Biografie über François Genoud Ein freischaffender Nazi

Von Hitler bis zum Terroristen Carlos: Der Bankier François Genoud bewunderte Nazis und unterstützte Antisemiten aller Art. Jetzt veröffentlicht der Journalist Willi Winkler eine Biografie des "Schattenmanns" - der sei "so dicht von Legenden umwuchert, dass ihn niemand kennt".

DPA

Von


Manchen ereilt sein Schicksal früh. François Genoud war 17 Jahre alt, als er im Oktober 1932 im Godesberger Rheinhotel Dreesen einem bekannten Politiker vorgestellt wurde - Adolf Hitler. "Eure Generation wird Europa erbauen", soll der spätere Reichskanzler und "Führer" zu dem jungen Schweizer gesagt haben. "Die Wahrheit ist", bekannte dieser später einer englischen Journalistin, "ich liebte Hitler."

Der 1915 in Lausanne als Sohn eines Tapetenfabrikanten geborene Genoud sicherte sich nach dem Krieg die Urheberrechte für die Werke von Martin Bormann und Joseph Goebbels. Über Jahrzehnte propagierte er Nazi-Gedankengut und verdiente bestens dabei. Gleichzeitig bewegte er sich im Geflecht der Geheimdienste des Kalten Krieges wie ein Fisch im Wasser.

Sein Antisemitismus führte ihn zunächst zum Mufti nach Jerusalem, dann zu den algerischen Freiheitskämpfern, schließlich zu dem palästinensischen Terror-Paten Wadi Haddad und dessen ruchlosem Mitstreiter Carlos: Ein Leben in den radikalen Ideologien und der Gewalt des 20. Jahrhunderts; ein Leben, das der Autor Willi Winkler nun nach jahrelangen Recherchen rekonstruiert hat.

"Der Schattenmann" heißt Winklers Mitte Januar erscheinendes Buch. Darin nennt der Hamburger Journalist seinen Protagonisten einen "freischaffenden Nazi" und charakterisiert ihn als einen Mann, "der so dicht von Legenden umwuchert ist, dass ihn niemand kennt."

Geld für Eichmanns Verteidigung

Nach Lehrjahren als Kaufmann in Bonn und London reiste Genoud mit einem Freund in den Orient, nach Palästina, und lernte den Mufti von Jerusalem kennen und schätzen, einen wüst antisemitischen Palästinenserführer und Schützling Hitlers, dem er über Jahrzehnte verbunden blieb. Zurück in der Schweiz freundete er sich mit einem Deutschen namens Paul Dickopf an, einem SS-Untersturmführer, der für die deutsche Abwehr spionierte.

Schon bei den Nürnberger Prozessen unterstützte Genoud die Familien von Nazi-Verbrechern, bald half er NS-Tätern bei der Flucht über Italien nach Südamerika. Als der Mossad den Daimler-Benz-Angestellten Ricardo Klement alias Adolf Eichmann kidnappte und der SS-Organisator der "Endlösung der Judenfrage" in Israel vor Gericht gestellt wurde, besorgte Genoud Geld für die Verteidigung. Er tat das zusammen mit Hans Rechenberg, einem einstigen Berater von Hermann Göring und Pressereferenten des NS-Wirtschaftsministers Walther Funk, der mittlerweile für den BND arbeitete.

Genouds SS-Freund aus Kriegszeiten, Paul Dickopf, der beim Bundeskriminalamt Karriere machte, diente mittlerweile unter dem Decknamen "Caravel" der CIA als Informant. Genoud selbst hielt den Schweizer Geheimdienst und den ägyptischen auf dem Laufenden. Jeder berichtete über jeden.

So wussten CIA und BND wohl darüber Bescheid, dass Genoud sich um die Urheberrechte von Joseph Goebbels bemühte. Von einer Schwester des Propagandaministers und weiteren seiner Verwandten ließ er sich die Urheberrechte gegen 50 Prozent aller Einnahmen abtreten. Eine Quelle aus der bei jedem neuen Fund von Teilen der Goebbels-Tagebücher auf ein Neues Honorare sprudelten - und das auch noch bis zum Jahr 2015 tun werden.

Im Antisemitismus vereint

Da die Tätigkeit als Literaturagent Genoud nicht ausfüllte, gründete er 1957 mit einem Syrer, beraten von Hitlers einstigem Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, in Genf die Banque Commerciale Arabe. Diese Bank finanzierte nicht zuletzt Waffenkäufe der algerischen Front de Libération National (FLN), die gegen die französischen Kolonialherren kämpfte und sie im März 1962 zu einem Waffenstillstand und zum Abzug zwang. Genoud reiste in das befreite Land, an der Hand die elfjährige Tochter eines Führers der Befreiungsbewegung, die er aufgenommen hatte, weil ihr Vater im Gefängnis darbte.

Genouds Freund Hans Rechenberg, der Alt und Neo-Nazi, avancierte zum Wirtschaftsberater in Algerien. Den BND-Informanten entsandte das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, dem der FDP-Politiker Walter Scheel vorstand.

Paul Dickopf, Ex-SS-Untersturmführer und Freund Genouds aus Kriegszeiten, stieg im Januar 1965 zum Präsidenten des Bundskriminalamtes auf. Als er nach seiner Pensionierung zum Chef von Interpol gewählt wurde, hatte Genoud die Stimmen der Araber für ihn organisiert.

Im Antisemitismus vereint, wandte sich Genoud Ende der sechziger Jahre dem radikalsten Feind Israels unter den Palästinensern zu, dem Arzt Wadi Haddad, der mit seiner Familie aus Palästina vertrieben worden war und nun die Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP) anführte. Die PFLP entführte im September 1970 fast zeitgleich drei Passagiermaschinen westlicher Fluggesellschaften und jagte die leeren Jets in Jordanien in die Luft. Solche spektakulären Aktionen gefielen dem Schweizer Dunkelmann.

Bei der Entführung der Lufthansa-Maschine "Baden-Württemberg" auf dem Flug von Tokio nach Frankfurt durch ein PFLP-Kommando im Februar 1972 liefert Genoud den Erpresserbrief höchstpersönlich im Kölner Postamt ein: Fünf Millionen Dollar, lautet die Forderung, 16 Millionen Mark. Die Lufthansa zahlte, die Hijacker gaben die nach Aden im Südjemen entführte Maschine, die Besatzung und die Passagiere frei.

Der PFLP-Chef Wadi Haddad wurde von einem Mossad-Agenten vergiftet und starb 1978 in Ost-Berlin. Fortan unterstützte Genoud Haddads skrupellosesten Kämpfer Carlos. Woran lag es, dass um Genoud herum die Freunde und Geschäftspartner reihenweise im Gefängnis landeten oder ermordet wurden, ihm aber nie etwas passierte? Als Informant des Schweizer Geheimdienstes genoss er Schutz in seiner Heimat. Er sei eben ein "unauffälliger Typ", sagte er einmal selbst. In jedem Fall hatte er tadellose Manieren und war stets ausnehmend freundlich. Penibel achtete er auch darauf, niemals gegen die Schweizer Gesetze zu verstoßen.

Winkler beschreibt seinen Protagonisten mit dem sprachlichen Vermögen eines Feuilletonisten, mit der Exaktheit eines Historikers und dem sanften Sarkasmus eines mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts Vertrauten. Zugleich erhellt er unbekannte Zusammenhänge, die bisher im Dämmerlicht des Extremismus ruhten.

François Genaud versammelte im Frühjahr 1996 - er war 81 Jahre alt und krank - seine engsten Freunde um sich und folgte dem Beispiel von Nazi-Größen wie Heinrich Himmler oder Herrmann Göring: Der ewige Schattenmann trank ein tödliches Gift.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.