Black History Month "Nicht alle Deutschen sind weiß"

Afrodeutsche wie die Radio-Fritz-Moderatorin Noah Sow feiern dieser Tage "Black History Month" - einen Monat schwarzer deutscher Kultur.

Von Ulrike Krahnert


"Ich bin in einem bayerischen Dorf aufgewachsen und war das einzige schwarze Kind weit und breit", erzählt Noah Sow, 32, Musikerin, Autorin und Moderatorin bei Radio Fritz. Als sie als Teenager das erste Mal bei einer HipHop-Veranstaltung auf ein paar hundert farbige Deutsche traf, habe sie sich "halbtot gefreut". "Hier seid ihr alle! Ich bin ja gar nicht allein!"

Moderatorin Sow: "Ich bin ja gar nicht allein"
Dirk Eusterbrock

Moderatorin Sow: "Ich bin ja gar nicht allein"

So engagiert sich Sow, die auch Vorsitzende der Organisation "Der Braune Mob e.V." ist, die Rassismus in deutschen Medien anprangert, beim diesjährigen "Black History Month", der im Februar und März in verschiedenen deutschen Städten gefeiert wird.

In den USA wird der Black History Month seit 1976 alljährlich landesweit begangen; vier Wochen lang steht dann das schwarze Amerika in US-Schulen, Universitäten, Gemeindehäusern, kulturellen Einrichtungen und Medien im Mittelpunkt. Afroamerikanische Geschichte, wissenschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Errungenschaften und Beiträge werden auf Kultur- und Gedenkveranstaltungen beleuchtet und diskutiert. Die öffentliche Würdigung afroamerikanischer Kultur, schwarzer Leistungsträger, der Abbau von Vorurteilen seitens der nicht-schwarzen Bevölkerung und Förderung einer positiven, selbstbewussten Identität afroamerikanischer Bürger sind die Ziele.

Seit 1990 gibt es den Black History Month auch in Deutschland; eingeführt hat ihn seinerzeit die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (ISD). Die Lage farbiger Deutscher ist zwar in vielerlei Hinsicht anders als die der Afroamerikaner - das Bedürfnis nach einem selbstbewussteren Bekenntnis zur eigenen Identität und einem stärkeren Gemeinschaftsgefühl sei jedoch ähnlich, findet Sow. Trotz existierender bundesweiter Netzwerke wie dem ISD sei man davon noch weit entfernt.

Vorurteile spielen die Hauptrolle

Afrodeutschen mangelt es an einer homogenen nationalen Geschichte und gemeinsamen kulturellen und ethnischen Hintergründen. "Das einzige, was wir hierzulande teilen, ist ein ähnliches äußeres Erscheinungsbild und dadurch bedingt eine Reihe von - diplomatisch gesagt -interessanten Erfahrungen mit der weißen Mehrheitsgesellschaft", so Sow. Auch wenn man als Afrodeutscher hier geboren wurde, aufgewachsen und kulturell verankert sei, werde man oftmals als als Fremder behandelt. "Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass nicht alle Deutschen weiß sind", sagt Sow.

Die Geschichte der nichtweißen Deutschen beschäftigt zwar seit Mitte der achtziger Jahre auch Wissenschaftler, die Memoiren des Hamburger Deutschafrikaners Hans-Jürgen Massaquoi über seine Jugend in der Nazi-Zeit ("Neger, Neger, Schornsteinfeger") wurde sogar zum Bestseller. Doch wirklich erreicht hat die Problematik der afrodeutschen Minderheit eine breitere Öffentlichkeit oder gar die Schulen nicht.

Auch die Medien sorgen dafür, dass bestimmte Rollenklischees in Takt bleiben. Als Musikerin suchte Sow jahrelang eine Plattenfirma, die sie in ihrem Genre - Punkrock und Pop - fördern würde. Doch die meisten wollten ihr eine stereotype Rolle als HipHop-, Reggae-, oder Soulmusikerin aufdrängen. Ähnlich engstirnig verfahren deutsche Werbe-, Film- und Fernseh-Produktionen: Schwarze Schauspieler treten oft zur bloßen Dekoration, als Exotik- oder Angstfiguren in Erscheinung.

Palette schwarzer Kulturen

Der Rapper und Schauspieler Tyron Ricketts etwa, der bei der ARD-Produktion Soko-Leipzig eine Hauptrolle als Kommissar spielt, sei eine seltene Ausnahme, hat Sow beobachtet. So gut wie nie würden Schwarze als Banker, Rechtsanwälte oder Ärzte besetzt - schon eher als Musiker, notleidende Asylanten oder Drogendealer. So soll der Black History Month auch dazu dienen, sich untereinander auszutauschen und Netzwerke auszubauen: "Man muss sich gegenseitig helfen, eine eigene Identität zu schaffen und nicht automatisch die anzunehmen, die einem zugedacht wird", so Sow.

Die Veranstaltungen zum deutschen Black History Month in Städten wie in Hamburg, Berlin, Heidelberg oder München haben im Gegensatz zu ihrem US-Vorbild kein einheitliches Thema. Im Mittelpunkt stehen auch auch nicht ausschließlich afrodeutsche Themen; zumindest in Hamburg geht es um die ganze Palette schwarzer Kulturen aus Afrika, den USA, der Karibik und Lateinamerika.

Besonders wichtig, so der Veranstalter des Hamburger Black History Month, Nigel Asher, sei das Angebot für Kinder. Nichtweiße Kids wüchsen in einer Gesellschaft auf, die sie früher oder später spüren lasse, dass sie "anders" seien. "Gerade für Heranwachsende ist es wichtig, eine Position zu finden", weiß Asher. "Einerseits sollen sie sich mit ihren weißen Freunden und in dem alltäglichem Umfeld wohlfühlen. Gleichzeitig ist es ebenso wichtig, ihre jeweiligen kulturellen Wurzeln und historischen Hintergründe zu kennen. Es geht um eine positive Identität." Da besonders viele afrodeutsche Kinder in alleinerziehenden Haushalten mit weißen Müttern aufwüchsen, sei dies oft besonders schwer.

Vater Staat allerdings fühlt sich nicht zuständig: Der Hamburger Black History Month etwa wird ehrenamtlich organisiert und durch Privatspenden finanziert; die Hamburger Kulturbehörde lehnte einen Antrag auf Förderung ab."Ich kann nicht verstehen, dass der Staat ausgerechnet an dieser Stelle spart", klagt Sow: "Der Black History Month ist nicht nur für Schwarze, alle sind herzlich willkommen. Solche Veranstaltungen können helfen, Problemen vorzubeugen und Wunden zu heilen."


Black History Month:

Berlin: bis 28.2. L'Urbangi Cafe Art Room, Carl-Herz-Ufer 9

Hamburg: bis 5. März. Stage Club, Neue Flora, Stresemannstraße 159 a



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