Narrationsschraube überdrehen und die narrative Malerei auch noch in ein narratives Ausstellungskorsett einbinden."

Damals, es war 2008, ging der Malerei-Boom gerade zu Ende. Der hatte zu wahnwitzigen Preisen geführt, Sammler in Scharen nach Leipzig reisen lassen, die Wörter "Warteliste" in den Galeristensprachgebrauch und "Malerstar" bei Journalisten eingeführt und manchen vorgeblichen Sammler als unseriösen Kunstdealer entlarvt, der kaum getrockenete Bilder kaufte und sofort in Auktionen einlieferte, um sich am Wiederverkauf schamlos zu bereichern.

In dieser Zeit also fiel Weber und Reski das aberwitzige Buch "Kapitän Pamphile" in die Hände, das erst ein Jahr vorher ins Deutsche übersetzt worden war. Alexandre Dumas' Frühwerk von 1839 erschien den beiden Kuratoren wie ein Kommentar zum aktuellen Zeit- und Kunstgeschehen. Denn Dumas beschreibt darin sarkastisch die rücksichtslosen Spekulationen, die großen Geschäfte zu Land und zu Wasser des Piratenkapitäns Pamphile, der jede Situation zu seinem Vorteil nutzt, der alles und jeden ausbeutet und weder bei Tier noch Mensch vor Gewalt zurückschreckt.

Dumas' Roman ist voller Anspielungen auf seine Zeitgenossen und Vertreter des Raubtier-Kapitalismus, und er schildert seinen Helden als den "größten Jäger vor dem Herrn", der zum Beispiel Tiere sammelt, allein aus ökonomischem Kalkül - so wie andere heute die Kunst. Pamphile sei ein "Nimmersatt", schreibt der Sammler Harald Falckenberg im Vorwort des Kataloges, "im Sinne heutiger Kunst" sei er jemand, "der sich bedingungslos den Vorgaben des Geschmacks unterwirft".

Aus den Szenen ist ein "Bildroman" geworden

Da war er, der Stoff für eine narrative Malerei-Gruppenausstellung. Die beiden Kuratoren übertrugen den Roman in fünf Haupterzählungen und schickten einzelne Szenen ihren Künstlerkollegen zu, die die Texte interpretieren und in das Medium Zeichnung oder Malerei transportieren sollten. Vorgehensweisen waren nicht vorgeschrieben, alles war möglich, egal ob Künstler sich eng an den Text anlehnen oder ihn naiv, ironisch oder zynisch interpretieren wollten.

Die erste Station der Schau war in Berlin im Projektraum "Jet" zu sehen, 35 Künstler, meist aus dem Bekanntenkreis der Kuratoren, nahmen teil. Ein Jahr später zeigte die Städtische Galerie in Waldkraiburg die auf rund 50 Künstler erweiterte Schau, und jetzt in Hamburg sind bereits 63 Künstler mit mehr als hundert Arbeiten beteiligt. Möglichst heterogen sollte der Kreis der Eingeladenen sein, so sind inzwischen auch den Kuratoren vorher persönlich nicht bekannte Kollegen dazugekommen.

Aus den vorgegebenen Szenen ist eine Art "Bildroman" geworden, der trotz aller Unterschiedlichkeit das Werk von Dumas erkennen lässt. Die Bilder sind in der Chronologie der Erzählung gehängt, so hält die Geschichte zusammen. Außerdem steht der dazugehörende Text an der Wand. Es gibt viele unterschiedlicher Stile, Handschriften, Malweisen, Erzähltechniken und Bildtypen - manches ist ausgesprochen malerisch, anderes illustrativ, was eigentlich in Malerkreisen nicht gut angesehen ist. Aber im Dialog mit anderen Bildern und mit den Texten bekommt sogar die Illustration einen anderen Stellenwert.

Manche Szenen sind von mehreren Künstlern gewählt worden, manche Künstler haben mehrere Texte bearbeitet, wie Peter Boehnisch, der das Thema "Schildkrötensuppe" in einem großen Pastell und einer kleinen Bleistiftzeichnung zeigt. Oft sind die Bilder zum selben Thema völlig unterschiedlich. Zu "Menschlichkeit" malt Ariane Müller einen gut gekleideten Mann, der sich die Pistole an die Schläfe hält, während Amy Sillman ihr Schriftbild "The Cast of Characters in Captain Pamphile" nennt. Wunderbar ist das Ölbild von Marcus Weber zum Text über die Belastbarkeit einer Schildkröte: Auf deren Panzer balanciert ein kurioser, mit großen Gewichten behangener Mann.

Viele Tiere vom Nilpferd bis zum Bären gibt es in der Erzählung: Hans Jörg Mayer lässt den talentierten Kakadu des Kapitäns stolz auf der Schulter seines rotnasigen Besitzers hocken, Peter Herrmann malt einen Affen gleich zwei Mal, beim Fangen und beim Morden des Vogels, auf Martin Skauens Zeichnungen rupft ihn der Affe schon, und Christine Monhardt malt einfach "Affe und Kakadu".

Viel Stoff zum Nachdenken bieten die Werke, und ganz nebenbei solle das Projekt auch noch ein Gegengewicht zur Kunstmacht mit ihren arrivierten Größen bilden, schreibt der Sammler Falckenberg. Darüber hinaus ist es eine Schau mit wunderbaren Bildern, die zeigen, was Malerei alles kann, unangestrengt, ernsthaft und manchmal urkomisch.


Captain Pamphile. Ein Bildroman in Stücken - Nach einem Roman von Alexandre Dumas. 18.2.-12.4., Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg, Wilstorfer Straße 71, Tor 2.

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